Nachtleben im Zoo Von wegen graue Katzen!

Thomas Wilms ist Säugetier-Kurator im Frankfurter Zoo. Er erklärt, was nachts im Zoo passiert und wie man auch tagsüber nachtaktive Tiere sehen kann, ohne sie zu stören

ZEIT ONLINE: Was könnte man während einer Nacht im Zoo erleben?

Thomas Wilms: Natürlich schläft ein Großteil der Tiere. Dennoch kann man bei Nachtführungen mit Taschenlampen sehr viel erleben. Einige Tierarten, die wir im Zoo halten, sind gelegentlich auch nachts unterwegs.

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ZEIT ONLINE: Welche denn?

Wilms: Elefanten beispielsweise. Sie schlafen eine gewisse Zeit und werden dann wieder aktiv. Deshalb kann man sie nachts beobachten. Man muss wissen, dass es Tiere gibt, die nachtaktiv sind und mehr oder weniger die ganze Nacht umherstreifen und tagsüber schlafen, und welche, bei denen sich Schlaf- und Wachphasen rund um die Uhr in einem artspezifischen Rhythmus abwechseln. Auch Löwen und Tiger, die normalerweise tagsüber gezeigt werden, schlafen nachts nicht nur, sondern sind phasenweise aktiv.

ZEIT ONLINE: Was machen diese Tiere?

Wilms: Das Gleiche, was andere Tiere tagsüber machen: Sie suchen nach Futter, Geschlechtspartnern und sichern ihre Reviere. Das machen sie natürlich immer auf ihre spezifische Weise. Jede Art hat ihr eigenes Verhalten und eine andere Methode, ihre Reviergrenzen zu sichern.

ZEIT ONLINE: Gibt es dann überhaupt einen Unterschied zwischen nachtaktiven und tagaktiven Tieren?

Wilms: Ja, der Hauptunterschied ist der Aktivitätsrhythmus. Wie schon gesagt reicht es nicht, nur von tag- und nachtaktiv zu reden. Es gibt eine große Biodiversität, viele tausend verschiedene Vögel, Säugetiere, Reptilien und Amphibien, und jede einzelne Art hat ihre spezifische Biologie. Dazu gehört auch die Chronobiologie, also die Abfolge von Aktivitäts-, Schlaf- und Ruhephasen. Auch was die Dauer der Aktivität anbelangt, gibt es jede erdenkliche Abstufung.

ZEIT ONLINE: Menschen gewöhnen sich recht schnell an Zeitverschiebungen. Kann man nachtaktive Tiere auch umgewöhnen?

Wilms: Nein, weil das ihrer Biologie und ihrer inneren Uhr widerspricht. Wir haben es mit Wildtieren zu tun und die haben ganz spezifische Ansprüche. Sie haben sich in ihrer Umwelt über Millionen von Jahren entwickelt. Sie haben ihren Körperbau, ihren Stoffwechsel, und natürlich auch ihr Verhalten angepasst. Eine Art hat nur eine sehr begrenzte Bandbreite, in der sie ihr Verhalten variieren kann. Das heißt, ein nachtaktives Tier kann auch mal in der Dämmerung jagen, aber man kann ein reines Nachttier sicherlich nicht ohne Schaden dazu bringen, tagaktiv zu werden. In ihnen ist verankert, dass sie tagsüber schlafen. Die einzige Möglichkeit diese Tiere zu zeigen, wäre ihnen die Versteckplätze wegzunehmen und das lässt sich mit einer artgerechten Haltung nicht vereinbaren. Das wäre Tierquälerei.

ZEIT ONLINE: Für den Fall, dass es keine Nachtführungen gibt, man aber gerne einmal nachtaktive Tiere beobachten möchte, gibt es im Frankfurter Zoo ein Nachttierhaus. Wie funktioniert das?

Wilms: Im Prinzip werden dort die Tageszeiten um zwölf Stunden verschoben. Wenn bei uns Morgendämmerung ist, ist im Haus Abenddämmerung. Dann schalten wir eine leichte Beleuchtung ein, deren Stärke an Mondlicht erinnert. Während unserer Nacht ist im Nachttierhaus Tag. Dafür muss ausreichend Licht installiert sein, um den Tieren den Reiz zu vermitteln, dass es hell ist. Ein weitere Punkt ist die Temperatur. Während der Nacht ist es in der Regel kühler als tagsüber. Wenn wir im Haus Nacht simulieren, müssen wir kühlen. Ohne hohen technischen Aufwand könnte ein Nachttierhaus nicht sinnvoll betrieben werden.

ZEIT ONLINE: Welche nachtaktiven Tiere beherbergen Sie denn dort?

Wilms: Eine ganze Menge. Nachtaffen, Zweifingerfaultiere, Gürteltiere, Erdferkel, Fingertiere und etwas ganz Besonderes: hochspezialisierte Lemuren. Das sind Halbaffen aus Madagaskar, die stark bedroht sind. Von ihnen gibt es in Europa nur sehr wenige. Das einzige Paar, das es in Deutschland gibt, lebt in unserem Zoo. Dann haben wir noch Kiwis, Schwimmratten und Zwergflugratten und eine ganze Reihe weiterer hochinteressanter Arten.

ZEIT ONLINE: Was macht nachtaktive Tiere so interessant?

Wilms: Im Prinzip macht sie interessant, dass man sie in anderen Zoos nicht sieht. Es ist natürlich eine Besonderheit, wenn man Tiere in einem entsprechend ausgelegten Nachttierhaus zeigen kann, die in anderen Zoos wegen fehlender technischer Voraussetzungen nicht gezeigt werden können. Wenn man Erdferkel beispielsweise aktiv zeigen möchte, braucht man ein Nachttierhaus. Davon gibt es aber in Deutschland leider nur eine Handvoll.

Die Fragen stellte Julia Mohr.

 
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