Obama in Buchenwald Gedenken ohne Pomp und PathosSeite 3/3
Dass die Besucher nicht zum nationalen Mahnmal der DDR gehen, ist kein Ausweichen, sondern in Anwesenheit der ehemaligen Häftlinge das Richtige. Es ist der Abschied von einer altmodischen Geschichtspolitik, die nicht nur in der DDR gepflegt wurde: Durch die Form des Gedenkens schuf man eine Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart, erklärte man die Vergangenheit für überwunden.
Das tun sie in Buchenwald heute nicht mehr. Zu ihrer Gedenkdramaturgie der Demut gehört auch, dass es von einer wichtigen Station des Rundgangs keine Bilder geben wird. Im Krematorium herrscht auf Wunsch der Amerikaner Filmverbot. Diese ostentative Zurückhaltung, diese Antipropaganda ermöglicht tatsächlich ein privates, ein stilles Gedenken. Wenn die Kameras dabei wären, würden sie die weißen Fliesen der Pathologie filmen und den Seziertisch mit der Rinne für das ablaufende Blut. Sie würden die offenen Türen der Krematoriumsöfen filmen. Es ist eine gute Entscheidung, dem Sensationsbedürfnis der Medien hier einmal nicht nachzugeben.
Am Ende wird es dann aber doch noch symbolpolitisch. Am Ende treten die vier Besucher aus dem Lagertor, um kurze Reden zu halten. Angela Merkel spricht etwas formelhaft von der Nähe zu Weimar, von Kultur und Terror, von Unfassbarkeit, Entsetzen, Unaussprechlichkeit. Sie braucht unbedingt einen besseren, einen geschichtspolitisch versierten Redenschreiber. Sie hat drei Botschaften. Erstens: Wir verstehen die Erinnerung an den Zivilisationsbruch durch die Shoa als Teil der Staatsräson. Zweitens: Wir danken den alliierten Befreiern, die über den Nationalsozialismus siegten. Drittens: Es erwächst aus der Vergangenheit eine Verpflichtung, sich gegen Krieg und Terror einzusetzen. Es klingt ein bisschen gestelzt, ein bisschen wie in der DDR. Aber wie schlägt man den Bogen zur Gegenwart anders? Obama macht es, in einer viel persönlicheren Rede, doch ähnlich.
Souverän ist, dass er nahezu keine vorbereiteten Worte benutzt, sondern das eben Erlebte reflektiert. Was er gesehen habe. Worüber gesprochen wurde. Was ihn erschüttert habe: diese Ironie, dass da einerseits die Schönheit der Landschaft sei und andererseits der Horror. Dann erzählt Obama von seinem Großonkel, der ein Außenlager Buchenwalds befreite und schockiert war über die fast verhungerten, halbtoten Häftlinge. Der Großonkel gehörte zu den Augenzeugen, die für Zeugnisse in Form von Fotos und Filmen sorgten, die in Folgenjahren so bitter nötig werden sollten gegen die breite Font der Geschichtsleugner. Am Ende verneigt sich Obama vor den Widerständlern gegen den Nationalsozialismus, auch vor dem organisierten Lagerwiderstand. Schließlich zitiert er das Buchenwaldlied. Und er sagt, es sei an uns, den Heutigen, zu widerstehen, wo nötig, die Gerechtigkeit zu verteidigen, die Erinnerung wachzuhalten. Man merkt: Auch nach dem Ende der sozialistisch-antifaschistischen Geschichtspolitik möchte die Politik am Ort der brutalen Sinnlosigkeit doch auf einem Sinn beharren.
Für einen wie Elie Wiesel ist das viel schwieriger, weil er die Erfahrung der totalen Hoffnungslosigkeit gemacht hat. Dass er das zeigt, an so einem Tag, vor den Augen der Welt, beweist großen Mut. Er sagt: Es war heute ein bisschen, als würde ich das Grab meines Vaters besuchen, obwohl er kein Grab hat. Sein Grab liegt im Himmel, das ist heute der größte Friedhof des jüdischen Volkes. – Und dann erzählt Wiesel in ganz schlichten Worten die Tragödie seines Lebens: Ich war da, als mein Vater litt. Ich war da, als er um Hilfe bat. Ich hörte seine letzten Worte. Aber ich war nicht da, als er im Sterben nach mir rief, obwohl wir in derselben Baracke waren. Ich lag im oberen Teil des Bettes und er lag unten und ich hatte zuviel Angst, zu ihm hinunter zu steigen. Ich war da, als er starb, aber ich war nicht da.
Nun ist der weißhaarige Elie Wiesel zurückgekehrt, um zu seinem Vater zu sprechen "Aber kann ich ihm jetzt sagen, dass sich die Welt zum Besseren verändert hat? Nein. Die Welt hat ihre Lektion nicht gelernt. Hätte die Welt ihre Lektion gelernt, hätte es kein Kambodscha gegeben, kein Ruanda, kein Bosnien." – Und dann sagt Wiesel die Sätze, derentwegen er hergekommen ist: Herr Präsident, wir setzen große Hoffnungen in Sie! Dass Sie helfen, eine Welt zu schaffen, in der Hass keine Option ist, dass Rassismus dumm ist und Krieg nicht mehr stattfindet. Wird die Welt je lernen?
Und plötzlich verstehen alle, der Präsident und die Kanzlerin und das Publikum vor den Bildschirmen, warum die Gedenkstätte Buchenwald so wichtig ist. Weil es damals so normal war, unmenschlich zu sein. Weil das leider noch immer nicht vorbei ist. Und sie merken, dass Gedenken auch ohne Fanfaren, ohne Trauermarsch, ohne Flammenschalen, ohne Kniefälle geht. Wiesel hat als Einziger ganz frei geredet. Er kann das, weil er es so ernst meint, weil sein Appell an unser aller Hoffnung aus einer Verzweiflung kommt. Zum Schluss sagt er: Danke Herr Präsident, dass Sie mir ermöglicht haben, an das Grab meines Vaters zurückzukehren!
Dann Umarmungen und Händeschütteln. Dann gehen die Besucher weg und man hört nur noch das Klicken der Kameras und das Verhallen der Schritte, und schließlich bleibt das Zwitschern der Vögel. Es sind diese Vögel, die Jorge Semprun in seinen Büchern erwähnt, die letztlich alle von Buchenwald handeln. Er schreibt: In Buchenwald gab es keine Vögel, weil sie vor dem Rauch des Krematoriums flohen. An einer Stelle aber heißt es: Es gibt wieder Vögel in Buchenwald. Das heißt: Es gibt wieder Hoffnung. Ob die Filmleute, die das Vogelzwitschern aufgenommen haben, das wussten?
- Datum 08.06.2009 - 10:21 Uhr
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- Serie opi
- Quelle ZEIT ONLINE
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... für diesen hervorragenden Artikel. Mit viel Gefühl für die entscheidenden Details wurde gezeigt, was wirklich wichtig ist.
...über eine Pflichtübung von Politclowns:
"Wie nervös Obama und Merkel sind, merkt man an ihrer etwas zu lockeren, etwas zu heiteren Art des Auftretens: Der Präsident schüttelt umstandslos die Hände der Stundenten. Die Kanzlerin wechselt rasch ein paar Worte. Dann stellen sie sich alle zum Gruppenfoto vorm Arrestzellenbau auf. Sie lächeln in die Kameras. Doch der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel lächelt eher nicht. Und Bertrand Herz scheint plötzlich verschwunden."
Armes Deutschland, armes Amerika!
Verflucht, verflucht sind die Urheber und Mörder die in den KZ der Nazis die Menschen, nicht nur Juden, fabrikmäßig hingemordet haben, Menschenunwürdig, Menschenunwürdig der Hölle gleich, wenn es denn sie gibt!
Ist es aber nötig sich immer und immer wieder damit zu geißeln, wie die Mönche im frühen Mittelalter die meinten so Jesus nachzueifern?
Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!
...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.
Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.
Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!
...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.
Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.
Immer wieder zu begeißeln? Ich kenne keinen, der das tut. Erinnern - ja, und noch viel zu wenig!
Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...
Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)
Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...
Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)
keinen Zionismus, keinen Angriff auf UN-Einrichtungen im Gaza...
Ja, die Welt wäre schön, wenn sie ihre Lektion gelernt hätte. Welche Lektion eigentlich?
Kein Zionismus??? Das hat in dieser Aufzählung nichts zu suchen!
Welche Lektion eigentlich?
Z.B. antisemitsche Vernichtungsphantasien ernst zu nehmen und sich dagegen zu wehren.
Kein Zionismus??? Das hat in dieser Aufzählung nichts zu suchen!
Welche Lektion eigentlich?
Z.B. antisemitsche Vernichtungsphantasien ernst zu nehmen und sich dagegen zu wehren.
Gedenktafeln an den Rändern der jüdischen Siedlungen aufstellen. Und an der Grenze zum Gaza. So, dass alle Israelis sehen, wie man _nicht_ mit Menschen umgeht. Denn da scheinen sich ja auch massive Erinnerungslücken aufzutun...
Ach ja, ich mache persönlich keinen Unterschied, ob man Menschen vergast oder sie von ihrem Land vertreibt und in bewaffneten Auseinandersetzungen tötet, wenn sie es wagen, dort bleiben zu wollen. Am Ende sind alle tot. Unterschiede macht hier nur der gut geschulte Demagoge.
(Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik und tragen Sie zu einer sachbezogenen Debatte bei. Die Redaktion/jk)
(entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)
(entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)
...wäre die Verhinderung zur Zeit stattfindender Greueltaten.
Leider tun sich die Nachkommen der Opfer ein wenig schwer die oft bei anderen angemahnte Gnade und Menschlichkeit im eigenen Umfeld anzuwenden, geschweige denn an anderen Brennpunkten aktiv einzugreifen.
(entfernt. Bitte bleiben Sie im Rahmen des guten Geschmacks. Die Redaktion/jk)
Hier sind eine Reihe von Kommentaren gepostet, die eine Äquivalenz zwischen dem Holocaust und dem Israelisch/Palästinensischen Konflikt herbeireden: ich halte einen solchen Vergleich für unanständig, eine Verhöhnung der Opfer der Nazis. Es besteht zwischen Buchenwald und der israelischen Politik (an der sicher manches kritisierenswert ist) kein Vergleich. Es ist beschämend, hier zu lesen, wie die Leiden der Juden unter den Nazis dazu benutzt werden, den Staat Israel zu delegitimieren. DIESE Melodie kennt man schon...
...halt weit entfernt wo Kinder von Soldaten erschossen werden. Durch das Entfernen angemessener Kommentare, die zufällig nicht auf Ihrer Linie liegen werden Sie nicht glaubwürdiger. Einfach stehen lassen, und, bei Bedarf, angemessen kommentieren.
Hier sind eine Reihe von Kommentaren gepostet, die eine Äquivalenz zwischen dem Holocaust und dem Israelisch/Palästinensischen Konflikt herbeireden: ich halte einen solchen Vergleich für unanständig, eine Verhöhnung der Opfer der Nazis. Es besteht zwischen Buchenwald und der israelischen Politik (an der sicher manches kritisierenswert ist) kein Vergleich. Es ist beschämend, hier zu lesen, wie die Leiden der Juden unter den Nazis dazu benutzt werden, den Staat Israel zu delegitimieren. DIESE Melodie kennt man schon...
...halt weit entfernt wo Kinder von Soldaten erschossen werden. Durch das Entfernen angemessener Kommentare, die zufällig nicht auf Ihrer Linie liegen werden Sie nicht glaubwürdiger. Einfach stehen lassen, und, bei Bedarf, angemessen kommentieren.
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