Lautes Klingeln, Pfiffe, Sirenengeheul. Eine bunte Masse von Fahrradfahrern kommt plötzlich um die Ecke. An den Polizeiwagen, die die Strasse blockieren, fahren sie einfach vorbei. Mitten auf der Kreuzung, vor der Berliner Filiale der Hypo Real Estate, bleiben sie stehen und zücken ihre Waffen: Luftpumpen, Wasserpistolen und Bananen. Manche heben ihre Räder in die Höhe, andere drohen mit Aktenkoffern, aus denen Geldscheine herausquellen. Oben schauen interessiert einige Bankangestellte aus den Fenstern, manche winken sogar. Aber mit den Studenten ist nicht zu scherzen. Sie rufen: „Bänker lasst das Glotzen sein, reiht Euch in die Demo ein“ und „Bei den Banken sind sie fix, für die Bildung tun sie nix.“ „Für diese Botschaft können die da oben ja nicht taub sein“, hofft einer der Demonstranten.

So einfach, mit einem spontanen Fahrradcorso, haben die Berliner Studenten am Donnerstag, dem „Tag des zivilen Ungehorsams“ in dem einwöchigen bundesweiten Bildungsstreik, also die Polizei überlistet. Dabei war die für den angekündigten symbolischen Banküberfall auf die Hypo Real Estate im Stadtteil Charlottenburg eigentlich gut vorbereitet gewesen. Der Platz, auf dem die angemeldete Kundgebung stattfinden sollte, war abgesperrt, die Bank auf der gegenüberliegenden Seite gut gesichert durch Ketten von Uniformierten, mehrere Mannschaftswagen warteten in den Seitenstraßen.

Trotzdem: „Gegen harmlose Fahrradfahrer, die ein bisschen klingeln und rufen, können sie eben nichts machen“, freut sich Benjamin Stopf, Mitglied des Berliner Streikkomitees und einer der Organisatoren der Aktion. Der Anführer des Korsos wird dann aber doch in einen Mannschaftswagen abgeführt – zur „Aufnahme der Personalien“ und weil der Korso eben nicht angemeldet war, wie die Polizei betont. Nach einem kleinen Sitzstreik vor dem Mannschaftswagen kommt er aber schnell wieder frei. Die Polizei will eine Konfrontation vermeiden.

Das wollen auch die meisten Studenten. „Wir wollen keine Randale. Wir wollen nur darauf aufmerksam machen, wie ungerecht es ist, was gerade in Deutschland passiert“, ruft Benjamin Stopf wenig später ins Mikro, als sich die Demonstranten wieder auf dem Platz gegenüber der Bank versammelt haben. Die 25-jährige Jana Schallau nickt. „Wie kann es sein, dass eine Bank wie die Hypo Real Estate mit mehr als 100 Milliarden Euro gerettet wird, während wir an den Unis darben? Und so was will ein Sozialstaat sein“, empört sie sich.

Jana studiert im sechsten Semester Kulturwissenschaft und Archäologie an der Humboldt-Universität. „Wir wollen keine Eliteausbildung, sondern mehr Geld für faire Bildung. Fair heißt für mich auch mehr Geld für die kleinen Fächer.“ In ihrem Fach, der Archäologie zum Beispiel, spare die Uni so sehr, dass gutes Lernen kaum noch möglich sei: zu wenig Professoren, überfüllte Seminare, kaum noch Betreuung und total veraltete Lehrmittel.

Unzufrieden sind die Studenten auch mit der ihrer Meinung nach stümperhaften Umsetzung der Bologna-Reform. „Die Unis haben die alten Diplom-Lehrpläne einfach ohne irgendeine Änderung in das Korsett der Bachelor-Studiengänge gezwängt. Jetzt müssen wir das, was man sonst in neun Semestern gelernt hat, in sechs schaffen. Das ist doch Wahnsinn“, findet Jouba Keskin, der im 9. Semester Landschaftsarchitektur an der TU Berlin studiert. „Und dann kürzen sie noch eine Tutorenstelle nach der anderen. Dabei baut unser Studium gerade auf Übungen auf, die von solchen Tutoren geleitet werden. Die Folge ist, dass wir nur noch Vorlesungen belegen können und die sind dann natürlich heillos überfüllt.“

Jouba gehört nicht zum harten Kern der Streikenden. Er hat sich nicht als Banker verkleidet wie einige der Demonstranten. Er schwenkt auch keine Fahne wie das Trüppchen von der linken Hochschulgruppe SDS. Er trägt eine hippe Sonnenbrille. Als die Demonstranten dann plötzlich Richtung Tauentzien rennen, läuft er aber trotzdem mit. In der Masse kommt plötzlich Aufregung auf. Da vorne ist schon die nächste Bank. Überfallen wir doch einfach die! Aber da steht schon eine Kette Uniformierter. Die Studenten stürmen auf sie zu. Schäferhunde bellen wie verrückt. Einer springt auf ein Mädchen zu. Es zuckt zurück. Und setzt sich erstmal auf den Boden. Rund zwei Dutzend Demonstranten tun es ihr gleich. Bis alle aufspringen und wieder losrennen. Auf zur nächsten Bank. Es gibt ja noch einige den Tauentzien entlang.

Am Ende der Straße gelingt dann wirklich fast ein "Überfall". In die Filiale der Deutschen Bank gegenüber vom KaDeWe marschieren 13 der Demonstranten. „Unrechtmäßig eingedrungen“, sagt die Polizei und lässt sie deshalb auch erstmal nicht wieder heraus. Unter den Eindringlingen ist auch ein 13-jähriger Schüler und ein Reporter von der Berliner Zeitung. Also wieder Sitzblockade. Und verhandeln und reden und weiter sitzen.

Jouba wird es jetzt etwas langweilig. Und außerdem ist es heiß. Wie lange er hier noch sitzen will, weiß er nicht. Aber so einfach will er auch nicht aufgeben, wo er sich nun einmal eingereiht hat. Schließlich haben sie heute schon einmal die Polizei überlistet. Bis dahin bleibt er erstmal sitzen. Und er ist nicht allein. Am Ende löst sich alles, trotz einiger Rangeleien mit der Polizei, weitgehend friedlich auf.