Einen Albtraum ist Gretel Bergmann nicht losgeworden. Sie steht mitten im Berliner Olympiastadion, die Blicke von 100.000 Menschen rasen auf sie zu, jeder einzelne scheint sie zu treffen. Ihr kommt es vor, als trügen alle Nazi-Uniformen, die schwarzen der SS oder die braunen der SA. Jetzt ist sie an der Reihe, sie muss springen – aber es geht nicht. "Ich konnte keinen einzigen Muskel bewegen." In Wirklichkeit hat sie nicht einmal die Chance dazu bekommen.

Eine Stehplatzkarte war alles, was die Nazis Gretel Bergmann für die Olympischen Spiele 1936 angeboten haben. Dabei hatte die Reichssportführung sie gezwungen, für die Spiele in Deutschland zu trainieren. Und kurz zuvor hatte sie den deutschen Hochsprungrekord eingestellt. Sie war eine Medaillenkandidatin. Doch die Nazis wollten einer Jüdin nicht die Gelegenheit geben, ihre Rassentheorie zu überspringen.

Gretel Bergmann ist eine von drei jüdischen Leichtathletinnen im Mittelpunkt der Ausstellung Vergessene Rekorde, die im Centrum Judaicum in Berlin zu sehen ist. Fotografien zeigen eine junge Frau mit entschlossenem Blick und langen Beinen. Im September kommt der Film Berlin 36 ins Kino, er beruht auf ihrer Geschichte. Gretel Bergmanns Geschichte lebt gerade auf, weil die Leichtathletikwelt im August ins Olympiastadion zurückkehrt. Die Weltmeisterschaften sind die größten Leichtathletik-Wettbewerbe seit den Spielen von 1936.

Am Ende des Films kommt Bergmann selbst zu Wort, aufgenommen in diesem Jahr in ihrem Haus in New York. 95 Jahre ist sie im April geworden, und zu sehen ist eine Frau von besonderer Altersschönheit. Vital geblieben trotz aller Schikanen. Dem Tagesspiegel hat sie in einer E-Mail geschrieben: "Ich wusste von Anfang an, seit 1934, dass ein Weg gefunden werden würde, um mich auszuschließen und davor fürchtete ich mich Tag und Nacht."

Zum ersten Mal schneiden ihr die Nazis 1933 den Weg ab. Die Mitgliedschaft in ihrem Ulmer Sportverein wird ihr gekündigt. Der Arierparagraph ist gerade erlassen. Ein Studium an der Hochschule für Leibesübungen in Berlin kann sie nicht aufnehmen. Zu dieser Zeit hatte sich Gretel Bergmann jedoch längst für den Sport entschieden. Sie will zu den Olympischen Spielen. Wenn nicht für Deutschland, dann eben für Großbritannien. Im Herbst 1933 emigriert sie.

Zu ihrem starken Willen kommt jetzt Wut: Sie hofft, "dass ein neuer Rekord, eine Meisterschaft irgendwie den deutschen Behörden zu Ohren käme, mit der unüberhörbaren Botschaft: Seht her ihr Bastarde, so gut kann eine Jüdin sein." Das steht in ihren Erinnerungen "Ich war die große jüdische Hoffnung", die 2003 in Deutschland erschienen. Als sie diesen Wunsch spürt, ahnt sie nicht, dass sie mit ihrem Erfolg zum Objekt in einem perfiden politischen Spiel werden würde.