Lehrermangel Gute Ausrede, um zu sparen

An deutschen Schulen sollen bald mehr als 80.000 Lehrerstellen unbesetzt sein. Verfehlte Personalpolitik der meisten Bundesländer, nennt das der Bildungsforscher Klemm

Es ist eine besorgniserregende Rechnung, die der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm aufstellt: Die gegenwärtig anlaufende Pensionswelle unter Lehrern werde dazu führen, dass allein bis 2015 an deutschen Schulen mehr als 80.000 Pädagogenstellen unbesetzt sein werden. Anstatt kontinuierlich Junglehrer einzustellen, hätten die Bundesländer oft bis zum letzten Moment gewartet, um Kosten zu sparen – und so den seit Jahrzehnten bekannten Wechsel zwischen bitterer Lehrerarbeitslosigkeit und eklatantem Mangel für die Zukunft zementiert.

Klemms Rechnung verwirrt allerdings auch ein wenig – hat doch derselbe Wissenschaftler früher über Jahre prognostiziert, dass sämtliche Szenarien einer drohenden Pädagogenknappheit übertrieben seien: Es werde zu einem zumindest quantitativen Ausgleich zwischen Lehrerstellen und Bewerbern kommen, so lautete seine Vorhersage. Was ist passiert?

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 Im Grunde gar nichts. Klemm steht nämlich zu seiner alten Prognose. Der einzige Unterschied ist, dass er einmal etwas getan hat, was Bildungsforscher sonst meist bewusst unterlassen: Er hat sich in seinen neuen Berechnungen auf die Versprechungen der Politik gestützt  - speziell auf jene, die Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten der Länder vergangenen Herbst auf dem Dresdner Bildungsgipfel gemacht haben.

Die mutige wie notwendige Zusage damals: Man wolle die sogenannte demografische Rendite größtenteils im System belassen. In normalem Deutsch formuliert bedeutet das: Die Schülerzahlen gehen derzeit zwar zurück, doch um eine bessere Betreuungsrelation zu erreichen, soll die Zahl der Lehrer in etwa stabil gehalten werden. Ein Versprechen, das enorme Folgen für die Lehrerbedarfsprognosen hat, denn so fehlen plötzlich bis 2015 nicht maximal 1000 Lehrer, sondern 12.000 – und zwar Jahr für Jahr.

Vielleicht verfluchen die Ministerpräsidenten ja angesichts der enormen Steuerausfälle mittlerweile ihre eigene Courage von damals. Umso wichtiger ist es, dass Bildungsforscher Klemm sie mit seiner aktualisierten Prognose an ihre Selbstverpflichtung erinnert. Womöglich aber sind die Landespolitiker auch gar nicht so unglücklich über die neuen Zahlen, liefert der absehbare Lehrermangel ihnen doch die perfekte Ausrede: Angesichts der gegenwärtigen Absolventenzahlen wird es ihnen faktisch unmöglich sein, ihre Zusagen zu erfüllen – zu ihrem großen Bedauern, versteht sich.

So könnte Klemms ursprüngliche Vorhersage von einem Ausgleich zwischen Stellen und Bewerbern ironischerweise doch noch Wirklichkeit werden.

Wahr ist allerdings auch: Trotz stärkstem Lehrermangel werden nicht alle Absolventen einen Job finden. Ihre berufliche Zukunft hängt von ihrer Fächerkombination ab und der studierten Schulform. So werden es Mathe- und Physiklehrer auf jeden Fall viel leichter haben als etwa Studienräte für Deutsch und Geschichte. Dabei spielt keine Rolle, ob nun 1000 Lehrstellen im Jahr unbesetzt bleiben – oder doch 12.000.

 
Leser-Kommentare
    • Isaidy
    • 17.06.2009 um 14:37 Uhr

    wie kurzfristig und legislaturperiodenabhängig in Deutschland die Bildungspolitik betrieben wird. Nachhaltigkeit, Langfristigkeit - keine Spur. Man kann schauen wohin man will, die Bildung unterliegt in Deutschland keinem Plan. Es wird mit Schnellschüssen gearbeitet, mit Opportunität, mit Kurzsichtigkeit. Die Folgen liegen auf der Hand und sind mittlerweile schon zu begutachten. Die überstürzte, undurchplante Einführung von G8, das systematische Kaputtreden der integrierten Gesamtschule, die sich jetzt doch nach und nach als vollwertige Schulform durchsetzt, Sparzwänge, die am leichtesten im Bildungswesen durchzusetzen waren und alles immer auf dem Rücken der Schüler. Dass Bildungsgerechtigkeit dabei zunehmend auf der Strecke bleibt und Bildung zur Privatsache mutiert, nimmt man anscheinend billigend in Kauf, es passt zu dem neuen Trend, die Gesellschaft in Ober-, Mittel- und Unterschicht zu unterteilen, wie vor 150 Jahren.

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    • Anonym
    • 18.06.2009 um 6:16 Uhr

    Bildung ist schon längst Privatsache geworden. Je höher der Bildungsabschluss, desto mehr hängt er von den Investitionen in Nachhilfe ab.

    • Anonym
    • 18.06.2009 um 6:16 Uhr

    Bildung ist schon längst Privatsache geworden. Je höher der Bildungsabschluss, desto mehr hängt er von den Investitionen in Nachhilfe ab.

  1. ... (genau in den aktuellen Mangelfächern) kann ich da nur lachen. Geld ist nicht das Problem. Lehrer sind ordentlich bezahlt.
    Die Anerkennung fehlt, bis hin zum Russen-Ex-Kanzler mit dummen Sprüchen. Nur Verwaltungskram statt vernünftigem Unterricht bringt einen weiter. Hauptsache das Schulprogramm ist toll ausgearbeitet.

    Lehrer = Halbtagsjob mit 3 Monaten Urlaub? Vielen Dank für die Vorurteile. Ich kann auch woanders fürs gleiche Geld arbeiten. Und mich mittlerweile köstlich amüsieren, weil überall der Mangel beklagt wird. Den Lehrerberuf kann man keinem jungen Menschen, der einigermaßen begabt ist, mehr empfehlen.

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    ich stimme ihnen voll zu!
    das geld stimmt eigentlich, die anerkennung fehlt. die richtig guten leute haben andere optionen ihr geld zu verdienen.sie müssen sich daher nicht in deutschlands wichtigster ressource, der bildung, engagieren und dafür noch "prügel" kassieren.
    andererseits könnte eine anhebung der bezahlung dann die guten leute doch wieder dazu bewegen einen der härtesten und wichtigsten jobs der welt zu erledigen, trotz aller anfeindungen.

    es gibt jedoch ein weiteres problem, unsere kultusministerien!
    uns droht seit jahren lehrermangel, die antwort darauf war und ist eine zunehmende vereinfachung der ansprüche an neue lehrer. einfacheres studium, milde referendariatszeit.
    mein studiengang(musik) ist gespickt mit leuten die weder durch fachwissen(wissenschaftlich), pädagogische begabung oder einem vorleben als musiker(quereinsteiger) bestechen können. viele von ihnen werden in der schule landen.
    ich persönlich kann in allen drei kategorien punkten, habe aber zunehmend keine lust mit diesen potentiellen kollegen zusammen zu arbeiten, schon gar nicht wenn das fach musik durch abnehmende stundenanzahl und damit verbundener vereinfachung der lehrpläne abgewertet wird.

    da motiviert der gesicherte arbeitsplatz und die relativ gute bezahlung irgendwann auch nur noch wenig.

    ich stimme ihnen voll zu!
    das geld stimmt eigentlich, die anerkennung fehlt. die richtig guten leute haben andere optionen ihr geld zu verdienen.sie müssen sich daher nicht in deutschlands wichtigster ressource, der bildung, engagieren und dafür noch "prügel" kassieren.
    andererseits könnte eine anhebung der bezahlung dann die guten leute doch wieder dazu bewegen einen der härtesten und wichtigsten jobs der welt zu erledigen, trotz aller anfeindungen.

    es gibt jedoch ein weiteres problem, unsere kultusministerien!
    uns droht seit jahren lehrermangel, die antwort darauf war und ist eine zunehmende vereinfachung der ansprüche an neue lehrer. einfacheres studium, milde referendariatszeit.
    mein studiengang(musik) ist gespickt mit leuten die weder durch fachwissen(wissenschaftlich), pädagogische begabung oder einem vorleben als musiker(quereinsteiger) bestechen können. viele von ihnen werden in der schule landen.
    ich persönlich kann in allen drei kategorien punkten, habe aber zunehmend keine lust mit diesen potentiellen kollegen zusammen zu arbeiten, schon gar nicht wenn das fach musik durch abnehmende stundenanzahl und damit verbundener vereinfachung der lehrpläne abgewertet wird.

    da motiviert der gesicherte arbeitsplatz und die relativ gute bezahlung irgendwann auch nur noch wenig.

    • Anonym
    • 18.06.2009 um 6:16 Uhr

    Bildung ist schon längst Privatsache geworden. Je höher der Bildungsabschluss, desto mehr hängt er von den Investitionen in Nachhilfe ab.

  2. ich stimme ihnen voll zu!
    das geld stimmt eigentlich, die anerkennung fehlt. die richtig guten leute haben andere optionen ihr geld zu verdienen.sie müssen sich daher nicht in deutschlands wichtigster ressource, der bildung, engagieren und dafür noch "prügel" kassieren.
    andererseits könnte eine anhebung der bezahlung dann die guten leute doch wieder dazu bewegen einen der härtesten und wichtigsten jobs der welt zu erledigen, trotz aller anfeindungen.

    es gibt jedoch ein weiteres problem, unsere kultusministerien!
    uns droht seit jahren lehrermangel, die antwort darauf war und ist eine zunehmende vereinfachung der ansprüche an neue lehrer. einfacheres studium, milde referendariatszeit.
    mein studiengang(musik) ist gespickt mit leuten die weder durch fachwissen(wissenschaftlich), pädagogische begabung oder einem vorleben als musiker(quereinsteiger) bestechen können. viele von ihnen werden in der schule landen.
    ich persönlich kann in allen drei kategorien punkten, habe aber zunehmend keine lust mit diesen potentiellen kollegen zusammen zu arbeiten, schon gar nicht wenn das fach musik durch abnehmende stundenanzahl und damit verbundener vereinfachung der lehrpläne abgewertet wird.

    da motiviert der gesicherte arbeitsplatz und die relativ gute bezahlung irgendwann auch nur noch wenig.

  3. Erst einmal stimmt die Rechnung schon nicht, weil in unseren Du-musst-Schulen gar keine Lehrer tätig sind sondern Unterrichtsvollzugsbeamte, und die wissen in der Regel nicht einmal, was das Wort Lehrer konkret bedeutet.
    Zweitens würde sich die Situation grundlegend qualitativ ändern, wenn wir alle (wieder) lernen würden, was LEHREN konkret bedeutet. Ein Herkunftswörterbuch könnte eine erste Hilfe dafür sein.
    Drittens könnte sich die Qualität der Schule durch ein tatsächliches Verständnis dessen, was man tut, so sehr verbessern, dass man nicht nur formal die Planstellen füllen sondern tatsächlich Probleme lösen kann statt sie wie üblich nur zu mehren und zu vergrößern.
    Viertens würde die tatsächlich aufscheinende neue Kompetenz für tatsächliche Problemlösung auch den Lehrerberuf wieder attraktiver machen.
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer würde ich nahelegen, die Rolle des "Ausfüllers einer Planstelle als verlängerter Arm der Staatsgewalt für Lehrplanvollzug" zu überdenken und aus den Zeiten der Leibeigenschaft in die Realität von heute zu heben. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

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    ... auch Sinn machen, LERNEN mal im Herkunftswörterbuch nachzuschlagen.

    Ich kenne durchaus auch ein paar ehemalige Kollegen, die vor der alles-ist-wichtig-außer-Schule-Haltung der Schüler resigniert haben.
    Lernen ist Arbeit. Und kein Freizeitvergnügen. Das wird leider mittlerweile sehr oft anders gesehen. Lehrer sind keine Pausenclowns, die die Motivation zum Lernen herstellen können. Die muss vom Schüler kommen. Es mag sicher eine Reihe schlechter Lehrer geben, aber unmotivierte Schüler und eine Gesellschaft, in der keine Leistung mehr verlangt werden darf, sind das größere Problem. Der Beitrag ist ein schönes Beispiel dafür.

    ... auch Sinn machen, LERNEN mal im Herkunftswörterbuch nachzuschlagen.

    Ich kenne durchaus auch ein paar ehemalige Kollegen, die vor der alles-ist-wichtig-außer-Schule-Haltung der Schüler resigniert haben.
    Lernen ist Arbeit. Und kein Freizeitvergnügen. Das wird leider mittlerweile sehr oft anders gesehen. Lehrer sind keine Pausenclowns, die die Motivation zum Lernen herstellen können. Die muss vom Schüler kommen. Es mag sicher eine Reihe schlechter Lehrer geben, aber unmotivierte Schüler und eine Gesellschaft, in der keine Leistung mehr verlangt werden darf, sind das größere Problem. Der Beitrag ist ein schönes Beispiel dafür.

  4. ... auch Sinn machen, LERNEN mal im Herkunftswörterbuch nachzuschlagen.

    Ich kenne durchaus auch ein paar ehemalige Kollegen, die vor der alles-ist-wichtig-außer-Schule-Haltung der Schüler resigniert haben.
    Lernen ist Arbeit. Und kein Freizeitvergnügen. Das wird leider mittlerweile sehr oft anders gesehen. Lehrer sind keine Pausenclowns, die die Motivation zum Lernen herstellen können. Die muss vom Schüler kommen. Es mag sicher eine Reihe schlechter Lehrer geben, aber unmotivierte Schüler und eine Gesellschaft, in der keine Leistung mehr verlangt werden darf, sind das größere Problem. Der Beitrag ist ein schönes Beispiel dafür.

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