Widerstand gegen Wahlergebnis Sieben Tote bei Protesten in Iran

Die Polizei in Iran geht brutal gegen Demonstranten vor. Sieben Menschen sollen getötet worden sein. In den Städten spielen sich dramatische Szenen ab

Das iranische Staatsfernsehen berichtete am Dienstagmorgen, sieben Menschen seien bei den Unruhen getötet worden. Allerdings wurden keine Einzelheiten und Quellen für diese Angaben genannt. Das Land erlebt in Folge der Präsidentschaftswahl die schwersten Unruhen seit der Revolution vor 30 Jahren.

Bereits am Montag hatten Basij-Milizionäre des Regimes die Nerven verloren: Vom Dach ihrer Unterkunft schossen sie in die Menge. Ein Demonstrant starb, andere gingen schwer verletzt zu Boden. In Panik suchten die Menschen hinter Bäumen und Autos Deckung.

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Dabei hatte alles so friedlich angefangen, auf dem Freiheitsboulevard im Zentrum Teherans, der den Revolutionsplatz nahe der Universität mit dem Freiheitsplatz verbindet. Regungslos ließen die schwarzen Hundertschaften der Polizei die Menschen mit ihren grünen Schals passieren. Aus allen Himmelsrichtungen strömten sie zusammen: Frauen und Männer, Junge und Alte, sogar Schwangere. Auf mindestens eine Million schätzte die Polizei am Ende die Zahl der Teilnehmer, die sich rund um das gigantische "Tor zu Iran" versammelt hatten. Das Tor hatte Schah Reza Pahlevi 1971 anlässlich der 2500-Jahrfeier von Persien gebaut.

Sie alle fühlen sich von dem Regime betrogen, sie alle wollen sich ihre Präsenz im Stadtbild nicht nehmen lassen. "Lang lebe Mussawi" skandierten sie und "Mussawi, wir unterstützen dich", als der grauhaarige Politiker und seine Frau Zahra Rahnavard schließlich in einem Allrad-Fahrzeug am Rande des runden Platzes auftauchten. "Wenn es eine Neuwahl gibt, ich werde wieder kandidieren", rief der Umjubelte vom Dach des Wagens in die Menge herab. "Und so Gott will, werden wir uns unser Recht zurückholen."

An diesem Tag erlebte Iran die erste Montagsdemonstration seiner Geschichte – die persische Variante von "Wir sind das Volk". Was als perfekt inszenierter Wahlcoup für Amtsinhaber Mahmud Ahmadineschad geplant war, entwickelt sich inzwischen zur tiefsten Legitimationskrise der Islamischen Republik seit ihrer Gründung. Nicht nur Politiker und Künstler, auch immer mehr Geistliche scharen sich hinter Mir Hussein Mussawi. "Nur eine Neuwahl kann die Menschen beruhigen, das wird auch Ahmadineschad bald einsehen müssen", meinte ein Universitätsprofessor am Rande der Kundgebung.

Sobald die Sonne untergeht, verlagert sich das Geschehen inzwischen von der Straße auf die Dächer und Balkone. "Tod dem Diktator" und "Allah ist groß" tönt es hinunter in die Häuserschluchten. Abend für Abend schreien Zehntausende Menschen ihre Wut in die Nacht hinaus. Genau um 21 Uhr beginne dieser ungewöhnliche Protestgesang, berichtet ein Blogger aus seinem Viertel – "gelegentlich unterbrochen durch das Krachen von Schüssen oder Tränengasgranaten."

Auch wenn viele Anhänger von Mussawi so jung sind, dass sie Revolutionsführer Ajatollah Chomeini nur von Fotos kennen. Seine Formen des zivilen Widerstands lassen sie jetzt wiederaufleben. Chomeini war es, der vor dreißig Jahren die Iraner aufrief, von den Dächern herunter mit "Allah ist groß" Schah Reza Pahlevi zu vertreiben. Die Methode von damals zeigt auch heute Wirkung. Keine 24 Stunden nach dem "großen Siegesfest" mit seinen Anhängern sagte Mahmud Ahmadineschad am Montag überraschend seine Reise nach Moskau ab.

Revolutionsführer Ali Chamenei, der den Sieg seines politischen Zöglings am Samstag noch als "göttliche Fügung" gepriesen hatte, sah sich sogar genötigt, eine "genaue Überprüfung" der Betrugsvorwürfe des angeblich unterlegenen Gegenkandidaten Mussawi anzuordnen. Dieser hatte am Sonntag zusammen mit dem Hardliner Mohsen Rezai offiziell Einspruch beim Wächterrat eingelegt. Für Mussawi ist der Ahmadineschad-Sieg "Lug und Trug", für den früheren Chef der Revolutionären Garden eine "Erniedrigung des Volkes".

Das Volk lässt sich immer weniger beruhigen. Von Teheran aus greifen die Unruhen inzwischen auf andere Städte über. Im Internet sammeln sich die Videos grüner Mussawi-Anhänger, die aus allen Winkeln des Landes kommen. Ob in Schiras im Süden, in Isfahan im Zentrum, in Tabriz im Norden und in Rasht am Kaspischen Meer – überall gehen die Menschen auf die Straße und fordern die Annullierung der Präsidentenwahl. Auch am Dienstag will die Opposition wieder auf die Straße gehen, um gegen die Wiederwahl Mahmud Ahmadineschads zu protestieren.

Doch so leicht gibt das Regime nicht klein bei: In Teheran verwüsteten Polizei und Milizionäre in der Nacht zu Montag den Campus der größten Universität. Fotos auf Facebook und Twitter zeigen blutüberströmte Opfer auf ihren Betten, eingetretene Türen, zertrümmerte Computer und brennende Autos. Sogar mit Äxten seien die Schläger auf sie losgegangen, berichteten schockierte Studenten am nächsten Morgen. "Viele wollen zu ihren Familien flüchten, sie haben große Angst", sagte der 25-jährige Ali einem lokalen Reporter. "Aber andere werden bleiben. Die Polizei und die Milizen haben uns gedroht, sie kommen wieder – und dann verhaften sie jeden, den sie noch antreffen."
 

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Iran

    Es ist alles in allem ziemlich verstörend was man in diesem Artikel liest und wirklich wissen was im Iran vor sich geht tue ich nicht. Falls es stimmt, dass das iranische Volk gegen eine Wahlfälschung auf die Straße geht möchte man den Menschen Glück wünschen. Aber letztlichwäre das sehr wenig. Von Deutscland aus betrachtet sind das Vorgänge wie aus einer anderen Welt.
    Sieht man die Bilder die (vorg.) nach der Stürmung des Campus und der Studentenwohnheime aufgenommen wurden, so befällt mich Bestürzung und Wut. Hoffnung wenn ich die Menschen auf den Straßen sehe die sich anscheinend nicht einschüchtern lassen. Letztlich alles Vorgänge die einen nachdenklich in einen weiteren "normalen" Tag im wohlhabenden Westen starten lassen.

    Schönen Tag noch

    PS: Ich hoffe, dass es bald wieder unabhängige Berichterstattung aus dem Iran gibt und nicht mehr überall die gleichen leicht gewandelten Nachrichten.

  2. Wer sich mal die Mühe macht und Zeit nimmt in den Länderspezifischen Indymedia Netzwerken umzusehen wird bald feststellen das die Vorgänge im Iran nicht viel anders anzusehen sind als die Vorgänge in anderen, auch Europäischen Ländern...

    Nur weil die Berichte, Stimmen, Fotos und Videos aus "registrierten" von wem auch immer authorisierten Quellen stammen (in etlichen Medien sind die immer gleichen Fotos der an einder Hand abzählbaren Agenturen zu sehen) heisst das noch lange nicht das die Nachrichten unabhängig sind...

    Die Erklärungen der Vorgänge in den Hinterzimmern im Iran als auch anderswo ebenfalls nicht...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

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    Wer erinnert sich noch an die Lügenkampagne zum Kaukasuskrieg 2008?

    Es ist ja leider so, daß man heutzutage weder den Verlautbarungen von Politikern trauen, noch den Berichten von Massenmedien Glauben schenken kann. Hinter beiden stehen die gleichen Agenturen, die Meinungen fabrizieren. Nur die Wirklichkeit abzubilden, oder gar der Wahrheit verpflichtet zu sein, erscheint der Branche "Öffentlichkeitsarbeit" als nicht zweckmäßig, da nicht zielführend.
    _______________________________________________________
    Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich glaubt frei zu sein. [J. W. Goethe]

    Wer erinnert sich noch an die Lügenkampagne zum Kaukasuskrieg 2008?

    Es ist ja leider so, daß man heutzutage weder den Verlautbarungen von Politikern trauen, noch den Berichten von Massenmedien Glauben schenken kann. Hinter beiden stehen die gleichen Agenturen, die Meinungen fabrizieren. Nur die Wirklichkeit abzubilden, oder gar der Wahrheit verpflichtet zu sein, erscheint der Branche "Öffentlichkeitsarbeit" als nicht zweckmäßig, da nicht zielführend.
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  3. Schon ein bißchen peinlich, dass hier auch am 3. Tag nach der Wahl Herr Gehlen aus Kairo schreibt, anstatt endlich mal selbst in den Iran zu fahren. Das hat doch mit Korrespondenten-Journalismus nichts zu tun.

  4. Wer erinnert sich noch an die Lügenkampagne zum Kaukasuskrieg 2008?

    Es ist ja leider so, daß man heutzutage weder den Verlautbarungen von Politikern trauen, noch den Berichten von Massenmedien Glauben schenken kann. Hinter beiden stehen die gleichen Agenturen, die Meinungen fabrizieren. Nur die Wirklichkeit abzubilden, oder gar der Wahrheit verpflichtet zu sein, erscheint der Branche "Öffentlichkeitsarbeit" als nicht zweckmäßig, da nicht zielführend.
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    ...un um einiges näher, politisch zumindest, liegt...

    Irland.

    Auch dort wurde eine Abstimmung zu einem bestimmten Thema von einigen, auch EU Volksvertretern (nicht alle davon direkt wählbar), nicht akzeptiert...

    Seitdem werden die Iren gezielt mit den richtigigen Informationen gefüttert so das am Ende der nächsten ABstimmung doch noch einer bewährten Art von Demokratie genüge getan wird...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

    ...un um einiges näher, politisch zumindest, liegt...

    Irland.

    Auch dort wurde eine Abstimmung zu einem bestimmten Thema von einigen, auch EU Volksvertretern (nicht alle davon direkt wählbar), nicht akzeptiert...

    Seitdem werden die Iren gezielt mit den richtigigen Informationen gefüttert so das am Ende der nächsten ABstimmung doch noch einer bewährten Art von Demokratie genüge getan wird...

    ;-)

    “When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara

  5. ... seid Ihr wirklich nicht in der Lage, einmal bei der Sache zu bleiben.

    Hier geht es um den Iran. Studiert die Website von BBC und schaut Euch Videos auf YouTube an und Ihr wisst, dass dort nicht einfach Demonstrationen gegen eine Wahlfälschung laufen sondern - zum Glück für das Land und die Region - eine revolutionäre Bewegung in Gang gekommen ist. Dreißig Jahre, nachdem das Land sich des Schahs entledigt hat, sind besonders die jungen Menschen gerade dabei, gegen die Repressionen des islamisch-fundamentalistischen Zensurstaats unter Achmadinedschad aufzubegehren.

  6. Ich weiß nicht was ihr euch beweisen wollt oder was ihr mit eure meinungen bezwecken wollt. ich bin eine perserin und ich bekomme von vertrauenswürdigen quellen meine infos. Diesesmal ist das was die Medien zeigen nicht halb so wild wie das, was dort passiert.

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    • Olly66
    • 16.06.2009 um 15:32 Uhr

    das glaub ich Ihnen sofort. Ich habe auch eine iranische Freundin in Wien. Gefangene werden grundsätzlich gefoltert!
    Das Ergebnis der Wahl stand vorher fest.

    Mancher hierzulande kokettiert halt gerne mit überkritischer Infragestellung sämtlicher Mediendarstellungen.
    Dabei ist es grundsätzlich sinnvoll, Medieninhalte zu hinterfragen. Das aber ergebnisoffen!

    • Olly66
    • 16.06.2009 um 15:32 Uhr

    das glaub ich Ihnen sofort. Ich habe auch eine iranische Freundin in Wien. Gefangene werden grundsätzlich gefoltert!
    Das Ergebnis der Wahl stand vorher fest.

    Mancher hierzulande kokettiert halt gerne mit überkritischer Infragestellung sämtlicher Mediendarstellungen.
    Dabei ist es grundsätzlich sinnvoll, Medieninhalte zu hinterfragen. Das aber ergebnisoffen!

  7. ...und grün ist auch hinter den Ohren des Martin Gehlen. Sagen Sie mal, was schreiben sie da eigentlich?

    Auch wenn viele Anhänger von Mussawi so jung sind, dass sie Revolutionsführer Ajatollah Chomeini nur von Fotos kennen. Seine Formen des zivilen Widerstands lassen sie jetzt wiederaufleben. Chomeini war es, der vor dreißig Jahren die Iraner aufrief, von den Dächern herunter mit "Allah ist groß" Schah Reza Pahlevi zu vertreiben. Die Methode von damals zeigt auch heute Wirkung.

    Ist denn an Ihnen völlig vorbei gegangen, dass Chomeini in den 80ern eine der erbarmungslosesten Schreckensherrschaften des 20. Jahrunderts angeführt hat? Massenhinrichtungen, Folter, Fatwa, Steinigung - alles vergessen?
    Gut, die iranische Jugend wird in Arbeitslosikeit, Drogenepidemie und islamischer Pädagogik tagtäglich hirngewaschen. Dass sie jetzt glaubt, ein Mussawi, der unter Chomeini unzählige politische Gegner hat hinrichten lassen, die große Wende bringt, das dürfen wir hier, aus unserer freieren Perspektive, nicht allzu übel nehmen. Ihre Geschichtsblindheit aber, lieber Herr Gehlen, ist im Grunde einfach nur peinlich.

    Überhaupt vermisse ich in der Berichterstattung der letzten Tage den Hinweis auf die größeren Zusammenhänge: Ihr friedlich demonstrierender Chomeini musste erst aus Paris eingeflogen werden, um die Revolution gegen den Schah an sich zu reißen. Der Westen befand sich damals 1979 nämlich im Kalten Krieg - und da hatte man keine Lust auf einen sozialistischen Iran, der sich dann wahrscheinlich zu den Russen gesellt. Dann doch lieber die islamisch-rückständigen Kräfte stützen. Wo unter Schah noch alle Mini-Rock getragen haben ist jetzt der Tschador zur ewigen Kultur geworden. Damals - in den sechziger und siebziger Jahren konnte man noch in Zusammenhängen denken: Die deutsche Studentenschaft hatte sich 1967 mit der iranischen Bevölkerung solidarisiert und gegen den Staatsbesuch des diktatorischen Schahs energisch und zu Recht protestiert.

    Diese Zeiten sind vorbei. Wir denken und fühlen nicht mehr gemeinschaftlich. Anstatt einer Kritik der Kultur und einer Kultur der Kritik, haben wir überall die Relativität der Kultur, die zur relativen Gültigkeit anderer Menschen wird. Aber deswegen sollte man noch nicht Chomeini mit Ghandi gleichsetzen.

  8. als dürfe man wählen zwischen NPD und CSU. Wenn dieser Aufstand eine Revolution wird, bleiben auch die Gottesgreise in Ghom nicht verschont. Dann wird auch Mussawi nicht mehr gewählt.

    _________________________________________________
    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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