Das Bild muss wie ein Schock gewirkt haben: Man kann auf ihm dem Tod buchstäblich bei der Arbeit zuschauen. Der Boden ist übersät mit zerschossenen Köpfen und zerfetzten Gliedmaßen. Am oberen Bildrand hängt ein Soldat aufgespießt in Armierungseisen. Würmer kriechen aus den Leichen, die Erde verleibt sich die Toten ein. Das monumentale Gemälde Schützengraben, an dem Otto Dix drei Jahre lang gearbeitet hatte, produzierte einen Skandal, als es 1932 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gezeigt wurde. Es musste hinter einem Vorhang verborgen werden, die Kritiker sahen in ihm "ein Stück Tiefsee, wie ein Aquarium", und nannten es die "grausamste Darstellung des Todes, die wohl jemals gemalt worden ist".

Später gelangte der Schützengraben ins Dresdner Stadtmuseum, dort beschlagnahmten ihn die Nationalsozialisten, um ihn 1937 in der berüchtigten Ausstellung "Entartete Kunst" zu präsentieren. Die Spuren des Bildes verlieren sich 1940. "Welchen Stellenwert hätte das Gemälde heute?", fragt nun die Kunsthistorikerin Kira van Lil. "Ob es neben Picassos Guernica von 1937 als exemplarisches Antikriegsbild bestehen könnte?"

Kontrafaktische Geschichtsschreibung, so nennt man derlei Gedankenspiele, die durchaus ihren Reiz haben können: Was wäre, wenn? Doch in der aktuellen Debatte um das Schicksal von Kunstwerken im Nationalsozialismus geht es vor allem um Fakten. Geführt wird die Debatte, seitdem das Berliner Brücke-Museum im Sommer 2006 Ernst Ludwig Kirchners Straßenszene an die Erben der einstigen jüdischen Besitzer zurückgegeben hat. Seither reißen die Schlagzeilen um neue Restitutionsfälle nicht mehr ab.

Zuletzt beharrte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz darauf, den "Welfenschatz" im Berliner Kunstgewerbemuseum behalten zu wollen. In München fordern die Erben der Künstlerwitwe Sophie Lissitzky-Küppers Paul Klees Sumpflegende aus dem Lenbach-Haus zurück, und in Stockholm kämpft der Holocaust-Überlebende Rob H. Heimer um Emil Noldes Blumengarten. Am Freitag treffen sich auf Einladung der tschechischen Regierung Delegationen aus 47 Staaten zu einer Konferenz in Prag, um zehn Jahre nach dem Abkommen von Washington eine Zwischenbilanz zu ziehen über den Umgang mit der NS-Raubkunst.

Der Streit um die Restitutionsfälle wird beherrscht von Gerüchten, Halbwahrheiten und Polemik. Zur Versachlichung beitragen könnte das gerade erschienene Buch Das verfemte Meisterwerk, aus dem die Zitate zum Schützengraben stammen. Zwei Dutzend Autoren, eingeladen von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Freien Universität Berlin, untersuchen das Schicksal exemplarischer moderner Kunstwerke, beschreiben ihre Rezeption vor, im, nach dem Dritten Reich und schildern die teilweise dramatischen Provenienzgeschichten. Museen wurden nach 1933 für viele Gemälde, Skulpturen und Grafiken zur Falle. Denn dort griffen die NS-Agitatoren um den Kulturfunktionär Adolf Ziegler zu, als es galt, in der "Entartete Kunst"-Ausstellung die "krankhaften Phantasien geisteskranker Nichtskönner" an den Pranger zu stellen.

Rund 19 500 Kunstwerke wurden für die Feme-Schau in den Münchner Hofgartenarkaden beschlagnahmt, die mehr als zwei Millionen Besucher fand und anschließend noch bis 1941 durch andere Städte tourte. Goebbels hoffte, "noch Geld mit dem Mist zu verdienen", und gab den Anstoß zur Gründung einer "Kommission zur Verwertung der Produkte entarteter Kunst". Die Stücke gelangten in ein Depot im Berliner Schloss Schönhausen, bei einer Auktion in Luzern wurden Meisterwerke wie van Goghs Selbstbildnis von 1888 oder Picassos Harlekine zum Billigpreis verhökert.

Der "nichtverwertbare" Rest – etwa 5000 Arbeiten – ist verbrannt worden. Als verschollen gilt heute neben dem Schützengraben von Otto Dix auch Franz Marcs 1913 entstandener Turm der blauen Pferde. Das expressionistische Paradestück, berühmt bereits in der Weimarer Republik, war nach wenigen Tagen wegen Protesten wieder aus der "Entartete Kunst"- Ausstellung entfernt worden. Göring, ein raffgieriger Sammler, ließ es für sich beiseiteschaffen. Ein Zeuge will den Turm der blauen Pferde noch 1949 im Treppenhaus des Zehlendorfer "Hauses der Jugend" gesehen haben. Das Gemälde wurde in Litauen und Südamerika vermutet, ein Hellseher beschied: "Der Schöpfer ist tot, das Bild ist auch tot."