Auf dem Weg nach Bad Emstal wird die Welt leiser. Von Kassel klettert der Bus südwärts durchs hessische Land, vorbei an suburbanem Flachbau, der den Hügeln zu Füßen kauert. Den Habichtshof findet dort nur, wer wirklich sucht. Eine schmale Straße führt den Hang hinauf, bald sieht man die Waschbetonhütten, ein Grundstück von 40.000 Quadratmetern, einst Feriendorf, heute Sitz der Kasseler Stottertherapie. Dort oben ist es still, so dass man sich selbst besser zuhören kann.

Ich stottere. Seitdem ich drei bin, zerbrechen mir Wörter in Scherben, in Konsonanten und Vokale. D, G, H, V, F, A. Schauen Sie oben in die Autorenzeile und ahnen: Mein Name war mein größter Feind. Die Buchstaben kamen und gingen im Laufe der Jahre, saisonal, wie von selbst. "Pardon, ich hab’s diesen Monat mit dem K" ist ein alter Stottererwitz, in dem eine Menge Wahrheit steckt. Mittlerweile hat sich das gesamte lateinische Alphabet schon einmal vor mir aufgebaut und gesagt: An uns kommst Du nicht vorbei.

Es gibt auch Zahlen. Ungefähr 800.000 Menschen in Deutschland stottern, jeder Hundertste, auf fünf Männer kommt eine Frau. Einige zehn Millionen neuronale Verbindungen steuern das Sprechen im Gehirn. Mehr als 70 Muskeln arbeiten, damit aus dem Spiel von Atem, Stimmbändern, Zunge und Lippen ein Wort entsteht. Verkürzt man diesen Vorgang, passt er in einen Satz: Nach der Uhrzeit zu fragen, ist Maßarbeit.

Früher habe ich mich oft entschuldigt, wenn sich die Sätze im Kopf stauten und sich Panzersperren hochzogen, zwischen Kehle und Mund – wo genau, ist schwierig zu erklären. Inzwischen weiß ich aber, wie es aussieht: das Gesicht errötet, die Augen verdrehen sich, die Lippen flattern, der Hals verkrampft, die Gesten werden fahrig. Beim Bäcker, am Fahrkartenschalter, in der Schule. Dann sagte ich, ganz flüssig übrigens: "Guten Tag, ich stottere."

Angst. Scham. Minderwertigkeitsgefühl. Stottern ist unangenehm. Ein Kampf gegen mich selbst, den ich oft verlor. Singen klappte, Flüstern auch, so geht’s den meisten. Indes locker plaudern: nein. Mich selbst auf Tonband hören: ganz schlimm. Telefonieren: fast unmöglich. Stattdessen lief ich zwei Kilometer zum Plattenladen, um zu fragen, ob die "neue Iron Maiden" denn schon da sei. Falls das N grad klemmte, vermied ich die Wörter, die damit beginnen. Anstelle der "neuen" zum Beispiel, fragte ich nach der "jetzt gerade rausgekommenen". Was Sprachquatsch war, aber immerhin flüssiger Quatsch. Später las ich Synonymlexika, stellte mir ein Notfallpaket zusammen. Wenn alle Tricks nicht halfen, blieb die stumme Hoffnung, der Mensch gegenüber möge geduldig sein.

Vermeiden ist eine Strategie. Therapie eine andere. Als Kind begegnete ich hilflosen Psychologen, die fragten, was mir Schlimmes zugestoßen sei. Ein Homöopath verschrieb mir vier mattweiße Kügelchen, immerhin mit Opiaten, für 400 Mark. Ein Geschichtslehrer befahl, ich solle ganz langsam reden, oder er nähme mich nie wieder dran. Ein Logopäde sagte mir, ich solle mich entspannen und mir vorstellen, ich sei am Strand. Bekannte boten mir Sessel und Wasserglas an und sagten "ganz ruhig", mit von ostentativem Verständnis geweiteten Augen. Therapien sind oft Glückssache.

Die Gäste, die den Aufstieg zum Habichtshof antreten, tragen ähnliche Erinnerungen herauf und bleiben meistens zwei Wochen. Die meisten von ihnen stottern seit der Kindheit, jener Zeit, nach der es keine Heilung mehr gibt. Für "dauerhaft flüssiges Sprechen" wirbt die Therapie. Und glaubt man den Studien und Artikeln, ist es die wissenschaftlich am besten geprüfte Stottertherapie Deutschlands. Entwickelt von Alexander Wolff zu Gudenberg, Arzt, selbst einst starker Stotterer. Sein Hof ist zwölf Mal im Jahr geöffnet.