Die Mulackstraße in Berlin-Mitte ist ruhig, nur selten fährt hier ein Auto entlang. Vor einem Laden sitzt eine Frau und raucht, im Restaurant gegenüber kann man handgemachte Knödel essen. Berlin ist hier so, wie es sein möchte: urban, jung und entspannt. Mittendrin hat Leyla Piedayesh ihr Atelier, direkt hinter dem "Lala Berlin"-Shop, wo sie ihre Kollektionen verkauft. Die 38-Jährige sitzt an ihrem Schreibtisch. Um den Hals trägt sie einen Anhänger mit dem arabischen Schriftzeichen für Allah.

Überall liegen Kaschmirwollknäuel herum. Die erste "Lala Berlin"-Kollektion 2004 bestand ausschließlich aus Handgestricktem, und immer noch kommt in jeder Kollektion viel Wolle vor, feine oder grobe, Kaschmir , Mohair, Merino. Bei den aktuellen Entwürfen ist ein fast knöchellanger wollweißer Mantel mit großen Maschen dabei, der " David " heißt und tatsächlich ein bisschen so aussieht, als hätte David Bowie ihn damals in den Siebzigern an seinem freien Tag getragen.

Cool, aber ein bisschen müde, das ist der Look von "Lala Berlin": keine strengen Silhouetten, alles ist immer ein bisschen zu groß oder verrutscht. Selbst eine bodenlange Robe aus fuchsiafarbener Seide sieht nicht angezogen aus, sondern auf eine gleichmütige Weise elegant, ganz so als hätte die Trägerin sie einfach schnell übergeworfen.

"Bin ich eine Immigrantin?", fragt Leyla Piedayesh und lacht, als ich sie frage, wie es war, als sie Ende der siebziger Jahre mit ihrer Familie aus Iran nach Deutschland kam. "Bin ich eine Immigrantin?" fragt sie nochmals und sieht ihre Mitarbeiterin an, die gerade dabei ist, mit Bleistift einer schmalen Frauensilhouette ein Kleid zu zeichnen. Die Mitarbeiterin zuckt die Schultern.

Da klingelt Piedayeshs Handy, sie geht ran, redet, lacht, legt auf.
Also, ja, wo waren wir?
Du hast dich gefragt, ob du eine Immigrantin bist.
Tja, ich weiß nicht, sagt Piedayesh.

Dabei gibt es eigentlich keinen Zweifel, dass die Designerin zu der Personengruppe zählt, die man "Migranten" nennt. Sie wurde 1970 in Teheran geboren, als sie neun Jahre alt war, zog sie mit ihrer Familie nach Wiesbaden . Wahrscheinlich zögert sie, weil man Begriffe aus der Wortfamilie "Migration" meistens nur dann verwendet, wenn es um die Beschreibung von sozialen Problemen geht.