Muschelkalk. Wie das schon klingt. Will man wissen, wie es um die Substanz des Hauses bestellt ist, wird man im vierten Stock fündig. Der Schaukasten neben der Cafeteria erzählt sperrig von grundsolider Baukunst: Muschelkalk auf Eisenbeton, annodazumal 1929. Doch langsam! Nennen wir den Ort Karstadt, nennen wir die Stadt Berlin, Bezirk Neukölln. Und beginnen wir unten, wie es sich im Kaufhaus gehört.

Dort sagt eine Frau zur anderen: "Stellen Sie sich vor, Sie wären Karstadt!" Sagt die andere: "Alles eine Frage der Perspektive."

Zunächst diese: Wer nach langer Zeit mal wieder ein Kaufhaus betritt, wird erst einmal müde. Die Luft, die Wärme. Von oben juckt Phil Collins im Gehörgang; von vorne kratzen Wolfgang Joops und Bruno Bananis Parfümgewitter an den Schleimhäuten. Wen schon an der Glastür die Nostalgie packt, sei gewarnt: Wer hier zu tief seufzt, muss leider husten. Aber in diesen Tagen liegen die Sorgen tiefer. Karstadt ist insolvent. Das Prinzip des Kaufhauses für tot erklärt.

Nun, stellen Sie sich vor, Sie läsen keine Zeitung. Sie hätten die Stanze von der "angeschlagenen Kaufhauskette" noch nie gehört. Ignorieren Sie das bleierne Moll über den Kassen und die Schilder, die vom Verlust Tausender Arbeitsplätze kreischen. Schauen Sie sich um, das macht wach.

Die Warenpalette. Was für ein Wort. Etagenweise liegt es verteilt auf 31.000 Quadratmetern. Unten Schreibblöcke, Bücher, Nähgarn, Stifte, Süßigkeiten, Haarspangen, Kämme, Ausweishüllen, Grußkarten, Nadeln, Klebefilm, Kalender. Rolltreppe hoch. Pfannenwender, Töpfe, Stoffe, Bettzeug, Gardinen, Damenoberbekleidung. Höher! Musik, Computer, Fernseher, Playmobil, Spiele, Herrenbekleidung, Fußballschuhe, Fahrräder. Ganz oben: das Restaurant! Was vergessen? Bestimmt.

Im Grunde ist es ein schönes Wort: Kaufhaus.

Früher, als es seinen Namen bekam, war man stolz. Über eine Konsumidylle, die merkantile Fantasien beflügelte. "Ein großes Gedicht der Auslagen" schwärmte einst Balzac über die wachsende Pariser Passagenkultur, als das Kaufhaus noch auf der Straße war. Oder stellen Sie sich vor, Sie wären Émile Zola und schwelgten: Was die Dampfmaschine für die moderne Industrie war, sei das Kaufhaus dem Handel. Das Paradies der  Damen, sein knapp 600 Seiten langes Kaufhausepos, erschien 1883. Ganz schön lang her.