Die Woche begann mit Protesten und Kundgebungen der Erzieherinnen. Allein 30.000 in Köln. Auch die Schüler und Studenten gehen seit Montag auf die Straße. Lehrer und Hochschullehrer folgen. Sie werden zu Manifestationen ihrer Unzufriedenheit zusammenkommen. Und am Ende der Woche lädt zum Beispiel in Freiburg das Theater zum "Schule träumen" ein.

In der Mittsommernacht von Samstag auf Sonntag wird sich ein kilometerlanger Tisch zwischen zwei Theatern durch die Freiburger Altstadt ziehen, garniert mit Sprüchen wie diesem: "Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Flammen, die entfacht werden wollen."  Der Satz von Francois Rabelais ist bald 500 Jahre alt, aber er wurde selten so missachtet wie derzeit in Deutschland. Unter dem absurden Fässerfüllen leiden zum Beispiel die Schüler im beschleunigten Gymnasium. Bildung in Deutschland kommt vielen vor wie Tennisspielen auf Kopfsteinpflaster.

Eines der größten Probleme ist die traditionelle Geringschätzung der frühkindlichen Bildung. Sie zeigt sich an der niedrigen Einstufung der Erzieherinnen. Dabei ist inzwischen selbst von Bildungsökonomen nachgewiesen, dass Bildung - oder der Verzicht darauf - nie folgenreicher ist als bei den Kleinsten. Jeder in die frühen Jahre investierte Euro bringt der Gesellschaft eine Rendite von 13 Prozent! Ausgerechnet an dieser "Bank" wird in Deutschland am meisten geknausert.

Ähnlich verquer ist der Umgang mit Zeit. Lernzeit, ob bei Kindern oder bei Wissenschaftlern, ist immer diskontinuierlich. Man klebt an einem Problem. Man dreht sich im Kreis. Und plötzlich macht man einen Sprung. Das geht nicht im Gleichschritt und nicht unter Druck. Wenn nun in den meisten Schulen und Hochschulen der Zeitdruck erhöht und die Atmosphäre verschlechtert wird, verführt man immer mehr zum Bluff.  

Jugendliche wollen dann nur noch Prüfungszertifikate erwerben. Viele Schüler und Studenten sehen Ähnlichkeiten zwischen der Panikökonomie in der Wirtschaft und ihrer Ausbildung. Sie erfahren am eigenen Leib, wie die Ökonomisierung und Instrumentalisierung  den Lernbetrieb in den Leerlauf führt, wie diese Instrumentalisierung das Instrument selbst zerstört. Dabei heißt doch der Kern der europäischen Bildungsidee "Scholae". Und das bedeutete in der Antike "Muße", "frei sein von Geschäften". Muße ist auch ökonomisch gesehen produktiver als die Rituale von Lernen und Vergessen.

Der resignativ-apathische Schleier, der sich in den vergangenen Jahren über Schulen und Hochschulen gelegt hatte und dem die meisten nur durch Karriere oder privaten Rückzug zu entkommen glaubten, könnte sich jetzt auflösen.

Natürlich geht es dabei auch ums Geld. Schon wird für die Bildungsausgaben wieder mit der grausamen Sparpolitik gedroht. Politiker sagen, wir sind doch alle für die Bildung, aber woher denn das Geld nehmen?

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Doch wir reiben uns die Augen, wenn wir erfahren, dass der höchstbezahlte Hedgefonds-Manager in den USA in einem Jahr mehr verdient hat als alle New Yorker Lehrer in drei Jahren. Und nun werden die Wüsten, die solche Menschen hinterlassen haben, mit staatlichen Milliarden wieder aufgeforstet. Allein für Hypo Real Estate wurde eine Summe mobilisiert, die die staatlichen und privaten Ausgaben für Bildung in einem Jahr in Deutschland übersteigt – ohne Hochschule und Forschung, aber inklusive privat gezahlter Kindergartengebühren und der zwei Milliarden für Nachhilfe.

Aber trotz der Wut, die man angesichts solcher Bilanzen zügeln muss, steht nicht die Schlacht mit Feinden an, sondern die Suche nach Freunden, um mit dem großen Projekt zu beginnen, das der Neurobiologe Gerald Hüther so definiert: Abschied von einer Gesellschaft des Ressourcenverbrauchs zu einer der Ressourcenproduktion. Es geht auch nicht nur um die Kompetenzen von Menschen, es geht darum, sie so ins Leben einzuladen und willkommen zu heißen, dass sie selbst etwas wollen. Die Welt, in der Menschen entkernt wurden, damit sie wie Maschinen funktionieren, geht zu Ende.