Kaufhaussterben Wir Karstadt-Kinder

Vom Abenteuer Rolltreppe und dem heißen Gebläse am Eingang über Duftproben und Eisenbahnlandschaften bis hin zu Dates in der Zooabteilung. ZEIT ONLINE-Redakteure schwelgen in Erinnerungen

Einkaufen mit Oma

Rosa Radiergummis von Hello Kitty, vierfarbige Kugelschreiber und Füllerpatronen mit türkisfarbener Tinte. Als Kind war die Schreibwarenabteilung für mich wie das Schlaraffenland. Der Besuch im zentralen Kaufhaus von Hannover gehörte zu meinen Lieblingsunternehmungen in den Ferien bei Oma, gleich nach dem Zoo und noch vor einem Stück Kuchen in der Holländischen Kakaostube. Wenn es regnete, verbrachten wir ganze Nachmittage im Kaufhaus, fuhren die Rolltreppen auf uns ab und stöberten durch die verschiedenen Abteilungen. Ob es Karstadt oder Kaufhof war, weiß ich nicht mehr. Einmal haben wir uns Wasserpistolen gekauft. Zu Hause verschanzten wir uns in der Küche hinter der Gardine. Und wenn ein Passant vorbeikam, haben wir abgedrückt. Ein anderes Mal haben wir uns in der Kurzwarenabteilung eine ganze Rolle durchsichtiges Nylonband gekauft und ein altes Portemonnaie daran gebunden, das wir auf den Gehweg vorm Haus platzierten. Der Faden reichte bis hinauf zum Küchenfenster… Einkaufen mit Oma hat jedenfalls immer Spaß gemacht.

Dagny Lüdemann

Ein Zuhause in der Fußgängerzone

Hier, zwischen Stoffballen, Pralinen, Tintenfüllern und Sportschuhen, schlug das Herz der Kleinstadt. Ich konnte es sehen, wenn sich die überschminkten Verkäuferinnen zu mir in den Kinderwagen beugten. Ich spürte es, wenn ich widerwillig am Arm meiner Mutter durch die Gänge stapfte und sie mit Hinz und Kunz ins Plaudern geriet. Ich erduldete es, wenn die nette Frau Kleinbein aus der Kinderabteilung mir einen Kirschlolli schenkte. Ich hatte mich daran gewöhnt, als ich mein erstes Taschengeld am Schreibwarenstand ließ. Ich genoss es, wenn ich in der Parfümerie mit einer Duftprobe beschenkt wurde. Und als der Ernst des Lebens begann, fand ich es praktisch, alles an einem Ort einkaufen zu können.

Noch heute verabrede ich mich zum Stadtbummel mit meiner Mutter vor dem Kaufhaus. So wie sie es mit ihrer Mutter tut. Ob in der Kleinstadt oder Großstadt, wir treffen uns bei Karstadt.

Rabea Weihser

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Leser-Kommentare
    • WNYC
    • 10.06.2009 um 16:33 Uhr

    Man hätte auf besseren Service setzen sollen. Wenn ich stundenlang auf eine/n (oft genervte/n und inkompetente/n) Verkäufer/in warten muss, wenn ich etwas erklärt haben will, dann kann ich auch im Internet kaufen. So, wie das in der letzten Zeit war, konnte mich nicht mehr verstehen lassen, warum im Kaufhaus alles sprichwörtlich zu teuer war. Schade, Chance verpasst.

  1. Es gibt keine "Schuldigen" ausser vielleicht wir selber, wir haben über Jahrzehnte ein bestimmtes Geschäftsklima gefördert. Wir können auch nicht erwarten das eine Anteilseignerin jeneseits von "vernünftigen" Geschäftsinteressen handelt und das Politiker Ihre Ideologischen oder Realpolitischen Leitsätze aufgeben. Auch ein Herr Middelhof sehe Ich nicht als Schuldigen oder überhaupt irgendjemand. Alles geht mal vorbei und da räumt man erst mal auf und dann macht man weiter! Sicherlich ist es Schade aber das passiert. Daran wird die Staatsanwaltschaft auch nichts ändern.. ..nur niemand möchte zu geben das er nicht weiter weiß... also positiv denken.. Liebe Karstadt Mitarbeiter!

  2. Noch weiß keiner, wie es mit Karstadt weitergeht. Der Abgesang kommt etwas früh. Außerdem ist die Frage, ob sich die Erinnerungen nicht vielleicht auf Hertie beziehen, das es bereits nicht mehr gibt oder auf Kaufhof, das weiterexistiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    bester Wolfgang 63. Das Hertie-Kaufhaus in unserer Stadt war der Alptraum meiner Jugend. Viel zu eng gestellte Wühltische, eine ekelhaft stickige Luft und fahles Neonlicht. Ich bekam davon unweigerlich Kopfweh. Und im Aufzug, wurde einem wegen der abrupten Stopps regelmäßig schlecht. Dann doch lieber die elend langsamen Rolltreppen. Die Etagen waren viel zu niedrig. Und man kaufte in drangvoller Enge ein. Am schrecklichsten waren die Samstage, wenn Hertie irgendwann nachmittags dichtmachte. Eine weitere Erinnerung ist der Gestank der Textilien. Die waren - wohl zur Desinfektion - von einer säuerlich riechenden Chemikalie durchtränkt. Man musste die Textilien erst einmal waschen, vorher konnte man sie wegen des Geruchs nicht anziehen. Nein, das Kaufhauf war für mich kein angenehmer Ort. Ich versuchte ihn zu meiden. Nicht einmal mit der Spielzeugabteilung konnte man mich ködern.

    bester Wolfgang 63. Das Hertie-Kaufhaus in unserer Stadt war der Alptraum meiner Jugend. Viel zu eng gestellte Wühltische, eine ekelhaft stickige Luft und fahles Neonlicht. Ich bekam davon unweigerlich Kopfweh. Und im Aufzug, wurde einem wegen der abrupten Stopps regelmäßig schlecht. Dann doch lieber die elend langsamen Rolltreppen. Die Etagen waren viel zu niedrig. Und man kaufte in drangvoller Enge ein. Am schrecklichsten waren die Samstage, wenn Hertie irgendwann nachmittags dichtmachte. Eine weitere Erinnerung ist der Gestank der Textilien. Die waren - wohl zur Desinfektion - von einer säuerlich riechenden Chemikalie durchtränkt. Man musste die Textilien erst einmal waschen, vorher konnte man sie wegen des Geruchs nicht anziehen. Nein, das Kaufhauf war für mich kein angenehmer Ort. Ich versuchte ihn zu meiden. Nicht einmal mit der Spielzeugabteilung konnte man mich ködern.

  3. bester Wolfgang 63. Das Hertie-Kaufhaus in unserer Stadt war der Alptraum meiner Jugend. Viel zu eng gestellte Wühltische, eine ekelhaft stickige Luft und fahles Neonlicht. Ich bekam davon unweigerlich Kopfweh. Und im Aufzug, wurde einem wegen der abrupten Stopps regelmäßig schlecht. Dann doch lieber die elend langsamen Rolltreppen. Die Etagen waren viel zu niedrig. Und man kaufte in drangvoller Enge ein. Am schrecklichsten waren die Samstage, wenn Hertie irgendwann nachmittags dichtmachte. Eine weitere Erinnerung ist der Gestank der Textilien. Die waren - wohl zur Desinfektion - von einer säuerlich riechenden Chemikalie durchtränkt. Man musste die Textilien erst einmal waschen, vorher konnte man sie wegen des Geruchs nicht anziehen. Nein, das Kaufhauf war für mich kein angenehmer Ort. Ich versuchte ihn zu meiden. Nicht einmal mit der Spielzeugabteilung konnte man mich ködern.

    Antwort auf "Abgesang"
  4. Horten, Hertie, Karstadt,... - wodurch wurde diese Ära beendet?
    Sicher nicht durch Walmart (der ist schon wieder weg), auch nicht durch Billigheimer (Woolworth ist ebenfalls Geschichte).
    Bleiben Amazon und Ebay oder Fachmärkte wie MediaMarkt und Saturn für Elektronik oder Ikea für Einrichtungsgegenstände, h&m für Kleidung etc., und Schuhe gibt's auch schon mal beim Aldi...
    Oder liegt es einfach daran, dass die Einkommens- und Vermögensverteilung derart gespreizt ist, dass die Einen nur in Luxusgeschäfte gehen, während die Anderen sich allenfalls nur noch kik-Kleider leisten können?

    • peto1
    • 10.06.2009 um 22:07 Uhr

    Sie haben aber einen guten Gedächtnis ;-)

  5. Ich kann mich auch noch erinnern als ich mit meiner Mutter in Hannover Kleidung
    (für mich) einkaufen ging. Zuert mussten wir ja nach Hannover reinfahren um in den Genuß der großen Auswahl zu kommen, die es in unserer Kleinstadt nicht gab.
    Hannover war aufregend, großer Bahnhof viel Gewimmel. Dann im Kaufhaus (Karstadt), wir nahmen den Fahrstuhl, quetschten uns mit rein, wo ein älterer Herr den Aufzug bediente. Es war ja immer so voll, Kindersachen gab es auch nicht etwa im Erdgeschoss, sondern am liebsten ganz oben. Und auch dort nur Gewühle und Gewimmel, dann ja immer nur drei Sachen anprobieren und zusehen, dass man überhaupt in dem Gewühle eine Kabine fand und dann dadrin bleiben, Mutter holte
    immer Nachschub, anprobieren, anprobieren.
    Manchmal noch diese fremden Frauen mit: ach, ihre Kleine sieht aus wie meine Nichte, kann sie das mal eben überziehen????? Und meine Mutter am Ende ratlos,
    was jetzt das Schönste und das Billigste sei und dass man unbedingt nochmal einen
    Vergleich haben müsse. Also, alles wieder anpellen, Knopf drücken, auf den Fahrstuhl warten, reinquetschen, hoffen, dass man rechtzeitig raus kam, wo man auch raus wollte und weiter....
    Ich habe noch ein Bild im Kopf, wo wir mal wieder so einen vollen Fahrstuhl verlassen (bei Brenningmeyer) und in ein Menschenmeer eintauchen, fast genauso wie es doch gerade eben schon im Fahrstuhl voll war, wir schieben uns weiter in Richtung Grabbeltische, Frauen, Menschen Tische, wühlen, wohin man schaut.
    Muß wohl einer dieser wilden Schlußverkäufe gewesen sein.....
    Am Ende dieser Einkaufsorgie gingen wir oft in die KEPA, Kartoffelpuffer mit Apfelmus essen und durch die Glaswand in die (es kam mir so vor) irre Tiefe blicken, wo die Wimmelei unten weiterging.
    Mir bleibt auch immer die Erinnerung an den tierischen Durst, den ich nach dieser
    Art von Einkaufsbummel hatte (ich muß 4 oder 5 gewesen sein, Ende der 60iger)
    und meine Mutter verweigerte standhaft teure Getränke aus dem Bahnhofsgetränkeautomaten, die ich mir wünschte.
    Ich habe auch noch die Erinnerung an die Zugabfahrten, voll, reinquetschen, schnell, das Pfeifen, die Türen schlagen zu, und ich meine es kam wirklich ab und zu vor, dass ein Kind von der Mutter getrennt wurde, Geschrei....
    So schleppten wir uns am Ende mit unserer mühsam erkauften Beute nach Hause.
    Soll man sich das zurückwünschen? Da war noch Leben in der Innenstadt, soviel steht fest.

    • tages
    • 11.06.2009 um 16:46 Uhr

    Nun die Vergangenheit läßt alles schöner erscheinen; der Tante Emma Laden hatte auch was für sich.
    Nüchtern betrachtet hat das Kaufhaus vieles für sich. Ich kann mir in aller Ruhe die Artikel meines Interesses ansehen, ohne gleich von dem Verkaufspersonal regelrecht überfallen zu werden und das mir dann oft nicht mehr von dere Seite weicht, was ich als sehr lästig empfinde. Ich bekomme Anregungen für irgendwelche Sachen, an die ich zunächst garnicht dachte( ja, ich höre den Einwand, dass das die Stategie der Kauhäuser ist; na und?). Im Ausland habe ich im Kaufhaus auf der Schnelle, einen Überblick über das Warenangebot des besuchten Landes.Dass das Kaufhaus sogar zum Erlebnis werden kann zeigt ja das KADEWE in Berlin.
    Es spricht sehr vieles für das Kaufhaus, also, es soll weiter leben!

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