Weltmeisterin Kristin Boese "Kitesurfen verschönert das Leben"
Waghalsige Sprünge und maximale Geschwindigkeit: Kitesurfen wird immer beliebter, heute beginnt der Weltcup in Sylt. Die achtfache Weltmeisterin Kristin Boese erklärt uns ihren Sport
© Christian Black/dpa

Kristin Boese hebt ab
In dieser Woche trifft sich vom 16. bis 21. Junidie Elite im Kitesurfen beim Weltcup auf Sylt. Mit dabei ist Kristin Boese, die erfolgreichste Kitesurferin der Welt. Die 32-Jährige ist Aushängeschild und Botschafterin dieser noch jungen Sportart. ZEIT-ONLINE-Redakteur Matthias Bossallerhat mit Kristin Boese gesprochen und sich Notizen gemacht.

Kristin Boese genießt das Leben
"Ich lebe meinen Traum"
Am Anfang haben mich die hohen Sprünge fasziniert. Ich saß 2002 am Ostseestrand von Wustrow und war mal wieder frustriert. Ich wollte Windsurfen, doch es herrschte Flaute. Da sah ich die Kitesurfer auf dem Meer, die trotz mangelnden Windes über das Wasser sausten und in die Luft abhoben. In ihren Gesichtern war die pure Freude zu sehen. Das will ich auch machen, dachte ich.
Ich unterbrach mein Studium der Kommunikationswissenschaften und lernte auf Fuerteventura Kitesurfen. Ich wollte eigentlich nur ein Jahr Urlaubssemester nehmen – es wurde ein Urlaub auf Lebenszeit. Die Begeisterung für das Kiten hatte mich gepackt und ließ mich nicht mehr los. Wenn ich auf dem Board stehe und über das Wasser gleite, ist das so, als könnte ich darüber hinweg laufen. Ich springe, wann immer ich möchte, in die Luft und fühle mich frei und schwerelos. Diese Sportart verschönert mein Leben.
Deswegen gab ich meinen sicheren Job und mein Studium auf und setzte auf das Kitesurfen. Ich lebe meinen Traum und betreibe diese Funsportart seit 2004 professionell.
Der Spaß am Leben

Türkisfarbenes Wasser, die Sonne strahlt, und ich hänge im Baum. Die Bewegungsabläufe für meine Tricks probe ich manchmal als Trockenübung an Land. Wenn es sein muss auch kopfüber. Damit simuliere ich das Gefühl der Schwerelosigkeit. Aus dieser Position heraus entsteht ein Handle Pass. Hierbei greife ich um und führe die Lenkstange hinter meinen Rücken.
Im Kitesurfen kann vieles theoretisch erlernt werden. Mentales Training ist dabei sehr wichtig. Bevor ich auf das Wasser gehe, muss ich meine Kür exakt im Kopf haben, ich denke mich quasi durch meinen Trick. Wenn ich auf dem Wasser bin, muss ich abschalten können. Ich darf nicht darüber nachdenken, wie eine Übung auszuführen ist, sondern ich muss sie verinnerlicht haben. Das minimiert das Fehler- und Verletzungsrisiko.
Als Kitesurfer muss ich motiviert und willensstark sein. Es gibt keinen Trainer, der einen antreibt, ich bin ganz auf mich alleine gestellt. Das ist manchmal ganz schön hart. Als ich mit dem Kitesurfen begonnen habe, zählten zunächst andere Attribute: offen und locker sein. Der Spaß am Leben stand im Vordergrund, nicht so sehr der Leistungsgedanke. Das hat mir gefallen. Als ich noch Hobbysportlerin war, riss mich das Kitesurfen aus dem Alltag heraus, es motivierte mich für das Büro. Da ich jetzt einige Jahre später mit diesem Sport mein Geld verdiene, haben sich die Wertigkeiten etwas verschoben. Dennoch genieße ich immer noch jeden einzelnen Tag.
Den Moment genießen

Entspanntes Gleiten im Wasser
Ich gleite gerade über das Wasser und kann den Kite mit einer Hand an der Lenkstange locker kontrollieren. Ich bin nicht besonders schnell, sondern genieße einfach nur den Moment, wie ich mit dem Board geräuschlos durch die Wasseroberfläche schneide. Ganz entspannt die ersten Meter ohne Sturz zu bewältigen – für Anfänger ist dies ihr erstes Erfolgserlebnis.
Beim Kiten steht der Surfer auf einem Brett, dem Board, und wird von einem lenkbaren Kite, einem Schirm oder Drachen, gezogen. Das Surfbrett unterscheidet sich kaum von den ursprünglichen Surfboards. Um allerdings bei Sprüngen in der Luft das Brett nicht zu verlieren, sind die Füße mit Hilfe einer Bindung am Brett angeschnallt. Die Größe des Schirmes und die Länge der Leinen, mit denen der Kite gelenkt wird, sind von der Windstärke abhängig. Die Schirme sind meistens zwischen neun und zwölf Quadratmeter groß. Bläst der Wind stärker, sollten die ungelernten Surfer einen kleineren Drachen verwenden. Gelenkt wird der Kite über zwei oder vier Seilzüge, die an der Lenkstange befestigt sind.
Neun Sekunden in der Luft

Ein Gefühl von Schwerelosigkeit
Wenn ich lange genug unfallfrei geglitten bin, möchte ich den nächsten Reiz setzen. Ich möchte lernen zu springen. Schließlich sind die dynamischen Sprünge ein wichtiger Teil des Kitesurfens. Anfänger, die nicht ganz untalentiert sind, können bereits nach zwei bis drei Wochen die ersten Sprünge wagen. Das ist das Schöne an diesem Sport: Ich kann springen, wann und wie ich will, und ich kann mit etwas Übung wieder locker leicht landen. Da der Kite mich nach oben zieht, falle ich nicht gleich wieder zurück ins Wasser, sondern schwebe durch die Luft. Die besten Kitesurfer bleiben bis zu neun Sekunden in der Luft. In der Zeit kann ich einfache Sprünge, Überschläge oder Rotationen zeigen. Profis schaffen pro Sprung vier bis fünf Umdrehungen.
Ich schwebe hier gerade in gut zwei Metern Höhe und zeige einen technisch leichten Trick. Mit einer Hand halte ich mein Board. Für diesen Grab (Griff) gibt es bei Wettbewerben so genannte Style-Punkte. Bei starkem Wind und hohen Wellen kann ich bis zu zehn Meter hoch springen.
Speed-Kick auf dem Wasser
Das Kitesurfen wird seit zehn Jahren als Wettkampfsport betrieben, ist aber erst vor Kurzem vom Weltseglerverband (Isaf) offiziell anerkannt worden. Gefahren wird in verschiedenen Disziplinen wie Kursrennen, Freestyle oder Boardercross. Das Bild zeigt mich bei einem Wavecontest während eines Weltcups in Portugal. Ich lasse mich in die Welle hineinziehen und reite sie ab, wie man in der Kitesurfer-Sprache sagt. Die Kampfrichter bewerten, wie viele Turns, also Drehungen, ich mache und an welchem Punkt der Welle ich die Tricks ausübe.
Das Kitesurfen ist eine der schnellsten windbetriebenen Wassersportarten der Welt. Ich kann bis zu 80 Kilometer pro Stunde über das Wasser sausen. Ich bekomme oft einen Speedkick. So müssen sich Formel-1- oder Motorrad-Rennfahrer fühlen. Außerdem entwickelt ein 14 Quadratmeter großer Kite enorme Kräfte. Bei günstigen Windverhältnissen sind diese so stark, dass der aufgeblähte Drachen einen LKW wegziehen kann. Höchstgeschwindigkeiten erzielen die Kitesurfer jedoch selten. Wir fahren im Durchschnitt 20 bis 30 Kilometer pro Stunde.
Das Glück hängt an einem Arm

Wie beim Windsurfen gibt es ein Trapez, in dem ein Haken hängt, der die Halteschlaufen fixiert. Aus diesem Trapez habe ich mich ausgehakt und halte die Lenkstange mit einer Hand. Das ist sehr anstrengend und belastet die Schulter. Eine gute Muskulatur ist die Voraussetzung, um diesen technisch anspruchsvollen New-School-Move hinzubekommen. Aus dieser Position heraus entsteht ein Handle Pass. Hierbei greife ich um und führe die Lenkstange hinter meinen Rücken.
Ausklicken, wenn es gefährlich wird

Dass es in meinem Sport auch tragische Momente gibt, zeigte mir der Tod meiner Freundin Silke Gorldt. 2002 hatte sie an der Ostsee vor Zingst in Vorpommern einen tragischen Unfall. Ihr Drachen verfing sich mit dem eines anderen Surfers. Die Kraft von zwei Kites zog sie über das Wasser, und sie prallte mit großer Wucht gegen die wellenbrechenden Fangzäune. Silke hatte es nicht geschafft, sich von den Leinen zu lösen. Die Sicherheitssysteme waren damals noch nicht ausgereift. Seit diesem Unfall hat sich das zum Glück geändert. Die Standards sind immer weiter verbessert worden, wie auf dem Bild zu sehen ist. Ich habe meinen Finger in der Schlaufe eines Klick-Releases. Dieser Mechanismus ermöglicht es mir, mich schnell vom Kite auszuhaken, wenn ich in eine Notsituation komme.
Die Kinder für das Kitesurfen begeistern

Kitesurfen wird immer populärer. Zu den Girls-Camps, die ich einmal im Jahr an der Ostsee in Wustrow leite, kommen immer mehr Mädels. Die Teilnehmerinnen sind sehr lernwillig, und ich versuche sie soweit zu motivieren, dass sie an Wettkämpfen teilnehmen. Aus aller Welt wird mir zunehmend angeboten, in Kids-Camps zu arbeiten. Ein solches fand während des Kite Jamborees im ägyptischen El Gouna statt. Der Kite Jamboree am Roten Meer ist eine Mischung aus Camp, Festival, ägyptischen Meisterschaften, Strandpartys und Modenschau. Ich zeige den Kindern, wie sie den Kite am besten halten sollen. Die Arbeit mit den Kleinen bereitet mir unheimliche Freude, vor allem wenn sie lachen. Denn das zeigt mir, dass sie sich für meinen Sport begeistern.
Keine Reise ohne Board und Laptop

Ich reise sehr viel um die Welt. Oft habe ich wie hier in New York nicht viel Gepäck dabei. In meine Tasche passen mein Surfboard und mein Laptop hinein. Der Laptop ist meine Verbindung zur Außenwelt. Über ihn kommuniziere ich mit den Medien, den Sponsoren oder meinen Freunden. Das Kitesurfen ist mein Beruf, da gehört es dazu, dass ich mich selbst vermarkte und auf der Suche nach neuen Geldgebern bin. Ich habe zwei Lehrbücher und eine DVD herausgebracht. Und ich werde auch in Zukunft versuchen, der Welt diesen tollen Sport näher zu bringen.
- Datum 02.09.2009 - 19:18 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ja dieses Jahr wars echt geil gewesen, leider ist es schon wieder vorbei. Falls ihr noch andere gute Spots zum Kitesurfen sucht, schaut mal unter Kite-spots.net. Dort findet ihr zahlreiche Information und Bilder zu vielen Spots in Europa.
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