Präsidentenwahl in Iran Die inszenierte Wahl
Nach der Entscheidung in Iran entlädt sich die Empörung auf den Straßen: Mahmud Ahmadineschad bleibt Präsident. Zweifelhaft ist aber, ob die Wahl regelgerecht ablief

© Ebrahim Norozi/AFP/Getty Images
Als hätte er es geahnt: Mahmud Ahmadineschad macht das Victory-Zeichen während seiner Stimmabgabe
Erst lieferte sich die Islamische Republik den härtesten und offensten Wahlkampf ihrer Geschichte, den die ganze Welt am Ende mit Spannung verfolgte. Dann präsentierte das regimetreue Innenministerium am Morgen nach dem Urnengang ein Ergebnis, das zum Himmel stinkt. Bereits eine halbe Stunde bevor die Wahllokale geschlossen wurden, erklärte die staatliche Nachrichtenagentur Irna den "Doktor Ahmadineschad" zum Sieger. Kurz danach offenbarte der oberste Wahlleiter den ersten Zwischenstand: eine Zwei-Drittel-Mehrheit für den Präsidenten. Dabei blieb es dann bis zum Schluss. Und seitdem entlädt sich die Empörung über diesen dreisten Coup bei den betrogenen Wählern in Gewalt und Straßenschlachten, wie sie das Land seit mehr als zehn Jahren nicht erlebt hat.
Der Herausforderer Hussein Mussawi hat Recht: Das Ganze war eine durchsichtige Inszenierung – sozusagen eine Billigkopie von Wahlabenden in großen Demokratien mit ihren frühen, präzisen Hochrechnungen. Nur fehlen im Iran für diese komplexe Prognosen alle Voraussetzungen: Es gibt keine repräsentativen Meinungsumfragen, es gibt keine Nachwahlbefragungen, und es gibt keine entsprechenden Computerprogramme – geschweige denn das dafür nötige Know-how von Meinungsforschern.
Was es allerdings gab, waren jede Menge Unregelmäßigkeiten: Beobachter der Opposition wurden am Zugang zu den Wahllokalen gehindert. SMS und Internet – die beiden wichtigsten Kommunikationsplattformen der Reformer – funktionierten nicht oder nur schlecht. Es wurden 13 Millionen mehr Stimmzettel gedruckt, als es Wahlberechtigte im Iran gibt. Und von den 45.000 Wahlurnen waren 14.000 "mobil". Eigentlich gedacht für Krankenhäuser und Altersheime. Diesmal eingesetzt in Hunderten von Kasernen der Revolutionären Garden, der Armee und der Basij-Milizen. 500 gefälschte Wahlzettel in jeder dieser obskuren Wanderurnen – das allein brächte sieben Millionen Stimmen.
Das soll nicht in Abrede stellen, dass Mahmud Ahmadineschad tatsächlich einen ansehnlichen Teil der iranischen Wählerschaft hinter sich hat. Vor allem auf dem Land und bei den schwächeren sozialen Schichten hat der Präsident seine treuen Anhänger. Keiner ist so oft in die Provinz gereist, hat sich wie ein Landesvater der Sorgen der Armen angenommen. Die Fernsehbilder von Menschen, die ihm Bittbriefe übergeben und sich später mit Tränen stockender Stimme für das Geld vom Präsidenten bedanken, gibt es zuhauf. Und für die meisten Menschen auf den Land ist das regimetreue Staatsfernsehen die einzige Informationsquelle. Satellitenschüsseln sind die Ausnahme, das Internet ist wenig verbreitet.
Insofern ist diese Wahl auch ein Votum entlang sozialer Schichten. Mussawi spricht eher die städtische Mittelklasse an und junge Menschen mit höherer Bildung. Er hat seine Wähler in der Kriegsgeneration der achtziger Jahre, die heute an vielen Schaltstellen des Staates und des Regimes sitzen. Ahmadineschad ist vor allem beliebt bei den einfachen Leuten: Sie verehren ihn als einen Mann, der bescheiden und ehrlich ist, nicht in die eigene Tasche wirtschaftet, sich ihrer Sorgen annimmt und obendrein noch fromm ist. Und sie sehen in ihm einen Mann, der sich nicht den Mund verbieten lässt, sondern dem Westen die Meinung sagt.
Das dubiose Wahlergebnis hat es der internationalen Staatengemeinschaft nicht leichter gemacht, mit dem Iran umzugehen.
Ob die betrogenen Herausforderer und ihre Anhänger eine Neuwahl erzwingen können, ist unwahrscheinlich. Dann aber sind die moderaten Kräfte auf Jahre zurückgeworfen, die Macht der Hardliner gewinnt weiter an diktatorischen Zügen. Dennoch könnte Ahmadineschad auf Washington in Zukunft geschmeidiger reagieren – auch weil er weiß, dass Barack Obama wegen seines weltweiten Prestiges in der Lage ist, wirklich schmerzhafte Sanktionen zu organisieren. Das schärfste Instrument hat der UN-Sicherheitsrat bisher gegen Teheran noch nicht eingesetzt – einen Lieferstopp für Benzin. Der viertgrößte Ölexporteur der Welt kann nur zwei Drittel seines Spritbedarfs mit eigenen Raffinerien decken. Den Rest muss er im Ausland zukaufen. Würde dieser Hahn zugedreht, wäre wohl das ganze Volk auf den Barrikaden.
- Datum 16.06.2009 - 11:02 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 15
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Es ist zum verzweifeln, ... endlich ist der Hardliner in Washington aus dem Amt, dafür haben wir jetzt Netanjahu und nocheinmal Achmadi im Nahen Osten.
Es wäre schön wenn sich mal auf allen Seiten sachliche Diplomaten im Amt treffen würden.
Andererseits würde es den Anhänger rechter Parteien den Wind aus den Segeln nehmen, wenn ausgerechnet Ihre Vertreter gezwungen wären einen echten Frieden durchzusetzten. Wenn das Reformer machen, kann man nur zu leicht eine Dolchstoß-Legende aufbauen.
Ob ein Benzin-Boykott so sinnvoll wäre? dann können die Machthaber im Iran wieder mit dem Finger auf den Bösen Westen zeigen.
Herr Gehlen, wenn 10 000 gefälschte Wahlzettel in jeder der Wanderurnen gewesen wären, würden es noch viel viel mehr Stimmen sein! Was soll das?
Theo Rem
http://www.gopetition.com...
deutlich gegen ihren Link!
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Wenn man beobachtet, wie lange die Stimmauszählung hier dauert, die frühen Ergebnisse sind ja nur den hochmodernen Computern zu verdanken, ergeben sich durch die vom Autor mitgeteilten Fakten tatsächlich erhebliche Zweifel an der Ordnungsgemäßheit des Ergebnisses. Jetzt ist man im Dilemma. Ist man als überzeugter Demokrat jetzt für eine, mit diplomatischer bis "kriegerischer" Hilfe (mit möglicherweise inneren Unruhen) durchgesetzten, nach unseren Maßstäben durchgeführten Neuwahl oder lässt man es durchgehen und es ist Ruhe im weiteren diplomatischen Verkehr. Solidarnosc lässt grüßen.
Ich dachte immer das Kirchenoberhaupt haette die meiste Macht im Lande. Warum wird dann ein moeglicher Wechsel in Aussicht gestellt? Klaert mich wer auf?
Berichtigung: Warum wurde ein moeglicher Wechsel in Aussicht gestellt?
Der Oberhaupt , "Führer" genannt bestimmt die Machtverteilung -
einmal bei der Zulassung der Kandidaten : Aus 4.000 Bewerbern wurden
nur 4 zugelassen - alles handverlesen u. regimetreu bis zu den Genen !
Dann bei der Scheinwahl kann man nochmals intervenieren - denn die
Wahlinstrumente , Überachung der Urnen ,Zählung, etc. liegen alle
in der Hand des Innenministers - und der ist auch parteiisch, also
ein treuer Vasall des diktatorischen Führes - somit würde der Führer
durch Reformen sich selbst in Frage stellen - so dumm ist er aber nicht,
eher verschlagen und gerissen - so ist das System !
Man muß das System zerschlagen - Reformen sind unmöglich !
Berichtigung: Warum wurde ein moeglicher Wechsel in Aussicht gestellt?
Der Oberhaupt , "Führer" genannt bestimmt die Machtverteilung -
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in der Hand des Innenministers - und der ist auch parteiisch, also
ein treuer Vasall des diktatorischen Führes - somit würde der Führer
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dieser Artikel.
Es ist doch keine Überraschung, dass es massive Proteste gibt, schließlich hofften 30% der Wähler auf einen Wechsel. Und den wird es nicht geben. Die Louis-Vitton-Taschenträger-Fraktion sieht sich im Nachteil und möchte sich nun mit Gewalt in die Breaking News ihrer Freunde im Westen bringen, wo ihnen eigentlich schon zu viel Platz eingeräumt wird.
Berichtigung: Warum wurde ein moeglicher Wechsel in Aussicht gestellt?
Auch wenn der Revolutionsführer alles mögliche absegnen muss, so ist der Präsident doch trotz allem der wichtigste Posten im System der Islamischen Republik, der demokratisch legitimiert ist. Und er hat auch als Regierungschef durchaus einen gewissen Einfluss - auch wenn er den gegen Parlament, Wächterrat und Revolutionsführer durchsetzen muss - und kann, wie die Vergangenheit (und nicht nur die letzten vier Jahre) gezeigt hat, auch einen bedeutenden Unterschied machen, wie das innenpolitische Klima und außenpolitische Verhalten Irans ist.
Die Richtungsentscheidung war eine zwischen regimetreuen reaktionären Radikalen und den regimetreuen konservativen Reformern (als wirklich fortschrittlich würde ich Mussawi auch nicht guten Gewissens bezeichnen, deswegen entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet er jetzt zur Ikone der Regimegegner geworden ist); aber sie war eben immer noch eine Entscheidung, ob das Land eher zaghaft in Richtung Aufbruch oder doch wieder zurück in Richtung Diktatur gehen soll. Letzteres gilt umso mehr, wenn die Wahlen wirklich so massiv gefälscht worden sind, wie ja eine zunehmende Anzahl von Kommentatoren meint: das bedeutet nämlich, dass die zuständigen Stellen nicht nur zum Favoritismus neigen, wie die Nachrichtenberichterstattung und die eindeutigen Stellungnahmen Khameneis gezeigt haben, sondern dass ihnen der tatsächliche Ausgang des Wahlgangs wirklich vollkommen egal ist, und sie selbst den ganzen eingebauten Sicherungen (wie den Beschränkungen des passiven Wahlrechts) nicht mehr zutrauen, einen Dammbruch zu verhindern - was einiges über den inneren Zustand des Regimes aussagt.
Vermutlich befürchtet Khamenei (der offenbar an einem fairen Verlauf der Wahlen kein Interesse gehabt hat, wie seine Parteinahme gezeigt hat), dass die Reformen langfristig das System untergraben können, wie das Schicksal anderer autoritärer Systeme gezeigt hat - selbst dann, wenn sie zu Beginn noch vollkommen im Geist des Regimes stehen mögen. Und die einzige Möglichkeit, dem effektiv vorzubeugen, wäre in der Tat, wenn man solche unberechenbaren Größen wie die Mehrheitsmeinung vollkommen ignoriert.
Auch wenn der Revolutionsführer alles mögliche absegnen muss, so ist der Präsident doch trotz allem der wichtigste Posten im System der Islamischen Republik, der demokratisch legitimiert ist. Und er hat auch als Regierungschef durchaus einen gewissen Einfluss - auch wenn er den gegen Parlament, Wächterrat und Revolutionsführer durchsetzen muss - und kann, wie die Vergangenheit (und nicht nur die letzten vier Jahre) gezeigt hat, auch einen bedeutenden Unterschied machen, wie das innenpolitische Klima und außenpolitische Verhalten Irans ist.
Die Richtungsentscheidung war eine zwischen regimetreuen reaktionären Radikalen und den regimetreuen konservativen Reformern (als wirklich fortschrittlich würde ich Mussawi auch nicht guten Gewissens bezeichnen, deswegen entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet er jetzt zur Ikone der Regimegegner geworden ist); aber sie war eben immer noch eine Entscheidung, ob das Land eher zaghaft in Richtung Aufbruch oder doch wieder zurück in Richtung Diktatur gehen soll. Letzteres gilt umso mehr, wenn die Wahlen wirklich so massiv gefälscht worden sind, wie ja eine zunehmende Anzahl von Kommentatoren meint: das bedeutet nämlich, dass die zuständigen Stellen nicht nur zum Favoritismus neigen, wie die Nachrichtenberichterstattung und die eindeutigen Stellungnahmen Khameneis gezeigt haben, sondern dass ihnen der tatsächliche Ausgang des Wahlgangs wirklich vollkommen egal ist, und sie selbst den ganzen eingebauten Sicherungen (wie den Beschränkungen des passiven Wahlrechts) nicht mehr zutrauen, einen Dammbruch zu verhindern - was einiges über den inneren Zustand des Regimes aussagt.
Vermutlich befürchtet Khamenei (der offenbar an einem fairen Verlauf der Wahlen kein Interesse gehabt hat, wie seine Parteinahme gezeigt hat), dass die Reformen langfristig das System untergraben können, wie das Schicksal anderer autoritärer Systeme gezeigt hat - selbst dann, wenn sie zu Beginn noch vollkommen im Geist des Regimes stehen mögen. Und die einzige Möglichkeit, dem effektiv vorzubeugen, wäre in der Tat, wenn man solche unberechenbaren Größen wie die Mehrheitsmeinung vollkommen ignoriert.
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