Diese 62,6 Prozent waren zu viel. Zu viel der Manipulation, zu viel des Betruges. Das iranische Volk ist wieder einmal schamlos hintergangen worden, wie so oft in den vergangenen 30 Jahren. Dass bei einer Rekordwahlbeteiligung von 85 Prozent eine echte Mehrheit für Ahmadineschad stimmt? Wer glaubt das ernsthaft? Das manipulierte Ergebnis vom vergangenen Freitag ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Iran erlebt die größten Massendemonstrationen seit der Revolution von 1979. Zunächst waren es die jungen Menschen, die auf die Straße gegangen sind. Jetzt sind es Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die friedlich protestieren. Aus Tausenden wurden Hunderttausende, inzwischen sollen es nahezu zwei Millionen sein. Die iranische Gesellschaft ist nicht gespalten, denn alle Iraner haben ein gemeinsames Ziel: Freiheit. Ein Ziel, das sich nur mit einem Weg erreichen lässt: mit einem anderen politischen System.

Die Islamische Republik hat schon lange im Inneren ihre Legitimation verloren, und das zeigt sich nun auch auf den Straßen Irans. Nicht nur in Teheran, sondern auch in Städten wie Isfahan, Ahvaz, Shiraz oder Tabris. Die iranische Bevölkerung will einen Regimewechsel und sie ruft es in die Welt hinaus mit "Tod dem Diktator" und "Allah ist groß" - besonders Letzteres erinnert an die vergangene Revolution, die den Shah gestürzt hat. Die Iraner sind nicht in Resignation verfallen und sie haben den größten Mut bewiesen mit dieser Auflehnung gegen ein reaktionäres Folterregime. Ist das Irans nächste Revolution?

Es spricht sehr vieles dafür. Die Angst der Unterdrückten hat sich in eine geballte Entschlossenheit gewandelt, und die Solidarität unter den Demonstranten, die sich an den Händen halten und damit Geschlossenheit zeigen, hat eine Welle ausgelöst, die das Regime nicht mehr zurückdrängen kann. Es geht hier nicht nur um den Sturz von Mahmud Ahmadineschad, es geht um den Sturz einer gesamten Diktatur. Ahmadineschad ist die Marionette des Revolutionsführers und obersten Geistlichen Chamenei, auf dessen Konto der Staatsstreich des vergangenen Freitags geht. Am vergangenen Wochenende riefen die Menschen "Mussawi, Mussawi, kämpfe für unsere Stimmen!", gestern riefen sie "Habt keine Angst, habt keine Angst, wir halten alle zusammen!" und bald wollen sie wieder auf den Straßen demonstrieren und dabei rufen "Mussawi, erobere die Flagge unseres Irans zurück!".