ZEIT ONLINE:Chinas Kohlendioxid-Emissionen sollen wenigstens in Teilen den Abnehmern seiner Exportgüter zugerechnet werden – das verlangte Yu Qingtai, Pekings Sonderbotschafter für die internationalen Klimaverhandlungen, vor wenigen Tagen. Seine Forderung zielt auf die USA und Europa. Ist es gerecht, uns die Lasten der chinesischen Luftverschmutzung aufzubürden?

Tilman Santarius: China ist derzeit der weltweit größte Emittent von Kohlendioxid (CO2) – aber pro Kopf blasen die Industrieländer viel mehr Dreck in die Luft. Auch historisch betrachtet ist ihr Anteil am CO2-Eintrag in der Atmosphäre sehr viel höher als der von Schwellenländern, etwa Chinas oder Brasiliens. Niemand bestreitet deshalb, dass die Industrieländer in der Klimapolitik mehr tun müssen als die Entwicklungs- und Schwellenländer. 

ZEIT ONLINE:Sie kritisieren, dass die Industrieländer die Globalisierung nutzten, um sich auf leichte Art ihrer Emissionen zu entledigen: Sie verlagern die Umwelt verschmutzende Produktion einfach ins Ausland. Was sie konsumieren, führen sie ein, beispielsweise aus China, der Dreck aber bleibt dort.

Santarius: Im Jahr 2001 wurden durch die Produktion von Importgütern für die Europäische Union (EU) im Ausland 992 Megatonnen CO2 freigesetzt. Das ist mehr als die gesamten Emissionen Deutschlands in einem Jahr. Im Gegenzug entstanden in der EU durch die hier hergestellten Exportgüter nur rund 446 Megatonnen. Die EU hat also die Emission von mehr als 500 Megatonnen CO2 ins Ausland verschoben – während der monetäre Wert der Im- und Exporte etwa gleich hoch war. 

Betrachtet man alle Staaten, die sich durch das Kyoto-Protokoll verpflichtet haben, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren, wird klar: Fast ein Viertel ihrer Emissionen entsteht im Ausland. Weil die Staaten sich nur verpflichtet haben, auf ihrem Territorium entstehende Emissionen zu senken, ist das ein großes Problem. Für ins Ausland verschobene Luftverschmutzung übernehmen sie keine Verantwortung.

ZEIT ONLINE: Das bedeutet, dass sie die Verlagerung von Emissionen nutzen, um ihre Kyoto-Ziele zu erreichen? 

Santarius:Großbritannien ist ein gutes Beispiel: 1990 wurden durch die Importe des Landes im Ausland umgerechnet 110 Megatonnen CO2 emittiert. 16 Jahre später waren es 620 Megatonnen. Zugleich verkündete die britische Regierung stolz, sie habe die Emissionen im Land im gleichen Zeitraum um gut 16 Prozent gesenkt. Die Reduktion entsprach 150 Megatonnen CO2 – weit weniger, als ins Ausland verlagert wurde. Dem Klima ist damit kaum geholfen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie aktuellere Daten? Durch die Wirtschaftskrise ist der Welthandel eingebrochen, die Verhältnisse dürften sich geändert haben. 

Santarius: Nur Schätzungen sind neueren Datums. Es gibt kaum empirische Erhebungen zum Thema, deshalb sind die Daten schwierig zu berechnen. Die aktuellsten belastbaren Zahlen stammen aus dem Jahr 2001, mit ihnen arbeite ich. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) geht davon aus, dass insgesamt 5 bis 20 Prozent der Emissionen aus Industrieländern in Entwicklungsländer verlagert werden können. Die EU hat bislang rund 5 Prozent verschoben – es gibt also noch erhebliches Potenzial. Ich würde nicht davon ausgehen, dass die Krise den langfristigen Trend stoppt.