Geistesgeschichte Lord Ralf Dahrendorf ist tot

Der deutsch-britische Soziologe und Politiker starb am Mittwochabend nach schwerer Krankheit in Köln. Er wurde 80 Jahre alt

Dies teilte am Donnerstag der Chefredakteur der Badischen Zeitung, Thomas Hauser, mit. Er hatte mit der Witwe gesprochen. Dahrendorf war als Berater für die Zeitung tätig.

Seinen 80. Geburtstag am 1. Mai hatte er, bereits von Krebs gezeichnet, inmitten akademischer Freunde in Oxford verbracht.

Anzeige

Dahrendorf war einer der bedeutendsten deutschen Gesellschaftswissenschaftler und ein Intellektueller, der sich politisch engagierte. Von 1958 bis 1960 lehrte er Soziologie in Hamburg, Tübingen und Konstanz. Der Sohn eines SPD-Reichstagsabgeordneten war zunächst Mitlied der SPD, wechselte jedoch 1967 zur FDP. Eine prominente Rolle spielte er in der Diskussion um die 68er-Bewegung. Er arbeitete von 1969 bis 1970 als Bundestagsabgeordneter in Bonn und bis 1974 als EU-Kommissar für Außenhandel und für Wissenschaft in Brüssel.

Hernach widmete er sich wieder der Forschung und Lehre. Im Jahr 1984 folgte er einem Ruf an die London School of Economics. Lehraufträge führten ihn nach New York und schließlich nach Oxford, wo er von 1991 bis 1997 als Prorektor der Universität wirkte.

Seine gesellschafts- und bildungspolitischen Schriften wurden in aller Welt gelesen. Zu den Publikationen Dahrendorfs in der jüngeren Vergangenheit gehören seine Betrachtungen über die Revolution in Europa (1990) und der als Summe seiner Sozialwissenschaft geltende Band Der moderne soziale Konflikt (dt.: 1992). Zu Beginn seiner Karriere erregte er Aufsehen unter anderem mit seiner Habilitationsschrift Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft (1957) und Gesellschaft und Demokratie in Deutschland (1965).

Die britische Königin Elisabeth II. schlug ihn 1982 zum Ritter, einige Jahre später nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. 1993 wurde er zum Mitglied des britischen Oberhauses ernannt.

Ralf Dahrendorf war Träger zahlreicher bedeutender Auszeichnungen: 1989 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa, 1997 den Theodor-Heuss-Preis für sein politisches und geisteswissenschaftliches Lebenswerk, 2002 den ersten Walter-Hallstein-Preis in Frankfurt. Im Jahr 2007 wurde er mit dem namhaften Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Sozialwissenschaften geehrt. Zweimal wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 

Der ZEIT fühlte er sich sehr verbunden, denn sie war "nicht links, sondern anders, weltläufiger, offener, ideenreicher als der herrschende Konsens", wie Dahrendorf einst sagte. So verfasste er auch eine Biografie über den ZEIT-Verleger Gerd Bucerius.

Ralf Dahrendorf lebte in London und im Schwarzwald. Er war dreimal verheiratet, zuletzt mit der deutschen Ärztin Christiane Dahrendorf. Aus der ersten, geschiedenen Ehe mit einer Engländerin stammen drei Töchter. Seine Beerdigung wird voraussichtlich in London stattfinden.

Lord Ralf Dahrendorf schrieb in den vergangenen Jahrzehnten Artikel für DIE ZEIT, über die Parteienlandschaft und die Globalisierung. Lesen Sie sie hier

 
Leser-Kommentare
  1. Eloquent, elegant, nicht uneitel, ein Nonkonformist, selbst als Querdenker angenehm, ein großer Liberaler weit jenseits von Westerwelle, ein Intellektueller, der auch Pragmatismus konnte, souverän selbst im ideologischen Grabenkampf zwischen Links und Rechts, kein Junker, ein Lord.
    Danke, Lord Dahrendorf, für den bildungspolitischen Aufbruch, für die immer neue Suche nach der richtigen Balance zwischen Freiheit und Bindung, für das sympathische Vorbild in vorbildarmer Zeit! Sie waren eine Bereicherung. Ihre Bücher werden es bleiben.

  2. 2. ...

    Ralf Dahrendorf lebte in London und im Schwarzwald.

    Vermutlich in einem Dahrendorf-Haus.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wieland Europa schrieb auch mal in der Zeit.

    Wieland Europa schrieb auch mal in der Zeit.

  3. Wieland Europa schrieb auch mal in der Zeit.

    Antwort auf "..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    erinnere ich mich als wäre es gestern gewesen.

    erinnere ich mich als wäre es gestern gewesen.

  4. 4. Daran

    erinnere ich mich als wäre es gestern gewesen.

    Antwort auf "-häuschen"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service