ZEIT ONLINE: Mr. Wolf, Sie sind von Ihrer Plattenfirma Universal fallengelassen worden und haben ein eigenes Label gegründet. Ihr Album The Bachelor wurde unter anderem über die Internetseite Bandstocks.com finanziert. Dort können Fans Aktien an dem entstehenden Werk eines Künstlers kaufen.

Patrick Wolf: Wenn heute noch jemand für ein Album bezahlt, ist das ja wie ein Wunder (lacht). Ich habe nur vier oder fünf Ausschnitte online gestellt. Das haben sich die Leute nicht einmal angehört – sie hatten einfach das Bedürfnis, mich zu unterstützen. Ich habe mich sehr geschmeichelt gefühlt, wirklich inspiriert, weil meine Arbeit den Menschen etwas bedeutet.

ZEIT ONLINE: Die ersten Stücke der neuen Platte sind auf einer Amerika-Tour entstanden. Wie schreibt es sich unterwegs?

Wolf: Ich habe dort oft Zeit überbrücken müssen. In Los Angeles habe ich eine Woche auf einen Fernsehauftritt  gewartet. Ich hatte nichts zu tun – also viel Zeit, um Nachzudenken und neue Sachen zu erfahren. Seit ich 19 war, war ich beinahe pausenlos auf Tour. Mal zwei Tage in Australien, dann direkt nach Japan, dann nach Amerika und dann wieder vorwärts und zurück. Ich fühlte mich in 1000 Teile geteilt, die irgendwo in der Welt waren. Im vergangenen Jahr habe ich alle Tour-Angebote abgelehnt, alle Festivals und alle Interviews. Ich wollte ein neues Kapitel beginnen, meine Gefühle sortieren. Erst Mitte des Jahres habe ich überhaupt kapiert, dass ich mittlerweile ziemlich depressiv geworden war.

ZEIT ONLINE: Um diese Krise dreht sich auch Ihr Album. Zunächst sollte es ein politisches Werk werden.

Wolf: Ich habe mich lange Zeit missverstanden gefühlt. Gerade auf Tour durch Amerika oder andere Gegenden, die in ihrem Kern konservativ sind – ich musste mich für alles rechtfertigen, für die Texte, meine Haarfarbe und meine ganze Persönlichkeit, bevor es um die Musik ging. Das ist jetzt besser, da ich bekannter bin. Ich war aber lange in dieser Verteidigungshaltung. Zudem haben mich das Alleinsein und die Depression aggressiver gemacht, auch politisch.

ZEIT ONLINE: In Songs wie Hard Times rufen Sie die Hörer auf, aktiv zu werden, sich zur Wehr zu setzen. Wie sehen Sie die gesellschaftliche Situation in England im Moment?

Wolf: Es ist komisch, dass es den Leuten ans Geld gehen muss, damit sie aufbegehren. Wenn ich etwas beeinflussen könnte, würde ich Aufstände wegen soziopolitischer Themen anzetteln: Rassengleichheit, Feminismus, Schwulen-, Lesben- und Transgenderrechte. Diese Themen sind zwar politisch verankert, aber nicht gesellschaftlich. Und auch die Medien fürchten sich noch vor Dingen, die schon von Generationen vor uns etabliert wurden.