Trainer in der Bundesliga "Deutsche Klubs meiden das Risiko"
Interview mit Horst Zingraf vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer über hervorragende, aber übersehene Trainertalente, das Geschäft Fußball und die neue Macht der Trainer
ZEIT ONLINE: Herr Zingraf, Trainerentlassungen gehören längst zu den festen Ritualen des Profifußballs. Wenn aber Fußball-Lehrer von sich aus kündigen, ist das so ungewöhnlich, dass Klub-Verantwortliche ratlos sind und Wolfgang Holzhäuser von Bayer Leverkusen an die "Trainer-Ethik" appelliert. Was ist los in Ihrer Zunft?
Horst Zingraf: Ungeachtet dessen, dass man jeden Fall einzeln betrachten muss, zeigen die jüngsten Beispiele, dass sich die Trainer mehr und mehr auf Augenhöhe mit der Klubführung befinden. Die Machtbalance hat sich zugunsten des Trainers verschoben. Er ist der wichtigste Angestellte eines Klubs im sportlichen Bereich. Dessen sind sich die Trainer bewusst. Sie sind professioneller geworden, was sich auch in der Ausarbeitung der Arbeitsverträge zeigt. Ich sehe nichts Unmoralisches darin, wenn im Vertrag die Möglichkeit einer vorzeitigen Auflösung festgeschrieben wird und ein Trainer die Option zieht.
ZEIT ONLINE: Im Fall von Bruno Labbadia scheint die Sache etwas komplizierter zu sein.
Zingraf: Da gibt es wohl einen Verstoß. Doch man hat sich ja inzwischen geeinigt. Ich kann die Enttäuschung von Herrn Holzhäuser verstehen. Aber er hätte das Geld vom HSV nicht nehmen müssen, sondern auf die Erfüllung des Vertrages pochen können.
ZEIT ONLINE: Noch zahlen die Klubs ungern Ablösesummen für Trainer. Der FC Bayern München hat sich strikt geweigert, Louis van Gaal aus seinem Vertrag zu kaufen, obwohl der auf der Wunschliste ganz oben stand.
Zingraf: Und wenn schon. Bei Spielern ist es gang und gäbe, sie aus Verträgen herauszukaufen. Warum soll das bei Trainern nicht gehen? Fußball ist ein Geschäft. Wie in jedem Wirtschaftsunternehmen können auch im Fußball die leitenden Angestellten ihren Arbeitsplatz wechseln.
ZEIT ONLINE: Ottmar Hitzfeld verweist auf die Vorbildfunktion des Trainers gegenüber seinen Spielern. Und Jupp Heynckes kritisiert Ausstiegsklauseln, weil sie die notwendige Identifikation mit dem Verein und der Region fragwürdig erscheinen lassen.
Zingraf: Natürlich ist das Einhalten von Verträgen wichtig. Die Trainer haben eine Vorbildfunktion, ich denke dabei vor allem aber an ihre Vorbildrolle im Bereich des Breitensports, für die vielen Trainer in den Amateurvereinen. Was den Profifußball angeht, mag Ottmar Hitzfeld schon Recht haben, wenn er auf die Gefahr hinweist, in Gesprächen mit abwanderungswilligen Spielern die Argumentationsgrundlage zu verlieren. Dass aber durch Ausstiegsklauseln in den Verträgen die Identifikation mit dem Klub von vornherein gemindert wird, sehe ich nicht so. Das ist doch wie bei Eheleuten, die haben auch nicht gleich die Trennung im Kopf, nur weil sie in einem Ehevertrag bestimmte Dinge regeln.
ZEIT ONLINE: Es fällt auf, dass kaum neue Gesichter auftauchen und stattdessen die altbekannten Trainer innerhalb der Bundesliga ständig rochieren. Hat der deutsche Fußball ein Trainer-Nachwuchsproblem?
Zingraf: Das sehe ich nicht so. Jedes Jahr kommen 25 neue Fußball-Lehrer auf den Markt. Da sind hervorragende Trainer darunter. Leider meiden die Vereine häufig das Risiko, jungen, noch unbekannten Leuten eine Chance zu geben. Die Klubs wollen den sicheren Weg gehen und Trainer engagieren, die in ihrer Karriere bereits etwas erreicht haben. So versucht man möglichen Vorbehalten von vornherein aus dem Weg zu gehen. Ist kein bekannter deutscher Trainer auf dem Markt, sucht man im Ausland, insbesondere in Holland nach einem Mann, der Titel vorweisen kann. Immerhin haben wir aber neue Gesichter in der Bundesliga: Michael Oenning, Markus Babbel und Robin Dutt.
ZEIT ONLINE: Trotzdem wird an der Qualität der Trainerausbildung in Deutschland gezweifelt. In Holland, das sie als geschätztes Trainer-Importland ansprachen, soll sie besser sein.
Zingraf: Das ist ein Vorurteil, das jeglicher Grundlage entbehrt. Inhaltlich und was den Umfang angeht gibt es da keinen Unterschied. Die Ausbildung in Holland ist nur gestreckter. Die jungen Trainer arbeiten weiterhin in ihren Klubs und feilen in der spielfreien Zeit oder am Abend an ihrem Trainerschein. Das ist wie eine Art zweiter Bildungsweg. In Deutschland ist die Ausbildung in Blöcke gegliedert. Aber auch hier gibt es Bestrebungen, die Vereinbarkeit von Trainerarbeit und Unterricht zu erhöhen. Grundsätzlich haben wir in Deutschland Top-Lehrpläne und Top-Ausbilder.
ZEIT ONLINE: Dennoch fällt auf, dass seit längerer Zeit kein deutscher Trainer – bis auf den "Halbspanier" Bernd Schuster – in einer der europäischen Top-Ligen gearbeitet hat.
Zingraf: Das stimmt. In der Tat können wir derzeit keine Leute wie vormals Udo Lattek vorweisen. Man darf die Sprachbarriere nicht unterschätzen. Zudem haben wir eine absolut attraktive Erste und auch eine sehr interessante Zweite Liga, die eine Fülle an Top-Arbeitsplätzen bieten. Das ist in Holland anders. Unsere Nachbarn gelten ja sowieso als sehr wanderfreudig. Dass die holländische Ehrendivision vergleichsweise unattraktiv ist, verstärkt diesen Trend bei den Trainern noch.
ZEIT ONLINE: Nach dem überraschenden Gewinn der deutschen Meisterschaft könnte das Magath-Modell mit der für Bundesliga-Verhältnisse einzigartigen Bündelung von Kompetenzen Nachahmer finden.

Horst Zingraf
Zingraf: Ich denke, dass es kein überlegenes System gibt. Wenn ich sehe, wie hervorragend sich Thomas Schaaf und Klaus Allofs als Trainer und Manager ergänzen, ist auch das eine sehr gute Lösung. Das angelsächsische Modell mit der Budget-Hoheit des Trainers und Teammanagers in Personalunion hat sicherlich seine Vorteile. Hier entscheidet der Trainer allein über Neuverpflichtungen. In der Bundesliga sitzt er zwar mit am Tisch. Aber was will der Trainer machen, wenn er vom Geschäftsführer und dem Sportdirektor überstimmt wird? Erfüllt ein neuer Spieler dann nicht die Erwartungen, heißt es: Der Trainer hat doch mit am Tisch gesessen.
ZEIT ONLINE: Die Stellung des Trainers in den englischen Klubs ist insgesamt eine andere.
Zingraf: Dort ist die Sichtweise die, dass man die Führung derjenigen Person anvertrauen sollte, die am meisten vom Produkt Fußball versteht und dessen Qualität garantiert, also dem Trainer. In England wurde der Trainer im Laufe der Zeit zum Teammanager, der alle wichtigen Entscheidungen trifft. In Deutschland ist der Trainer dagegen der Trainer geblieben. Manche Trainer hierzulande wollen aber auch gar nicht, dass sich daran etwas ändert. Sie wollen sich allein um die sportlichen Belange kümmern. Wenn ein Trainer einen neuen Job sucht, muss er sich die Fragen stellen, zu welcher Klubstruktur sein eigenes Personenprofil passt. Man muss eine saubere Analyse machen. Das ist der Schlüssel für ein längerfristiges Engagement.
ZEIT ONLINE: Klingt eigentlich selbstverständlich. Warum handeln viele Trainer nicht nach diesem Grundsatz?
Zingraf: Das Problem ist, dass es deutlich mehr Trainer als Stellen gibt. So lange zu warten, bis beim passenden Verein endlich der Posten frei ist, macht man nicht so gern. Ich habe kürzlich mit einem Manager gesprochen. Der meinte, er werde nie in die Situation kommen, dass er ratlos sein wird, wenn überraschend die Trainerposition neu zu besetzen ist. Er habe immer ein paar mögliche Kandidaten im Hinterkopf. Ein guter sportlicher Leiter muss stets den Markt genau beobachten.
ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr waren die Verantwortlichen beim HSV zwischenzeitlich belächelt worden, weil sie sich auffallend viel Zeit für die Suche des Nachfolgers von Huub Stevens genommen hatten.
Zingraf: Anfangs wurde das negativ dargestellt. Aber später gab es viel Anerkennung dafür, dass der Klub sehr professionell vorgegangen ist. Ich denke, das hat einen Schub in die richtige Richtung gegeben.
ZEIT ONLINE: Bitter nur, dass der mit großem Aufwand auserwählte Martin Jol nach einem Jahr schon wieder das Weite sucht.
Zingraf: Das ist wirklich sehr schade. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass die Vorgehensweise vorbildlich war. Wie ich schon sagte, Trainer sind leitende Angestellte eines Klubs. Und wie andere Wirtschaftsunternehmen müssen auch Profifußballklubs dafür Sorge tragen, dass mit Hilfe eines durchdachten Auswahlverfahrens die passenden Leute für die Schlüsselposition gefunden werden.
Das Gespräch führte Roland Wiedemann.
- Datum 09.06.2009 - 17:28 Uhr
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Leider ist es immer noch in den meisten deutschen Fussballvereinen, dass die Anzahl der hagestolzen Traumtänzer größer ist als die der analytisch Risikobereiten, die natürlich nach Ansicht der Traumtänzer moralisch auf der falschen Seiten stehen. Bis dann keiner mehr von Moral was wissen will und später wieder eine Wende her muss. Entweder oder: Ist halt auch ein Stück Deutschland.
Ach, fehlt hier nicht ein Name? - Ach, wie hieß der noch, der eine starke Treter-WM leitete (mit wenig weltmeisterlichen Spielern) - dann FC Bayern in die rosigsten aller Zeiten führen sollte ...!?
- Mein Gott, wie heißt denn der Typ noch, der Gekreuzigte...?!
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