Studierende der Berliner Humboldt-Universität kleben Bildungsbeschwerden an eine selbst gebastelte Klagemauer. Ihre Kommilitonen an der Viadrina werfen sich zum Protest auf den Fußboden. Mit symbolischen Banküberfällen ist zu rechnen: Die Woche des "Bildungsstreiks 2009" von Schülern und Studierenden hat begonnen. Höhepunkt soll die Demo am heutigen Mittwoch sein. Bis zu 200.000 Teilnehmer werden bundesweit erwartet.

Während eher links gesinnte Verbände und Parteien Sympathiebekundungen abgeben, will das konservative Lager den Bildungsstreik nicht unterstützen. Die linken Initiatoren, so warnt die Union im Bundestag gemeinsam mit dem Philologenverband, wollten "arglose Schüler und Studenten als Statisten für öffentlichkeitswirksame Wahlkampf- Events" gewinnen.

Was wollen die Schüler und Studierenden in der "Projektgruppe Bildungsstreik"? Sie wenden sich dagegen, dass Bildung den "Gesetzen des Marktes unterworfen wird". Sie sind gegen Kita- und Studiengebühren, gegen die Privatisierung von Bildung, gegen Leistungs- und Konkurrenzdruck, gegen den Einfluss der Wirtschaft auf Lehrinhalte und für mehr Mitbestimmung bei Schulen und Hochschulen sowie für mehr Geld für die Bildung.

Wie Schulen und Hochschulen aussehen sollen, war in Deutschland schon immer eine ideologisch hart umkämpfte Frage. Linke Rhetorik und radikale Protestformen beim Bildungsstreik (Blockaden, Besetzungen) sind deshalb gesamtgesellschaftlich auch nicht kompatibel. Die große Richtung des Bildungsstreiks scheint aber doch den Nerv vieler Schüler und Studierender zu treffen. Offenbar hat die linke Ursorge, das Bildungswesen könnte zunehmend nur noch auf Verwertung aus sein, nun auch den Mainstream der Schüler- und Studierendenschaft erreicht.

Schule und Hochschule durchweht immer der gerade vorherrschende Zeitgeist. Seit einigen Jahren spiegeln sie die Angst des Wirtschaftsriesen Deutschland vor seinem Niedergang wider. Schon in der Grundschule beginnt ein Wettrennen auf die Plätze im Gymnasium, der Schulform, die die größten beruflichen Chancen eröffnet. Um junge Menschen schneller auf den Arbeitsmarkt zu führen, wurde die Schulzeit verkürzt – allerdings ohne die Stundentafel beherzt zu entschlacken und rechtzeitig Ganztagsunterricht zu schaffen.

Mit dem Pisa-Schock ist der Leistungsdruck auf Schüler und Lehrer gewachsen. Pisa ist eine Studie einer Wirtschaftsorganisation, der OECD. Sie fragt danach, mit welchen Kompetenzen Schüler im Beruf erfolgreich sein können, nicht aber nach ihrer musischen, künstlerischen und sozialen Entfaltung.

Im Bachelor geht es dann oft weiter wie in der Schule. Eitle Professoren haben viele der neuen Studiengänge mit Stoff und Prüfungen vollgestopft – und das, obwohl die meisten Hochschulleitungen unbedingt nur den superkurzen sechssemestrigen Bachelor wollten, um mehr Zeit für den aufbauenden Master zu gewinnen. Der aber wird nicht allen offen stehen, es wird eine Auswahl geben müssen.

Die Lage bedrückt offenbar viele Jugendliche. Sie wollen nicht zur Schule oder zur Uni gehen, um dort möglichst schnell auf den Tanz ums goldene Kalb vorbereitet zu werden. Sie wollen nicht nur funktionieren. Sie fordern Zeit zum Lernen und eine gute Betreuung. Das ist nicht zu viel verlangt.