Rockgeschichte Was Neil Young aus dem Keller kramt

Seit 20 Jahren konserviert Neil Young sein Lebenswerk in Bild und Ton. Jetzt ist die erste Folge seiner "Archives" erschienen. Auf zehn Blu-Ray-Disks – mit authentischem Knistern.

Und wenn er nicht im Archiv stöbert, verwandelt er alte Schlitten in Öko-Autos: der 63-jährige Neil Young

Und wenn er nicht im Archiv stöbert, verwandelt er alte Schlitten in Öko-Autos: der 63-jährige Neil Young

Jede Minute, die Neil Young in den vergangenen 20 Jahren nicht im Studio und auf der Bühne verbracht hat, wütete er im Keller seiner Broken Arrow Ranch, sichtete seine Sammlung von Tonbändern, Schreibmaschinenseiten, Fotografien. Er sortierte die Schnipsel seines musikalischen Wirkens zugunsten eines Projektes, das längst zu einer Lebensaufgabe geworden war, der Neil Young Archives. Einer Autobiografie in Klang und Bild, deren erster Teil nun erscheint und die ersten zehn Jahre seiner Karriere umfasst (1963 bis 1972). Dass er so lange an der ersten Folge der Zusammenstellung arbeitete, zeigt wohl auch, wie unsystematisch er sammelte. Er archivierte nicht, er hob auf.

Ein weiterer Grund – mithin der offizielle – der späten Geburt der Archives ist Neil Youngs hoher Anspruch an den Klang. Er verabscheut die CD. Seine neuen Alben sind immer auch als Audio-DVD und in schweres japanisches Vinyl geritzt erhältlich. Die Blu-Ray-Disk ist ihm das erste digitale Speichermedium, das eine Bild- und Tonqualität ermöglicht, die er seinem Werk für angemessen hält – also fast so gut klingt wie Vinyl.

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In 24 Bit Klangtiefe bei einer Frequenz von 192 Kiloherz erklingt Archives nun von Blu-Ray. Schön, aber was genau bedeutet das? Wagen wir einen technischen Vergleich von Compact und Blu-Ray-Disk.

Die höchste von CD erklingende Frequenz liegt bei etwa 20.000 Hertz, das entspricht dem, was ein Mensch zu hören in der Lage ist. Pro Sekunde werden ungefähr 40.000 Klänge aufgezeichnet, und jeder Klang wird als einer von etwa 65.000 möglichen Werten kodiert. Klingt viel. Die Blu-Ray tönt vor allem im Nichthörbaren, bis über 90.000 Hertz nämlich. Pro Sekunde werden ungefähr 190.000 Klänge aufgezeichnet – und zwar mit einem von rund 16 Millionen Werten.

Jede Sekunde Klang auf einer Blu-Ray besteht also aus rund vier Mal so vielen Informationen wie auf einer CD, und diese Informationen sind rund 250 Mal so präzise. Auf normalen Fernsehlautsprechern ist dieser Unterschied nicht wahrnehmbar, es heißt, man bräuchte sehr teure Gerätschaften. In Klang lässt sich investieren, über Klang lässt sich streiten.

Was hat Neil Young da eigentlich aus dem Keller gekramt? Auf der ersten Disk erklingt die etwas tumbe Surfmusik seiner ersten Band, der Squires, in Mono. Daneben Demoaufnahmen und bislang unbekannte Lieder aus den Jahren 1963 bis 1965. Aufregend ist das alles nicht, nein, das meiste ist sogar höchst mittelmäßig.

Der zweite Teil widmet sich Youngs Wirken mit Buffalo Springfield, großartigen Liedern wie Mr. Soul und For What It's Worth. Die überwiegende Anzahl der Stücke ist bereits vor Jahren in einem anderen Boxset veröffentlicht worden. Und so ist es leider auch mit den übrigen Scheiben.

Vier Disks dokumentieren Youngs Wirken während seiner ersten vier Soloalben, die meisten Lieder sind von eben jenen Platten bekannt. Und zwei der drei beiliegenden Konzerte waren bereits zuvor zu sehen und zu hören. Auf der zehnten Disk schließlich befindet sich der von Neil Young produzierte Film Journey Through The Past. Der ist weder so gut noch so schlecht, wie gemunkelt wurde.

Erstaunlich, dass Young nur 13 noch nie veröffentlichte Lieder fand. Erstaunlich auch, dass so vieles doppelt und dreifach herhalten muss. Und angesichts dieser Entdeckungen ist Neil Youngs Klangfetisch wahrlich absurd. Können Demoaufnahmen sauber klingen? Welchen Grad der Perfektion muss und kann ein Liveauftritt erreichen? Und welchen Mehrwert können 24 Bit Klangtiefe einer uralten Monoeinspielung verleihen? Immerhin, es rauscht und knistert authentisch.

Auch die Bildqualität der Blu-Ray ist gut, besser als die der DVD – wiederum die entsprechende Technik vorausgesetzt. Vor allem aber kann das Repertoire der Disk durch eine Verbindung zum Internet aufgestockt werden. Denn Neil Young sammelt weiter. Sobald er neue Fotos findet oder eine neue Version eines Stücks, stellt er sie zum Download zur Verfügung. "You have received new materials from NY. Accept?", fragt der Player. Natürlich. Das Archiv wächst und wächst auf der Festplatte.

Doch auch stehen Realität und mögliche Qualität im Widerspruch. Oft sieht man einfach nur ein Tonband laufen oder einen Plattenspieler drehen, während die Musik spielt. Viele der Dokumente, Bilder und Filme sind abgenutzt, stumpf und verkrumpelt. Und Journey Through The Past sähe auch auf VHS kaum verschlissener aus.

Trotzdem sind Neil Youngs Werke immer wieder fesselnd. Dann nämlich, wenn man die Versprechungen des technischen Schnickschnacks ignoriert und ihn bei seinen ersten ungelenken Schritten auf dem Weg zu einem respektierten Künstler folgt. Dann klickt man sich fasziniert durch einen großen Zettelkasten, saust über die Zeitleiste, liest Zeitungsschnipsel und handgeschriebene Lyrik, betrachtet Fotos und Videos, während im Hintergrund etwa die Stereo-Version von der zweiten Pressung einer Promosingle von Everybody Knows This Is Nowhere läuft. Welchen Spaß das Unspektakuläre bereiten kann.

Eine Welle derartiger Archivschauen ist kaum zu erwarten. Denn so beispiellos diese ist, so wenig kann sie beispielhaft sein. Wie viele Künstler gibt es, deren Schaffen überhaupt eine akribische Dokumentation rechtfertigen würde? Bob Dylan vielleicht. Doch dem ist die Akribie Neil Youngs kaum zuzutrauen, und die Archives würden kaum funktionieren, wenn sie nicht so stark autobiografisch wären. Den Beatles wurde ja bereits die mehrteilige Anthology gewidmet, der Mangel an Bildmaterial und lebendigen Bandmitgliedern lässt wohl kaum mehr zu.

Neil Young arbeitet derweil am zweiten Teil der Serie. Hoffentlich kommt er besser voran als bisher.

"Neil Young Archives Volume 1" ist bei Warner Music erschienen und kostet etwa 250 Euro. Neil Young spielt Konzerte in Deutschland am 16. Juni in Berlin, am 17. Juni in München und am 19. Juni in Köln.
 

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Leser-Kommentare
  1. Ich mag Neil Young. Ich würde evtl. sogar von Liebe sprechen. Aber der Preis ist nicht akzeptabel. Das Medium auch nicht. Tut mir leid.

    Dann lieber die Bootlegs der Fans hören und abwarten bis der Preis sinkt. Und Blueray will man auch nicht wirklich - bekäme ich denn das Werk ausschnittsweise irgendwie ins Auto oder in den tragbaren Player? FLAC und SHN gibt es ja auch schon seit einiger Zeit.

    Gruß
    rakeller, wartend.

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