Protestwelle Mussawi mobilisiert erneut Zehntausende

Friedliche Demo oder gewaltsame Ausschreitungen? Die Pressezensur in Iran lässt die Informationen nur noch spärlich fließen. Sicher ist: Tausende Oppositionelle sind wieder auf der Straße

Mit massiver Gewalt wird der Opposition in Teheran begegnet. Die Berichterstattung wird derweil immer schwieriger

Die Demonstranten lassen nicht locker: Auch am Dienstagabend formierten sich wieder Zehntausende Anhänger des Oppositionsführers Mir Hussein Mussawi in der Hauptstadt Teheran und anderen Städten, um gegen die zweifelhafte Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadineschad zu demonstrieren. Trotz des massiven Polizeiaufgebots versammelten sich nach einem Bericht des iranischen Fernsehens Press TV die Mussawi-Anhänger im Norden Teherans, um zum Sitz des Staatsfernsehens IRIB zu ziehen. Dieser gilt als wichtiger Propagandakanal Ahmadineschads. Mussawi forderte von dem Sender Redezeit.

Gleichzeitig zogen auch Zehntausende von Anhängern Ahmadineschads durch die Straßen Teherans. Sie riefen Slogans wie: "Wir sind unserem Führer treu ergeben" und skandierten: "Wir sind bereit, Märtyrer zu werden."

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Informationen kommen über das Internet

Die unabhängige Berichterstattung über die Lage in Iran wird zunehmend schwieriger: Am Nachmittag hatte Irans Führung ausländischen Journalisten jede Berichterstattung über Protestdemonstrationen auf den Straßen Teherans verboten. Auf Anordnung der Behörden dürfen Presseleute ihre Büros ab sofort nicht mehr verlassen. Interviews können nur noch per Telefon geführt werden.

Die Oppositionellen versuchen daher, das Internet für sich zu nutzen. Über Twitter und andere Websites werden Bilder aus den Straßen Teherans in die Welt gebracht, auf YouTube Videos eingestellt. Den unbestätigten Berichten der Augenzeugen zufolge soll es zu den befürchteten Kämpfen zwischen Mussawi-Anhängern und Ahmadineschad-Getreuen gekommen sein.

Zuvor hatte der staatliche Rundfunk erstmals bestätigt, dass es in der Nacht zu Dienstag bei Auseinandersetzungen am Rande der Großdemonstration von Anhängern des Reformpolitikers Mussawi auf dem Freiheitsplatz in Teheran sieben Tote gegeben hat. Die Demonstranten hätten einen Militärposten angegriffen, hieß es. Die Opposition dagegen spricht von wesentlich mehr Toten.

Kundgebung Mussawis abgesagt – dennoch Zehntausende auf den Straßen

Die Todesfälle waren auch Auslöser für eine Absage Mussawis für eine geplante Kundgebung auf dem Valiasr-Platz im Zentrum Teherans. Der Reformpolitiker bat seine Gefolgsleute, nicht ihr Leben zu riskieren. Trotzdem versammelten sich seine Anhänger.

Mussawis Lager wirft Ahmadineschad massiven Wahlbetrug vor. Angesichts der wachsenden Unruhen, die auch auf andere Städte des Landes übergegriffen haben, erklärte sich der Wächterrat bereit, einen Teil der Stimmen neu auszuzählen. Das für die Organisation der Präsidentschaftswahl zuständige Gremium wolle die Stimmen derjenigen Wahlurnen prüfen, die "Gegenstand von Einwänden" seien, sagte der Sprecher des Rats der amtlichen Nachrichtenagentur Irna. Der geistliche Führer des Landes, Ajatollah Ali Chamenei, hatte tags zuvor eine Prüfung der Ergebnisse angeordnet. Eine Neuauszählung jedoch lehnt der unterlegene Kandidat Mussawi ab, er fordert Neuwahlen.

Das Auswärtige Amt in Berlin verschärfte seine Reisehinweise für Iran. "Es liegen Berichte über harte Übergriffe von Polizei und paramilitärischen Milizen auch auf Unbeteiligte vor", hieß es. "Deutschen, die sich in Iran aufhalten, wird empfohlen, größere Menschenansammlungen und politische Kundgebungen zu meiden."
 

 
Leser-Kommentare
  1. Wie in der Springerpresse zu lesen: [...] die Armen in den Dörfern und Kleinstädten, von denen viele neuerdings ein staatliches Grundeinkommen bekommen, stehen fest zu ihm [Ahmadinedschad]. [...]

    "Auch wenn Mussawi ein neo-keynsianisches Programm und Karrubi bereits bei der letzten Wahl ein Grundeinkommen versprach, durch ihre alten und neuen Verflechtungen mit den mächtigen Hintermänner gelang ihnen keine ausreichend glaubwürdiges Profil in der Verbindung einer politische Emanzipation des Landes mit den sozialen Nöten der armen Teilen de Bevölkerung."
    http://www.z-ac.de/conten...

    Vielleicht war für die meisten Wählern die soziale Frage wahlentscheidend?
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    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

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