Proteste in Iran Eine Revolution bahnt sich an
Der Wandel ist greifbar nah: Die Iraner wollen endlich in Freiheit leben. Aber sie benötigen die Unterstützung des Westens. Ein Kommentar

© OLIVIER LABAN-MATTEI/AFP/Getty Images
Friedliche Demonstration auf dem Teheraner Asadi-Platz: Anhänger von Mir-Hossein Mussawi, Montag, 15. Juni
Diese 62,6 Prozent waren zu viel. Zu viel der Manipulation, zu viel des Betruges. Das iranische Volk ist wieder einmal schamlos hintergangen worden, wie so oft in den vergangenen 30 Jahren. Dass bei einer Rekordwahlbeteiligung von 85 Prozent eine echte Mehrheit für Ahmadineschad stimmt? Wer glaubt das ernsthaft? Das manipulierte Ergebnis vom vergangenen Freitag ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.
Iran erlebt die größten Massendemonstrationen seit der Revolution von 1979. Zunächst waren es die jungen Menschen, die auf die Straße gegangen sind. Jetzt sind es Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die friedlich protestieren. Aus Tausenden wurden Hunderttausende, inzwischen sollen es nahezu zwei Millionen sein. Die iranische Gesellschaft ist nicht gespalten, denn alle Iraner haben ein gemeinsames Ziel: Freiheit. Ein Ziel, das sich nur mit einem Weg erreichen lässt: mit einem anderen politischen System.
Die Islamische Republik hat schon lange im Inneren ihre Legitimation verloren, und das zeigt sich nun auch auf den Straßen Irans. Nicht nur in Teheran, sondern auch in Städten wie Isfahan, Ahvaz, Shiraz oder Tabris. Die iranische Bevölkerung will einen Regimewechsel und sie ruft es in die Welt hinaus mit "Tod dem Diktator" und "Allah ist groß" - besonders Letzteres erinnert an die vergangene Revolution, die den Shah gestürzt hat. Die Iraner sind nicht in Resignation verfallen und sie haben den größten Mut bewiesen mit dieser Auflehnung gegen ein reaktionäres Folterregime. Ist das Irans nächste Revolution?
Es spricht sehr vieles dafür. Die Angst der Unterdrückten hat sich in eine geballte Entschlossenheit gewandelt, und die Solidarität unter den Demonstranten, die sich an den Händen halten und damit Geschlossenheit zeigen, hat eine Welle ausgelöst, die das Regime nicht mehr zurückdrängen kann. Es geht hier nicht nur um den Sturz von Mahmud Ahmadineschad, es geht um den Sturz einer gesamten Diktatur. Ahmadineschad ist die Marionette des Revolutionsführers und obersten Geistlichen Chamenei, auf dessen Konto der Staatsstreich des vergangenen Freitags geht. Am vergangenen Wochenende riefen die Menschen "Mussawi, Mussawi, kämpfe für unsere Stimmen!", gestern riefen sie "Habt keine Angst, habt keine Angst, wir halten alle zusammen!" und bald wollen sie wieder auf den Straßen demonstrieren und dabei rufen "Mussawi, erobere die Flagge unseres Irans zurück!".
- Datum 16.06.2009 - 17:56 Uhr
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- Serie opi
- Quelle ZEIT ONLINE
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"Zu viel der Manipulation, zu viel des Betruges. Das iranische Volk ist wieder einmal schamlos hintergangen worden, wie so oft in den vergangenen 30 Jahren. Dass bei einer Rekordwahlbeteiligung von 85 Prozent eine echte Mehrheit für Ahmadineschad stimmt? Wer glaubt das ernsthaft?"
Es geht hier nicht um Glaubensfragen. Bei solchen ernsthaften Vorwürfen benötigt man Beweise, zumindest aber glaubwürdige Indizien. Dass es in einer de facto Diktatur wie im Iran schwierig ist, an solche Beweise zu kommen, ist natürlich klar.
Dennoch: Wie viele Menschen im Westen kennen sich gut genug mit dem Iran aus, als dass sie beurteilen könnten, dass Ahmadinedschad tatsächlich keine Mehrheit von 62,6% hat? Da ist man auf die Medien angewiesen, die die Aufgabe haben, ein realitätsgetreues Bild der Lage zu vermitteln. Aber selbst die Medien sind sich ja uneins über die Frage des Wahlbetrugs - es besteht durchaus die Chance, dass Ahmadinedchad die Mehrheit mit Hilfe der Landbevölkerung errang.
Im Übrigen ist es nicht ungefährlich, sich in die Innenpolitik eines anderen Landes einzumischen. Zumal man seitens des Westens wohl kaum Mussawi unterstützen kann, der ja auch ein Hardliner zu sein scheint, sondern höchstens die Forderungen der Demonstranten nach mehr Freiheit.
Wie viele Menschen im Westen kennen sich gut genug mit dem Iran aus, als dass sie beurteilen könnten, dass Ahmadinedschad tatsächlich keine Mehrheit von 62,6% hat? Da ist man auf die Medien angewiesen, die die Aufgabe haben, ein realitätsgetreues Bild der Lage zu vermitteln.
Saba Farzan ist eine deutsch-iranische Journalistin, die genau diese Qualifikation mitbringt.
Die immer wieder auftauchende Aufforderung nach Beweisen finde ich persoenlich einfach nur [...] !!!
[Gekürzt, bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]
Wie viele Menschen im Westen kennen sich gut genug mit dem Iran aus, als dass sie beurteilen könnten, dass Ahmadinedschad tatsächlich keine Mehrheit von 62,6% hat? Da ist man auf die Medien angewiesen, die die Aufgabe haben, ein realitätsgetreues Bild der Lage zu vermitteln.
Saba Farzan ist eine deutsch-iranische Journalistin, die genau diese Qualifikation mitbringt.
Die immer wieder auftauchende Aufforderung nach Beweisen finde ich persoenlich einfach nur [...] !!!
[Gekürzt, bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. /Die Redaktion pt.]
Man weiß es nicht wirklich.
Fraglich ist auch, dass die Opposition schon vor Schließung der Wahllokale den Sieg verkündet hat. So richtig mit fairen Mitteln spielt da wohl keine Seite.
Auch die Proteste - schwierig zu beurteilen, von hier. Klar, man sieht dort Menschen auf den Strassen, und brennende Autos. So wie am 1. Mai in Berlin oder Hamburg. Aber ob durch diese Demonstrationen tatsächlich auch die Mehrheit des Volkes vertreten wird - wer will das sagen?
Außerdem, der Rat hat doch jetzt die Prüfung der Stimmen angeordnet. Der wird es schon richten. Schließlich hat der Rat alle Kandidaten zugelassen. Welchen Grund sollte der Rat denn dann haben, jetzt nachträglich zu manipulieren? Der Ausschluss missliebiger Kandidaten von der Kandidatur wäre doch um einiges diskreter gewesen. Mein Rat an den "Westen": LIEBER ERSTMAL ABWARTEN!
Ob sich hier eine Revolution anbahnt, ist schwer zu sagen. Junge Menschen steigen mit Begeisterung auf die Barrikaden, egal um was es gerade geht, zuletzt in bekanntlich zwecks jahrelanger Belagerung der US-Botschaft. Ahmadinadscheds ebenso begeisterte "Revolutionäre Garde" besteht nämlich ebenfalls aus lauter jungen Menschen.
Fest steht lediglich, dass sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Der islamische Klerus, der Präsident, das schwer bewaffnete Militär, die einflussreiche alte Elite, die jungen Demonstranten ziehen an verschiedenen Strängen. Wer die Waffen hat, gewinnt meistens. Sollte es zu einem Militärputsch kommen, werden alle verlieren, nur Deutschland nicht, was Iran laufend mit Waffen beliefert, genau wie früher Saddam Hussein.
Wie immer, wenn es in einem islamischen Land Probleme gibt, wird sofort wild spekuliert. Dabei ist der Wunsch der Vater des Gedankens. Ich glaube eher, daß amerikanische Interessen hinter diesem Rummel stehen, vielleicht sogar amerikanisches Geld. Ist man doch ganz wild darauf zu helfen, die Iraner zu befreien, aber nicht vom System, sondern vom Öl und vom Gas. Komme ich nicht durch die Vordertür, genügt auch die Hintere.
Lange hat es bei der "Der Zeit" gedauert bis endlich ein gelungener Artikel geschrieben worden ist. Dieser Artikel macht nicht nur Hoffnung, nein er drückt wahrscheinlich dass aus, was viele Iraner zurzeit fühlen, denken und reden. Es ist zwar noch eine aussichstlose Ausgangsposition, aber sie scheint sich Tag für Tag für die Demonstranten zu verbessern. Die Freiheit gegen ihre Religion auszutauschen ist ein Kraftakt, den wir hier im Westen nicht verstehen werden. Aber trotzdem sind wir bei den Demonstranten in Iran und hoffen, dass die Verluste, so klein wie möglich gehalten werden können.
Die Vorstellung, dass die Islamische Revolution im Iran zu Ende geht, ist so unvorstellbar, wie damals, die Wiedervereinigung Deutschland. Aber man darf gespannt sein, was die nächsten Wochen und Monate noch passieren wird. Wenn es aber eine ausschließlich demokratische Verfassung geben sollte, was auch unvorstellbar ist, dann wäre es auch, die erste Niederlage für den Islam. Freiheit statt Religion.
Die Freiheit hat ihren Preis und deshalb müssen wir den Iraner bei Seite stehen.
KHJ aus Köln
... das ist in der Tat eine Vorstellung, die den meisten Iranern fremd ist.
Die Iraner wollen Freiheit und das Ende eines diktatorischen Regimes, dem zur Zeit der Revolution auch Linke, Frauen, Junge, Kommunisten zur Macht verholfen haben. Wer haette sich damals traeumen lassen, das eine Diktatur lediglich die andere abloest?
Es geht hier nicht um Religion, es geht um politische Freiheit und ein Ende der korrupten Machteliten, in welchem Gewand auch immer sie auftreten.
... das ist in der Tat eine Vorstellung, die den meisten Iranern fremd ist.
Die Iraner wollen Freiheit und das Ende eines diktatorischen Regimes, dem zur Zeit der Revolution auch Linke, Frauen, Junge, Kommunisten zur Macht verholfen haben. Wer haette sich damals traeumen lassen, das eine Diktatur lediglich die andere abloest?
Es geht hier nicht um Religion, es geht um politische Freiheit und ein Ende der korrupten Machteliten, in welchem Gewand auch immer sie auftreten.
... die hier eingangs zwischen Legalität und Moralität geführt wird: Für die Massenbewegung, die sich derzeit in Teheran artikuliert, ist die Wahl nicht Ursache, sondern nur ein Symptom der politischen Maläse, derentwegen sie auf die Straße gehen. Das legt nicht nur dieser Artikel nahe.
Wenn sich die westliche Welt auf den Standpunkt zurückzöge, dass zwar Zensur und gewaltsame Diktatur in Iran beobachtbar, zugleich jedoch kein Beweis vorliege, dass die Wahlen gefälscht seien, dann sollte sie zumindest in Erwägung ziehen, dass auch die deutschen Wahlen vom Januar 1933 nicht gefälscht sein mussten, um ein falsches Ergebnis zu haben.
Wer mir nun entgegen hält, dass einerseits die Nazivergangenheit zu bemühen an dieser Stelle verwerflich und überhaupt der Debatte nicht zweckdienlich sei, der sollte einmal ein persönliches Wort mit einem Exil-Iraner oder einer Exil-Iranerin wechseln, die das Leben in der islamischen "Republik" am eigenen Leib (!) hat erleben müssen.
Keineswegs würde ich aktives - am Ende gar gewalttätiges - Eingreifen von außen erwarten. Die Verhältnisse kleinzureden und darauf hinzuweisen, dass keine Beweise vorliegen, dass die Wahl gefälscht sei, halte ich dennoch für fehlgeleitet!
geht es gar nicht mehr darum, ob nun Ahmadinedschad oder Mussawi diese Pseudowahl gewonnen haben. Durch die vorschnelle Art und Weise, in der das Regime Ahmadinedschad zum Sieger ausgerufen hat, und durch die Reaktionen des Regimes auf die Proteste ist es schwer diskreditiert. Dadurch hat es sein Ansehen vollends ruiniert.
Wer das Demonstrationsrecht missachtet und Andersdenkende zusammenprügeln lässt, wer Oppositionelle inhaftiert und erschießt, wer eine freie Berichterstattung unterbindet, wer keine unabhängigen Beobachter zulässt (wie bereits während der Wahl), der spielt sich als Gewaltherrscher auf. Und es ist natürlich nicht nur dieser Ahmadinedschad, der diese Gewaltherrschaft ausübt, viel mehr ist es die ihn stützende klerikale Oligarchie.
Es ist zu hoffen, dass die Opposition auf der Straße bleibt. Nur so hat sie eine Chance, die Freiheit zu erzwingen.
Vielleicht gelingt ja der jungen Generation jene bürgerliche Revolution, die 1979 leichtfertig verspielt wurde, weil sich die Väter der heutigen Protestanten den Theokraten freiwillig unterordneten.
geht es gar nicht mehr darum, ob nun Ahmadinedschad oder Mussawi diese Pseudowahl gewonnen haben. Durch die vorschnelle Art und Weise, in der das Regime Ahmadinedschad zum Sieger ausgerufen hat, und durch die Reaktionen des Regimes auf die Proteste ist es schwer diskreditiert. Dadurch hat es sein Ansehen vollends ruiniert.
Wer das Demonstrationsrecht missachtet und Andersdenkende zusammenprügeln lässt, wer Oppositionelle inhaftiert und erschießt, wer eine freie Berichterstattung unterbindet, wer keine unabhängigen Beobachter zulässt (wie bereits während der Wahl), der spielt sich als Gewaltherrscher auf. Und es ist natürlich nicht nur dieser Ahmadinedschad, der diese Gewaltherrschaft ausübt, viel mehr ist es die ihn stützende klerikale Oligarchie.
Es ist zu hoffen, dass die Opposition auf der Straße bleibt. Nur so hat sie eine Chance, die Freiheit zu erzwingen.
Vielleicht gelingt ja der jungen Generation jene bürgerliche Revolution, die 1979 leichtfertig verspielt wurde, weil sich die Väter der heutigen Protestanten den Theokraten freiwillig unterordneten.
Wie viele Menschen im Westen kennen sich gut genug mit dem Iran aus, als dass sie beurteilen könnten, dass Ahmadinedschad tatsächlich keine Mehrheit von 62,6% hat? Da ist man auf die Medien angewiesen, die die Aufgabe haben, ein realitätsgetreues Bild der Lage zu vermitteln.
Saba Farzan ist eine deutsch-iranische Journalistin, die genau diese Qualifikation mitbringt.
Machen wir uns nichts vor: Mahmud Ahmadinedschad gehört mit zu den wenigen Staatschefs in der Welt, die dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush - nachgewiesener Maßen selbst ein Schwerverbrecher schlimmsten Ausmaßes - wie nur noch der venezolanische Präsident Hugo Chavez erfolgreich die Stirn geboten haben. Beide haben ihre Länder außenpolitisch aus dem Schattendasein heraus geführt. Unter Ahmadinedschad wurde der Iran zu einer bedeutenden Regionalmacht, ähnlich wie Venezuela es für Mittel- und Südamerika wurde. Die US-Außenpolitik, die unter Bush nur für Krawall, Folter und verbrecherische Angriffskriege stand, musste dieser Entwicklung zur Tatenlosigkeit zusehen. Ebenso musste man tatenlos zusehen, wie sich Wladimir Putin des Irans annahm, der inzwischen de facto zur Einflusssphäre der russischen Oligarchen gehört.
Russland ist für den Iran zu einer Art Schutzmacht geworden, nicht umsonst sollte die erste Reise Ahmadinedschads nach der Wahl gleich zum Kreml führen. Denn der Iran ist für russische Oligarchen äußerst interessant, gibt es dort doch eines, nämlich Öl - Erdöl, was unbedingt vor dem Zugriff amerikanischer und chinesischer Oligarchen und Konzerne geschützt werden muss. Und damit man aus Moskau den Zugriff aufs Öl behält, benötigt man Ahmadinedschad und die Mullahs und keine prowestlichen Regenten. Ich vermute einmal, dass das Regime in den kommenden Wochen und Monaten massiv vom Kreml gestützt wird, denn das Öl und der direkte Zugang zum Persischen Golf sind für Putin von äußerster Wichtigkeit.
Und Mahmud Ahmadinedschad? Für ihn wird Vladimir Putin bestimmt den einen oder anderen gutdotierten Gazprom-Job haben, falls er politisch nicht zu halten sein sollte.
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