Hochschule im Umbruch
Ein Blog zum Bologna-Prozess
Renommierte Gastautoren diskutieren in den Scilogs von "spektrumdirekt.de" und "Spektrum der Wissenschaft" über die Reform der Hochschulen und deren Zukunft
Am 19. Juni 1999 unterzeichneten 29 europäische Bildungsminister im italienischen Bologna eine Erklärung, deren Ziel die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums bis 2010 ist.
Diesen Jahrestag nehmen die Scilogs – eine Blogsammlung des Spektrum der Wissenschaft Verlags – zum Anlass, eine Woche lang den Bologna-Prozess auf den Prüfstand zu stellen und zu diskutieren, wie die deutschen Hochschulen fit für die Zukunft werden könnten.
Neben den Bloggern der Scilogs ziehen renommierte Gastautoren Bilanz und kommentieren, darunter der Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion Ernst Dieter Rossmann, Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, der Präsident des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft Arend Oetker und Barbara Kehm, die Direktorin des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung.
Ziel des Bloggewitters ist es, aus den verschiedenen Perspektiven ein möglichst umfassendes Bild der Lage an den Hochschulen zu zeichnen, Erfahrungen transparent zu machen und konstruktiv über die Zukunft zu diskutieren. Hier können auch ZEIT ONLINE-Leser mitdiskutieren.
- Datum 18.6.2009 - 16:12 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, spektrumdirekt.de
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... deren vorläufiges Ende abzusehen ist.
Als die Jahre des Wirtschaftswunders sich zu ihrem Ende neigten, war ersichtlich, dass Rationalisierung sowie das Erstarken der Konkurrenz dauerhaft dazu führen würden, dass ein großer Teil der Bevölkerung innerhalb des Wirtschaftskreislaufes entbehrlich wurde. Zahlreiche Industriebetriebe produzieren heute vergleichsweise mehr Waren als vor 30 oder 40 Jahren. Nur bewerkstelligen sie dies mit einem kleineren Arbeitnehmeranteil. Einige große Firmen haben ihre Belegschaftszahl zwar noch erhöht, jedoch wuchs ihre Mitarbeiterzahl mehrheitlich im Ausland.
Wer sich einmal die Mühe machen möchte, kann sich beispielsweise einmal die großen Fertigungshallen der AEG, von Borsig usw. in Berlin anschauen. In Reinickendorf wurden die Schichtanfänge von Borsig und Thyssen seit Anfang der 20-er Jahre derart abgestimmt, dass die U-Bahnen auch den Ansturm der Massen bewältigen konnten. Anfang der 90-er Jahre war ich noch einmal bei Borsig in Berlin, zu diesem Zeitpunkt wurden dort nur noch Großverdichter sowie Sperrsysteme für Pipelines gefertigt. In den riesigen Fertigungshallen hätte man zwei Fußballspiele gleichzeitig austragen können. Vereinzelt sah man noch einen Mitarbeiter hastig über das Werksgelände hasten, ansonsten wirkte alles überdimensioniert. Viele Menschen wurden dort nicht mehr gebraucht.
Später arbeitete ich in Bayern bei einem großen Maschinenbauer, auch dort war die Zahl der Dreher, Werkzeugeinrichter usw. sehr übersichtlich. Diese Großbetriebe bildeten immer noch Lehrlinge aus, aber natürlich in einem viel bescheideneren Rahmen als vor vierzig oder fünfzig Jahren. Nun hat Deutschland noch den Vorteil, dass es in bestimmten Regionen einen relativ starken Mittelstand gibt, aber diese Wirtschaft ist nicht homogen verteilt.
Wo sollten all die Menschen hin? Die Einwohnerzahl ist in Deutschland seit Kriegsende gestiegen.
Also wurden von Seiten der Politik die Bildungssysteme Anfang der 70-er Jahre „geöffnet“, die „Zugangshindernisse“ gesenkt. In Realität sanken die Anforderungen, die einem Hochschulstudium genügen mussten. (In den angelsächsischen und skandinavischen Ländern wurde dies meiner Meinung nicht so gehandhabt.) Zudem wetteiferten die Bundesländer darum, dass jedes Land möglichst seine eigenen Universitäten bekam. Heute existieren allein 104 Hochschulen im Rang einer Universität oder Technischen Hochschule bzw. Kunsthochschule – also Hochschulen, die man vormals mit einem Diplom oder Magister in der Tasche verließ. Damit war das Problem aber nur in einen anderen Bereich verlagert. Die späten Eintritte ins Berufsleben, welche so oft beklagt wurden, waren die Folge dieser Entwicklung; die Lebensarbeitszeit der Leute musste verkürzt werden. Nur hatte diese Idee noch ganz andere Folgen.
Zunächst verkürzte sich aus Sicht des Staates die Zeitdauer, in der ein Steuerzahler für den Staat greifbar ist. Außerdem kostet diese enorme Vergrößerung der Hochschullandschaft auch viel Geld. Egal wie billig bzw. spärlich man ein Studium gestaltet, man muss den Studenten Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und man muss mindestens eine Person vor die Studenten stellen, die denen auch etwas lehrt. Ich habe auf der Internetpräsenz von www.studieren.de einmal nachgeschaut, wie viel Studienrichtung es gibt. Es sind wohl an die 700. Lässt man sich die Zahl der Studiengänge anzeigen, steht dort eine Zahl von 4675! Liest man die Listen durch, wird einem sofort klar, dass viele Absolventen Schwierigkeiten bekommen werden, eine ihrer Ausbildung entsprechende Anstellung zu finden. Zudem kommen für einige Studiengänge nur Arbeitgeber in Betracht, die wiederum deren Gehälter auch nur aus Einnahmen der öffentlichen Hand - sprich Steuern - bezahlen können. Mittlerweile wissen wir, dass die Zahl derjenigen, die ihr Einkommen noch auf direktem Wege durch ihre Arbeit erzielen, auf knapp 40% gesunken ist. In diese Gruppe müssen aber auch Anwälte und Ärzte hinzugezählt werden, obwohl deren Einkommen auch darauf basieren, dass sie einen Klienten bzw. Patienten treffen, der zuvor Geld verdient haben muss, sodass zumindest eine Sozialversicherung existiert. Aus Sicht des Staates ist dies egal, ihm sind alle Steuereinnahmen gleich willkommen. Im Gegenteil, genau betrachtet kassiert der Staat hier zweimal.
Das System kommt dann ins wanken, wenn schlechte Wirtschaftslagen bzw. Krisen dieses System zum Sturz treiben oder, wenn zu viele Menschen in den nachgeschalteten Systemen sitzen. Jetzt hat die Politik ein Dilemma zu lösen. Jetzt muss sie den 60% der Bevölkerung, die auch das Ergebnis ihres Handelns ist, erklären, dass das System so nicht weiter finanziert werden kann. Ein guter Teil der davon Betroffenen hat ein Studium absolviert; ein Studium für das niemand einen Bedarf hatte. Oftmals wird das Studium als einepersönliche Angelegenheit des Studierenden betrachtet. Dies ist es aber nicht. Solange die Gesellschaft für die Kosten der Studien eintreten muss, muss auch immer die Frage nach dem Bedarf gestellt werden.
Wie ändert man die Fehlentwicklung? Man braucht zunächst einen positiv besetzten Begriff. Das Wort Reform bietet sich dafür an. Prinzipiell geht es jedoch darum, dass man die Kosten dieser Entwicklung sanktioniert. Dies geht entweder durch den Zwang zu drastisch verkürzten Studienzeiten oder aber, man erhöht den Preis. Wenn man diese Notoperation dann noch unter einem Begriff wie z.B. Bologna-Prozess verkaufen kann, ist dies zweckdienlich. Der Fehler ist vor über vier Jahrzehnten begangen worden. Offensichtlich scheint diese Anpassung auch nur in Deutschland größere Schwierigkeiten hervorzurufen. Aus GB oder Schweden habe ich bis jetzt keine Klagen vernommen, aber vielleicht habe ich auch nicht genügend Informationen.
Richtig schlecht wird die Sache aber dann, wenn in Zeitungen und von Bildungspolitikern, die sich aufgrund ihres Selbstverständnisses dieses Themas annehmen, kapriolenartige Vergleiche zu Universitäten in den angelsächsischen Ländern gezogen werden – zudem natürlich gleich Yale und Cambridge. Diese Universitäten besitzen finanzielle Basen, die Hoffnungen wecken, die die deutsche Politik nie bezahlen wird. Das Pendant dieser Hochschulen ist in Deutschland die Max-Planck-Gesellschaft bzw. waren zu Kaisers Zeiten die Kaiser-Wilhelm-Institute. Aber dies ist Spitzenforschung. Die Mehrzahl der Studenten braucht eine solide Ausbildung, ähnlich wie in Großbritannien oder den USA. Ich bin mir sicher, dass diese Excellenz-Initiative keinen überdurchschnittlichen Nutzen bringen wird. Zudem werden die Institute mit Milliarden bedacht, die für ziemlich fette Hennen viel zu kleine Eier legen. Vielleicht liegt aber der Sinn der Iniative in einer Flurbereinigung des ausgeuferten Hochschulangebotes.
Gestern oder vorgestern schrieb jemand hier im Forum, dass die Kindergärten, die Schulen und Universitäten in einem erbärmlichen Zustand sind und die Banken, Verwaltungsgebäude und Krankenkassen in strahlender Pracht erscheinen. Richtig erkannt, aber die Schlussfolgerung war nicht ganz richtig. Die Frage ist, wer sitzt denn in diesen Gebäuden? Eventuell Menschen, die zuvor durch die Universitäten und Hochschulen gegangen sind, als ein Studium noch einen sicheren Arbeitsplatz versprach? Blättern Sie einmal auf den diversen Seiten der Krankenkassen und suchen Sie nach den Titeln. Dort wimmelt es gerade zu vor Akademikern. Im Grunde braucht man dort aber nur einen Hauptbuchhalter.
Die alten Zeiten kommen nicht wieder, dafür haben sich die ökonomischen Voraussetzungen geändert. Insofern steht auch die Aussage nach den benötigten Spitzenkräften im Gegensatz zu den benötigten billigen Arbeitskräften, nach denen eigentlich alle in diesem Land schreien. Heute heißt das Gespenst Wissensgesellschaft, vor fünfzehn Jahren fing der Spuk der Dienstleistungsgesellschaft an – Pflegedienstleistungsgesellschaft.
So bleibt letzten Endes nur das (Wahl)Versprechen von der Wissensgesellschaft, die ja doch nie Realität wird, wie auch?
Gobelinus
Wenn Studieren Selbstzweck sein kann, darf, sind 104 Unis mit ihrem qualifiziertem Personal, 700 Studienrichtungen und 4675 Studiengänge für 82,5 Mio Einwohner vielleicht adäquat, gerade richtig...
Wenn aber ein Studium die Grundlagen für ein Erwerbsleben schaffen soll, wäre der Staat verpflichtet, Bedarfsprognosen erstellen zu lassen, nicht jedoch die Finanzverpflichtungen für Unis und FHs zu übernehmen. Dann würde der Markt: Student bezahlt Studienplatz!- überzeugend, wenn auch nur allmählich, den notwendigen Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage abbilden.
Einmalig wäre aus sozialen Gründen für Studenten - Kreditmittel ein Fond zu gründen: ähnlich dem damaligen Marshal-Plan.
In einem Land, indem jedoch mit sozialer Arroganz Staatsgelder unter die Sessel von Opernhäusern geklebt werden, damit die obere Mittelschicht und die Oberschicht das Kunstwerk preiswerter und migrantenfrei und frei von Unterschicht (eigene Beobachtung!) genießen können, ist es wohl nicht realistisch, Reformglauben zu nähren.
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