Medizin-Software Virtuelle Doppelgänger

Wie groß ist mein Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden? Eine Software, die viele Ärzte bereits einsetzen, zeigt es. Das Programm wurde jetzt prämiert

Hand aufs Herz: Wie groß das individuelle Infarktrisiko ist, misst das Programm "Arriba" unter anderem an Blutwerten und Lebensstil des Patienten

Hand aufs Herz: Wie groß das individuelle Infarktrisiko ist, misst das Programm "Arriba" unter anderem an Blutwerten und Lebensstil des Patienten

Vorbeugen ist besser als Heilen. Aus diesem Grund steht beispielsweise jedem Pflichtversicherten von 35 Jahren an ein kostenloser Check-up beim Hausarzt zu. Dabei werden außer einer körperlichen Untersuchung der Blutdruck gemessen und einige Laborwerte bestimmt. Eine der wichtigsten Fragen dieser Untersuchung lautet: Wie groß ist die Gefahr, in den nächsten Jahren einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu bekommen? Vor allem aber: Was können der Betroffene selbst und sein Arzt dagegen unternehmen?

Um diese Frage auch für medizinische Laien verständlich zu beantworten, setzen immer mehr Ärzte das Computerprogramm "Arriba" ein. Mithilfe von einfachen Symbolen zeigt es, wie groß das Risiko für einen Herzinfarkt ist und wie stark es abnimmt, wenn man seinen Lebensstil ändert. Dafür erhielten die Entwickler jetzt den mit 22.000 Euro dotierten Berliner Gesundheitspreis.

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Arriba (die Abkürzung steht für "Absolutes und relatives Risiko – individuelle Beratung in der Allgemeinpraxis") benötigt jene Kenngrößen des Patienten, die der behandelnde Arzt ohnehin bestimmt. Neben dem Blutdruck sind das etwa Gehalte von Blutfett und Blutzucker. Auch Alter, Geschlecht, familiäre Belastung und Lebensstil sind für die Bewertung des Gesamtrisikos wichtig.

Doch was soll geschehen, wenn Labor- und andere Untersuchungsergebnisse auf dem Tisch liegen? Oder wenn ein Patient, der schon seit Jahren Tabletten gegen seinen erhöhten Blutdruck und gegen andere Risikofaktoren nimmt, in der Praxis seines Hausarztes das Gespräch auf die Frage bringt, ob er wirklich alle diese Mittel braucht? "Die Zeiten, in denen Arzt oder Ärztin solche Fragen autoritär allein entschieden haben, sollten längst vorbei sein", sagt Norbert Donner-Banzhoff. Er forscht in der Abteilung für Allgemeinmedizin der Universität Marburg und betreibt selbst eine Praxis für dieses Fachgebiet. "Shared decision-making", gemeinsame Entscheidungsfindung, heiße die Lösung.

Dabei soll die Software Arriba helfen, an deren Entwicklung Donner-Banzhoff maßgeblich beteiligt war. Basierend auf den Ergebnissen großer wissenschaftlicher Studien kann das Programm nicht nur die Risiken für einen Herzinfarkt berechnen, sondern auch anschaulich darstellen. Die schnöde Statistik wird dafür optisch aufbereitet, das Risiko in absoluten Zahlen statt in Prozenten dargestellt.

Ausgangspunkt sind 100 kleine "Smilies", also lachende Gesichter, die für ebenso viele fiktive gesunde Personen stehen. Indem die individuellen Gesundheitswerte des Patienten eingegeben werden, wird der Gesichtsausdruck bei einigen Smilies getrübt. So entsteht ein Bild des Schicksals von 100 "Doppelgängern", die haargenau dieselben Untersuchungsergebnisse haben wie der Mann oder die Frau, die ihrem Arzt im Sprechzimmer gerade gegenübersitzt. Man kann sehen, wie viele von ihnen voraussichtlich einen Herzinfarkt haben werden, wie viele daran sterben. Aber auch, was es den Doppelgängern bringen würde, wenn sie während der nächsten zehn Jahre etwa ein Mittel gegen zu hohen Blutdruck einnähmen – und wie viele von ihnen trotzdem nicht vor dem Infarkt verschont blieben.

Das Programm ist mit öffentlichen Fördermitteln unter der Federführung von Attila Altiner von der Universität Düsseldorf entstanden. Die Software und gedruckte Infomaterialien stehen allen niedergelassenen Ärzten frei zur Verfügung. Eine Vergleichsstudie, die im Jahr 2004 gestartet wurde, hat gezeigt, dass die Patienten, deren Ärzte mit dem Programm arbeiten, mit der Behandlung zufriedener sind und sich in die Entscheidung besser einbezogen fühlen.

Leser-Kommentare
  1. Erfahrungsbericht: bei der Anwendung des Arriba-Rechners ergeben sich eine Vielzahl von Ungereimtheiten. Zur Probe habe ich die Daten eines Patienten einmal eingegeben (männlich, 60Jahre, keine Risikofaktoren, keine KHK, Blutdruck 160, Cholesterin 220, HDL 50, kein Diabetes). Als individuelles Risiko für ein kardiovaskuläres Risiko wird 13,2 % angegeben. Eine medikamentöse Blutdrucksenkung verspricht eine Risikosenkung auf 9,9 %. Unter Therapie mit einem ACE-Hemmer sank der Blutdruck bei dem Patienten tatsächlich auf 140mmHg systolisch. Gebe ich die veränderten Daten ein (Hypertoniebehandlung, RR 140) wird anstelle der erwarteten Risikosenkung jetzt sogar ein Risiko von 14,1 % angegeben. Auf wundersame Weise scheint aufgrund der Behandlung das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse zu steigen.

    Vielleicht, so überlegte ich, war das nur ein ungeeignete Beispiel. Als nächste gebe ich die Daten eines rüstigen Rentners mit fast optimalen Werten ein (männlich, 80 Jahre, schlank, mobil, keine KHK, Blutdruck 130 mmHg, Cholesterin 180, Hdl 50). Das Risiko wird mit 19,5% angegeben und sei damit kaum besser als das durchschnittliche Risiko eines 80jährigen Mannes. Hebe ich das Gesamtcholesterin auf 300 mg/dl bei sonst gleichen Parametern an, so steigt nicht etwa das Risiko, sondern fällt paradoxerweise auf 18,1 %.

    Nun packte mich der Ehrgeiz – welche Parameter müssen eingegeben werden, damit ein 80jähriger Patient zu den besten 5% seines Jahrgangs gehört. Erst bei einem extrem hohen Cholesterinwert von 330 (Hdl unverändert 50) und einem Blutdruck von 90 mmhg läge das Risiko bei 11,4 %.
    Eine zusätzliche blutdrucksenkende Medikation verbietet sich in dieser Situation eigentlich. Im Rechner mal mutig angeklickt, führt sie zu einer Senkung des kardiovaskulären Risikos auf 8,6 % und erscheint damit sinnvoller als die vom Rechner angeratene Statintherapie. Kontrolleingaben zeigen mir, dass auch bei einem Blutdruckausgangswert von 90 mmHg unabhängig von Geschlecht und Risikofaktoren eine zusätzliche blutdrucksenkende Medikation immer zu einer Risikominimierung führt.

    Bislang hätte ich einem 60jährigem Raucher , keine manifeste Arteriosklerose, Blutdruck 120, Gesamtcholesterin 260, Hdl 50 (Risiko 17%) als vordringliche Maßnahme einen Rauchstopp angeraten (Risikominderung auf 11%). Dank Arriba-Rechner lerne ich, dass Ernährungsumstellung und Sport als Kombination reichen, um trotz Nikotinkonsum das Risiko auf unterdurchschnittliche 9,5% zu senken. Verordne ich dann auch noch blutdrucksenkende Medikamente, ein Statin und ASS in Kombination sinkt das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse bei diesem Patienten angeblich auf 4,5 % trotz fortgesetztem Nikotinkonsum.

    Hier fehlt eindeutig ein Warnhinweis „Achtung, dieses Arribaorakel kann auch zu absoluten unsinnigen Schlussfolgerungen verleiten!“

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