Blindenfussball"Laufen Sie mit Augenbinde, und Sie werden sehen!"

Fußball für Sehbehinderte ist vergleichsweise neu in Deutschland. Doch die Spieler betreiben es mit großem Ehrgeiz. von Rüdiger Sinn

Trotz Schlafmaske - was man im Blindenfußball nicht sehen will, ist Schlafwagenfußball

Trotz Schlafmaske - was man im Blindenfußball nicht sehen will, ist Schlafwagenfußball   |  © Vladimir Rys/Bongarts/Getty Images

Alexander Fangmann dribbelt den Rasselball von einem Fuß zum anderen vorbei an einem gegnerischen Feldspieler. Dann läuft der Stuttgarter über die rechte Außenseite, stoppt den Ball, orientiert sich. Er dreht sich und will schießen. In diesem Moment rennt ihn ein gegnerischer Spieler um. Alexander konnte ihn nicht sehen, denn er ist blind.

Blindenfußball wird in Deutschland seit 2007 gespielt. Zunächst bei kleineren Turnieren, seit 2008 in der Bundesliga. Neun Teams messen sich an vier Spieltagen miteinander. Gekämpft wird mit harten Bandagen, schließlich geht es um viel. Leistungsgedanke und Professionalität sind so ausgeprägt wie in anderen Sportarten auch. Es gibt Trainingspläne und Lehrgänge, regelmäßiges Training ist Pflicht. Auf dem Platz wird gefightet, Emotionen kochen über. Fair bleibt es dennoch, auch deshalb, weil die Zahl der Mannschaften niedrig ist und sich alle kennen.

Anzeige

"Voy, voy, voy", schallt es vom Spielfeld. Das spanische Wort bedeutet "ich komme" und ist der wichtigste Zuruf auf dem Spielfeld. Die Hauptregel, um Zusammenstöße zu meiden, ist einfach: Der Spieler, der ohne Ball auf den Ballführenden zuläuft, ruft "voy", um sich bemerkbar zu machen. Hätte Alexander Fangmann das "Achtung" seines gegnerischen Spielers gehört, hätte er um ihn herumdribbeln können. So liegt er am Boden und hält sich das Bein. Der 24-jährige ist aber hart im Nehmen, steht gleich wieder auf, rückt seinen Kopfschutz zurecht und lässt sich mit einer freundschaftlichen Geste vom Gegner abklatschen.

Die Blindenfußball-Szene ist klein. "Wir sind eine große Familie", beschreibt Uli Pfisterer, Coach der Nationalmannschaft und gleichzeitig Trainer des MTV Stuttgart, die Atmosphäre. Den 57-Jährigen kann man getrost als Vater des Blindenfußballs in Deutschland bezeichnen. Vor zwei Jahren kehrte der ehemalige Junioren-Nationalspieler nach dreißig Jahren Emigration aus Australien zurück und kam bei einem Workshop mit der Sportart in Kontakt. Von da an ging es ganz schnell. Pfisterer bekam in Stuttgart einen Job als Diplom-Sportlehrer in einer Behinderteneinrichtung. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt das Gelände des MTV. Eine ideale Ausgangsposition also, um Blinde mit dieser Sportart in Berührung zu bringen und bestens zu fördern.

Unterstützung für den Blindenfußball kommt seither vom Deutschen Behinderten Sportverband, vom Deutschen Blinden- und Sehbehinderten-Verband und von der Sepp-Herberger-Stiftung. Die Mannschaften sind über das gesamte Bundesgebiet verteilt. Es gibt Traditionsvereine wie den FC St. Pauli oder den Chemnitzer FC, aber auch zusammengewürfelte Mannschaften wie die SG Berlin/Würzburg und gemischte Damen- und Herren-Mannschaften.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte FC St. Pauli | Leichtathletik | Sportler | Australien | Brasilien | MIT
    Service