Das Model ist ebenso schön wie das Kleid aus dem Haus Balmain, leider auch ebenso schmal © Marineau-Elhage/dpa

Die Chefin der britischen Zeitschrift Vogue rebelliert gegen Modedesigner aus Häusern wie Prada, Versace, Chanel. Trotz der Debatte um abgemagerte Models würden auf Drängen führender Designer spindeldürre Models in Modemagazinen landen – die Mädchen würden sogar noch dünner. Das hat die Chefredakteurin Alexandra Shulman in einem Brief geschrieben, berichtete die britische Times am Samstag. In dem Brief rufe sie die Designer auf umzudenken. Schließlich gibt es seit längerem Bedenken gegen die Vorbilder des  Schlankheitswahns und Diskussionen um "Size Zero", die Kleidergröße Null, weil mehr Mädchen und zunehmend auch Jungen an Magersucht erkrankten.

Die Modekennerin schrieb: Modezeitschriften seien gezwungen, Models mit "hervorstehenden Knochen und ohne Busen oder Hüfte" zu engagieren, weil die Kleidungsstücke winzig seien, die die Designer den Hochglanzmagazinen für Fotoshootings zuschicken. Die Maße der Kleidungsstücke seien "deutlich kleiner" geworden. Die Vogue retuschiere nach den Fotoaufnahmen am Computer inzwischen regelmäßig die Körperfülle der Mädchen, damit sie fülliger und somit gesünder aussehen. Mit einem Body-Mass-Index (BMI) von weniger als 18 sind die allermeisten von ihnen untergewichtig. In der Vergangenheit starben sogar drei an den Folgen dieser unzureichenden Ernährung.

Dass retuschiert wird, ist kein Geheimnis. Dass sich aber eine Chefredakteurin des einflussreichsten Modemagazins so deutlich äußert, markiert einen neuen Höhepunkt in einer Auseinandersetzung, die schon Jahre gärt. Bislang waren es meist Interessenvertreter von Anorexia-Betroffenen, der Models oder Messe-Ausrichter, die sich um die Gesundheit der Models sorgten und Kampagnen starteten oder Selbstverpflichtungen von Modehäusern für ein BMI-Minimum einholten.

Der Brief der Vogue-Chefin führte noch am Wochenende zu einer Welle von Reaktionen. So sagte die Dessous-Designerin Sarah Shotton der Zeitung The Observer am Sonntag: Modelagenturen schickten "derart dünne Mädchen, dass wir sie wieder wegschicken". Sie glaube ebenfalls, dass es schlimmer geworden sei, seitdem vor ein paar Jahren die Debatte über zu dünne Models begonnen hat. Und der Designer Kinder Aggugini sagte in dem Blatt, dass die Laufstegmode für normalgewichtige Menschen "vollständig umgeschneidert" werden müsse.

Auch Unternehmen unterstützten bereits Kampagnen gegen Magermodels. Einen der medienwirksamsten Beschlüsse traf 2004 Unilever – ein Konzern, zu dem Marken wie die Kosmetiklinie Dove gehören. Man wolle nur noch mit Models Werbung machen, die einen BMI von mehr als 18,5 hätten, hieß es. Das entspricht dem Wert, den die Weltgesundheitsorganisation WHO als Minimum für gesunde Menschen anlegt. Doch schon immer war klar, dass das Problem auch von den Designern geschürt wird, die ihre Entwürfe immer enger und zierlicher schneidern.

"Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, an dem viele der Probegrößen nicht einmal mehr den etablierten Star-Models passen", schrieb Shulman an Karl Lagerfeld und John Galliano, die für Chanel und Dior entwerfen, und an deren Kollegen in den Modehäusern Prada, Versace, Yves Saint Laurent und Balenciaga. "Ich deute aus den Antworten meiner Leser und der allgemeinen Stimmung in Großbritannien, dass die Leute solche dünnen Mädchen weder im Magazin noch in der Werbung sehen wollen." Der Grund für die Äußerung der Magazinchefin ist also nicht unähnlich dem der Unternehmen wie Unilever: Die Leser oder Verbraucher werden sensibler für das Thema und lehnen die extrem dünnen Models ab. Darauf müssen Kosmetikkonzerne und eben auch Magazine reagieren.