Netzsperren

Sarkozy will Loi Hadopi retten

Frankreichs Präsident will sein vom Verfassungsgericht gestopptes Anti-Tauschbörsen-Gesetz auf jeden Fall umsetzen. Ein neuer Kulturminister soll dabei helfen

mitterand

Frédéric Mitterrand, der neue französische Kulturminister

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy entlässt die für das umstrittene Anti-Pirateriegesetz zuständige Kulturministerin Christine Albanel. Nun soll Frédéric Mitterrand dafür sorgen, dass La Loi Hadopi doch noch in Kraft treten kann.

Anzeige

Das französische Verfassungsgericht hat entscheidende Teile des Gesetzes zur Bekämpfung illegalen Filesharings (La Loi Hadopi) zwar für ungültig erklärt, doch Frankreichs Präsident hat keineswegs vor, das Gesetz ad acta zu legen. Im Gegenteil. In einer Grundsatzrede vor dem Kongress in Versailles betonte er vor zwei Tagen, er werde bei diesem Gesetz "bis zum Ende" gehen.

Konkret bedeutet das, dass über die Bestrafung von ertappten Filesharern neu debattiert wird. Dem Ministerrat liegt für heute ein Vorschlag vor, der nach Informationen der französischen Zeitung La Tribune neben den bisher geplanten Sperrungen des Internetzugangs zunächst Geldstrafen vorsieht. Demnach müssen die Inhaber eines Internetzugangs mit einer Geldstrafe von 1500 Euro rechnen, wenn von ihrem Zugang aus illegal Musik oder Filme getauscht wurden. Das gilt allerdings nur, wenn sie es nicht selbst waren, sondern ein Dritter den Anschluss genutzt hat. Nach einer Verwarnung kann die Geldstrafe verdoppelt werden. Als dritten Schritt sieht der neue Entwurf immer noch die Sperrung des Internetzugangs vor – für maximal sechs Monate.

Wer selbst über seinen eigenen Internetzugang beim illegalen Filesharen ertappt wird, muss auch nach dem neuen Entwurf mit einer Sperrung des Internetzugangs sowie mit sehr viel höheren Geldstrafen bis hin zu Gefängnisstrafen rechnen.

Geht es nach Sarkozy, soll dieser neue Passus im Loi Hadopi am 20. Juli von der Nationalversammlung verabschiedet werden. Ein Zeitpunkt, zu dem "die meisten Franzosen schon am Strand liegen", wie die französische Seite PC Inpact süffisant anmerkt. Es ist Sommerpause, die Abgeordneten müssten zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengerufen werden.

Damit das hochumstrittene Gesetz allen Debatten zum Trotz noch in Kraft treten kann, hat Sarkozy im Rahmen einer umfassenden Kabinettsumbildung auch den zuständigen Kulturminister ausgetauscht. Christine Albanel, die bislang in dieser Funktion auch für die Rückschläge bei dem Vorhaben verantwortlich war, wird ersetzt durch Frédéric Mitterrand, einen Parteilosen und Neffen des ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterand.

Der Text erschien bei golem.de

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. ... geht mal wieder vor die Rechte einer Verfassung. Ich denke man hat nicht aus der Vergangenheit gelernt.
    Wenn die Wirtschaft immer mehr fordert, dass der Staat Ihre Rechte schützt und seine Bürger immer mehr hinter diesen Interessen zurückstehen, wird irgendwann der Zeitpunkt erreicht, dass der Bürger sich nicht mehr durch seine Führung vertreten sieht.
    Dann droht die Gefahr von gewaltsamen Entgleisungen auf Seiten der Bürger, weil deren "Lobby" faktisch nicht mehr existiert.
    Im Iran gehen im Moment Bürger trotz Todesgefahr auf die Straße, weil die Regierung nicht mehr das Recht der Bürger achtet. In Iran wurde gewählt. Natürlich ist dies keine Demokratie wie in den europäischen Staaten.
    Ein altes Sprichwort sagt: "Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht." Ich sehe im Moment immer mehr Risse allerorts in den Krügen.
    Die Wirtschaft sollte sich Gedanken machen, ob eine unterdrückte Gesellschaft den Profit der Wirtschaft steigert.
    Gerade im Bereich Musik vergeht mir immer mehr die Lust überhaupt noch zu investieren, angesichts der immer mehr in meinen Kopf entstehenden Schlagzeilen von Millionenprozessen in USA gegen Privatleute, die sich ein paar Songs kostenlos besorgt haben. Da vergeht einem die Lust bei den vielen "Cover Songs 9999", die man für teures Geld als angeblichen Hit verkauft bekommt.
    Durch die Flops geht viel Geld den Bach runter und statt die Schuld bei sich zu suchen, wird der Bürger zum Raubkopierer abgestempelt mit strafrechtlichen Konsequenzen.
    In harten Zeiten muß ich eben gute Qualität an Kunst abliefern um noch was zu verdienen. Die wird dann auch ausreichend bezahlt und honoriert.

    Gruß

    Lukas

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Je korrupter der Staat, um so mehr Gesetze braucht er!

  2. Wie toll das das Urheberrecht, statt grundsätzlich überdacht zu werden, einfahc auf Teufel komm raus umgesetzt werden soll, egal wieviel von der Verfassung dafür geopfert wird...

  3. Je korrupter der Staat, um so mehr Gesetze braucht er!

    • 25.06.2009 um 9:51 Uhr
    • knuham

    In Frankreich bestätigt sich nur, daß von rechts bis mitte-links niemand an dem Begriff "geistiges Eigentum", der sich zu Beginn des 19.Jahrhunderts herausgebildet hat, rütteln will.

    Welche nachhaltigen Störungen daraus mittlerweile erwachsen, sieht man an der Diskussion um die Biopiraterie, d.h. die Patentierung von gentischem Code an Pflanzen oder auch Tieren, die die dritte Welt zusätzlich in Bedrängnis bringt (Monsanto et al.). Nur ja alles beim alten lassen. Wer heute Softwarecode erstellt ("programmiert"), dem wird Richard Stallman'2 GPL ein Begriff sein, aber selbst viele, die diese Lizenz gelesen haben, haben sie nicht begriffen. Das "geistige Eigentum" gehört in den Locus der Zeit, und bitte spülen nicht vergessen. Die Sprache als Geist- und Kulturspenderin ist trotz Kulturindustrie oder Medien nicht teilbar, hier täuschen alle Rechtshegelianer und das sich ständig auf's neue feiernde Bildungsbürgertum.
    ________________

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Meike Dülffer
  • Datum 24.6.2009 - 16:32 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 4
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Internet | Zensur
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service