Getötete Demonstrantin in IranNeda, das Symbol des Widerstands

Die Bilder gehen um die Welt: Eine in Teheran erschossene Demonstrantin ist zum Sinnbild für die Brutalität des Regimes geworden. Trägt das zu dessen Sturz bei? von 

Solidarität rund um die Welt: Eine Exil-Iranerin trägt bei einer Protestkundgebung in Los Angeles ein Bild der in Teheran getöteten Neda

Solidarität rund um die Welt: Eine Exil-Iranerin trägt bei einer Protestkundgebung in Los Angeles ein Bild der in Teheran getöteten Neda  |  © David McNew/Getty Images

Die junge Frau in Jeans sinkt rückwärts auf den Asphalt, die dunkle Blutlache unter ihrem Körper wird größer und größer. Männer schreien, knien neben der Frau, einer drückt auf ihren Brustkorb. Für einen Moment zeigt das zuckelnde Video ihr Gesicht. In den Augen stehen Schock und Panik, dann rollen ihre Augäpfel zur Seite. Blut quillt aus Mund und Nase. "Hab keine Angst, Neda! Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir!", hört man ihren weißhaarigen Vater schreien. Ein anderer ruft, "Such jemanden, der sie im Auto mitnimmt!" - dann reißt der Film ab.

"In weniger als zwei Minuten war sie tot", schrieb der Arzt, der sie mit Herzmassagen wiederzubeleben versuchte, noch am selben Abend in einer Mail an eine Familie in den Niederlanden. "Der Film wurde von meinem Freund aufgenommen, der neben mir stand", setzte er hinzu: "Bitte, lasst es die Welt wissen!"

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Von den Niederlanden aus verbreiteten sich die schockierenden Bilder über Facebook, YouTube und Twitter über den ganzen Globus. Bald war die 37 Sekunden lange Sequenz von dem Tod der jungen Frau in den Armen ihres Vaters auch auf den Facebook-Seiten der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi und Mehdi Karroubi zu sehen. Kurz danach tauchte ein weiteres 15 Sekunden langes verwackeltes Handy-Video auf. Es zeigt am Ende das Gesicht der Toten, überzogen mit einem Netz aus Blut.

Seit Samstag hat die Brutalität des iranischen Regimes ein Gesicht und das Leiden des Volkes einen Namen: Neda Soltani, 27 Jahre alt, Studentin der Philosophie, getötet am Samstag kurz nach 19 Uhr, vermutlich durch die Kugel eines Scharfschützen der Basij-Milizen auf dem Karekar-Boulevard, an der Ecke zwischen Khosravi-Straße und Salehi-Straße.

Überprüfen lässt sich die Echtheit des Videos allerdings wegen der starken Beschränkungen für die Berichterstattung nicht. Hadi Ghaemi von der Internationalen Kampagne für Menschenrechte im Iran sagte jedoch, seine Organisation habe im Laufe des Sonntags mindestens einen weiteren Zeugen in Teheran befragen können, der den Vorfall am Samstag mit eigenen Augen gesehen habe. Nach dessen Angaben waren zum Zeitpunkt des Schusses keine Paramilitärs auf der Straße zu sehen. Wahrscheinlich habe ein Heckenschütze aus den Reihen der Basij-Milizen aus einem nahe gelegenen Gebäude heraus auf die junge Frau gefeuert und sie im Nacken getroffen. "Das Video ist authentisch, daran habe ich keinen Zweifel", sagt Ghaemi, auch weil von dem Tod der jungen Frau zwei Videos aus unterschiedlicher Perspektive existierten.

Neda heißt "Stimme" auf Persisch. "Ich bin Neda", rufen jetzt die Demonstranten, nicht nur in Iran. Ihr Schicksal ist zum Sinnbild geworden für die Rebellion des Volkes gegen ein diktatorisches Regime und könnte Geschichte schreiben – wie vor 30 Jahren die Bilder von erschossenen Demonstranten beim Aufstand gegen den Schah. Damals starben bei ersten Zusammenstößen im Januar 1978 zwei Menschen. Die nach schiitischer Sitte üblichen Totengedenkfeiern 40 Tage später entzündeten neue Unruhen. Es gab neue Tote und weitere Totenfeiern, die sich zu immer größeren Manifestationen gegen den Schah ausweiteten. Am Ende standen die Islamische Revolution und die Flucht des verhassten Reza Pahlevi ins Ausland.

Leserkommentare
  1. Der Herr Gehlen berichtet von dem Mythos von Neda. Das ganze nicht ohne selbst mythisierend zu wirken. Erste Frage: ist das die hohe Kunst des Journalismus?

    Weiter: mich persönlich interesiert die Friedfertigkeit und Gerechtigkeit der Demonstrationen. Leider höre ich in bestimmten Zeitungen nichts, wenig oder nur versteckt über Übergriffe von Demonstranten auf die Staatsmacht.

    Leider kann ich daher meine Informationen die ich hier und da aufgeschnappt habe nicht verifizieren (wäre das nicht mal eine tolle, sinnvolle und ehrliche Aufgabe für einen Journalisten?). Ich habe gehört, dass iranische Dmonstranten schon bei der ersten Demonstration nach der Wahl (wo der Staat noch lange nicht seine Abwehrmechanismen in Stellung hatte) von Demonstranten versucht wurde eine Kaserne anzuzünden. Mitglieder dieser brandstiftenden Demonstranten (friedlich?) wurden von den kasernierten Sicherheitskräften erschossen: die ersten Opfer.

    Ähnliches habe ich gestern auch gehört: wieder eine Kaserne und dazu noch 2 Krankenhäuser (sic!). Jetzt kann man, wie es in den westlichen Medien geschieht, über alles dies wegsehen und die Demokratiebewegungen und alle die irgendwas in dessen Namen tun, sacrosant stellen und im Gegenzug alle staatlichen Reaktion aus dem Kontext gelöst als unprovozierte Übergriffe darstellen. Andererseits möchte ich als Leser nicht zu einer zu manipulierten Propagandamasse werden, die im subtilen Auftrag der Zeit, für ein deutsches Eingreifen gegen die iranische Führung drängt bzw. argumentiert. Ich will einfach ehrlich informiert werden - mit allem Kontext und ohne Pathos. Ist das so schwer? Was ist die Arbeit eines Journalisten wenn nicht das?

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    Al Jazeera, Sie finden rechts oben unter 'related' weitere Videos und Artikel.

    Nach meinem Eindruck ist eine unabhängige Berichterstattung aus dem Iran derzeit extrem erschwert. Auf der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen befand sich der Iran bereits 2008 auf Platz 166 von 173 möglichen. Hier ein Protest von RoG vom 19.6. zur aktuellen Situation der iranischen Journalisten.

    Es ist vielleicht auch Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß der hervorragende BBC-Korrespondent Jon Leyne den Iran verlassen mußte, andere nicht namentlich erwähnte westliche Korrespondenten ebenso. Wir alle werden Meldungen und Artikeln mit einiger Vorsicht begegnen und viele verschiedene Medien nutzen müssen, um eine vage Ahnung der Vorgänge im Iran zu erhalten.

    So ist das. Sie haben keine Ahnung. Sie wünschen sich "nur" eine objektive Berichtserstattung, damit sie sich in 2 Tagen mit anderen Tatsachen beschäftigen, weil Ihnen Menschen und Gefühle nicht viel bedeuten. Eine neutrale Berichterstattung, damit Sie nur mitreden können und sich selbst darstellen. Wie soll so was gehen, wenn die iranische Regierung die größte Angst hat vor Journalismus, wenn Journalisten täglich, und das nicht nur in diesen Tagen sondern seit 30 Jahren, eingeschüchtert, gefoltert und eingebuchtet werden.
    Natürlich werden Demonstranten gewalttätig. Was würden Sie tun, wenn Ihre Tochter vor Ihren eigenen Augen in ihrem eigenen Blut erstickt?
    Das sind Emotionen, die jetzt explodieren, weil sie 30 Jahre lang niedergeknüppelt, ausgepeitscht und hingerichtet worden sind.
    Jeder Demonstrant, der jetzt auf der straße ist, hat eine alte Wunde am Körper.
    Wenn Sie der Meinung sind, christliche Nächstenliebe posaunen zu müssen, dass man seine rechte Wange hinhalten sollte, wenn man links geohrfeigt wurde, dann sage ich Ihnen, das iranische Volk hat nicht nur seine rechte hingehalten, sondern sich ganzkörperlich und seelisch von diesem Regime hat missbrauchen lassen und jetzt ist es genug.

    Sie meinen also, die verhängte Informationssperre, das Ausweisen ausländischer Journalisten geschehe "zu deren Schutz", wie es offizielle iranische Medien verlautbaren? Damit diese etwa nicht mitbekommen, wie diese "Verbrecherischen und Drogenabhängigen" Demonstranten auf wehrlose Soldaten und Paramilitärs losgehen, ahnungslose Heckenschützen aufschrecken oder schutzlose Kasernen in brand stecken etc. ? So vorbildlich hat wohl kaum ein Staat für die Gesundheit von Berichterstattern gesorgt. (Daher rührt wahrscheinlich auch das Demonstrationsverbot, da Demonstrieren bekanntlich auch gesundheitsgefährdend sein kann!)

    Erzählen Sie das bitte ihrer Großmutter, die wirds glauben, vermutlich....es sei denn, sie wäre womöglich auch eine Demonstrantin...

  2. der live-blog des Guardian und das furchtbare Video über Neda Soltanis Tod.

    (Anmerkung: Wir weisen die User darauf hin, dass auf den verlinkten Videos Gewaltdarstellungen zu sehen sind. Bitte beachten Sie dies, bevor Sie diese anklicken. Die Redaktion/jk)

  3. Das Video habe ich gesehen. Anschließend hatte ich das dringende Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen. Denn das Sterben in den Augen der jungen Iranerin hat mich geschockt. Sie dreht die Augen zur Seite und öffnet sie weit. Ich kenne das Phänomen. Es ist ein letzter, bewusster Reflex, glaube ich. Es kommt von der Dunkelheit, wenn das Bewusstsein schwindet. Der Schmerz ist weg und die Schwere des Körpers weicht einem kurzen, kalten Gribbeln in den Gliedmaßen, bevor man auch diese nicht mehr spürt. Es rauscht immer lauter in den Ohren. Aber bald beginnen Stimmen und Geräusche zu verhallen. Man geht.

    Es ist für jene am schlimmsten, die bleiben und zusehen müssen...

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    die art, in der Sie sich an den einzelheiten des physischen sterbens weiden, hat etwas pronographisches. dass Sie Ihre schaulustige betrachtung nackten menschlichen leids in derartige pseudo-empathische, sentimentale formulierungen kleiden ist so typisch wie abstoßend.

  4. 4. Fake?

    Hab mir gerade das Video angeschaut, also ich weiß nicht, viel kann man ja nicht erkennen, nur ein Mädel die umringt von einigen Menschen am Boden liegt, und dann aus dem Mund blutet. Keine weiteren Schussverletzungen sind zu sehen.
    Könnte ebenso gut ein Fake sein, einfach auf eine Farbpatrone beißen. Wer weiß das schon?
    Die Lage im Iran ist schwierig, und vor allem eins nicht: Klar.

  5. 5. Näher

    kann uns ein so fernes Entsetzen nicht mehr kommen. Es ist, wie Arthur C. Claeke immer gesagt hat: Zivilisation und Religion schliessen sich gegenseitig aus. Da wünscht man sich fast, die Gottesanbeter hätten recht und es gäbe eine Hölle, in der sie schmoren müssten...
    Was für eine grauenhafte Barbarei.
    _________________________________________________
    Lassen wir Taten folgen:
    Werden Sie Mitglied, wählen Sie die Piratenpartei.
    Für Freiheit und Demokratie.
    Denn etwas besseres als den Tod finden wir überall.

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    Bauldric

    wie Sie das lauthals auf dem Petersplatz in Rom von sich geben oder an der Klagemauer in Jerusalem. ;-)
    Ich stimme aber dem Kommentar zu.

    Mir fehlen die Worte. Entsetzlich.

    Es wäre jedoch umso tragischer, wenn Neda umsonst sterben musste. Wir können nur hoffen, dass die Iraner keine Ruhe mehr geben, bevor dieses Regime in sich zusammenkracht.

    Mit Religion hat dies übrigens überhaupt nichts zu tun. Wer die Worte Jesu ("Liebe deinen Nächsten wie dich selbst") oder den Koran ("Wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit") ernst nimmt, kann solche Taten nicht goutieren.
    Die eigentlich "A-Religiösen" sind die von Ihnen bezeichneten "Gottesanbeter", welche die Religion missbrauchen, um sich zu legitimieren. Das - und nur das - verbindet sie mit Religion...

  6. Al Jazeera, Sie finden rechts oben unter 'related' weitere Videos und Artikel.

    Nach meinem Eindruck ist eine unabhängige Berichterstattung aus dem Iran derzeit extrem erschwert. Auf der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen befand sich der Iran bereits 2008 auf Platz 166 von 173 möglichen. Hier ein Protest von RoG vom 19.6. zur aktuellen Situation der iranischen Journalisten.

    Es ist vielleicht auch Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß der hervorragende BBC-Korrespondent Jon Leyne den Iran verlassen mußte, andere nicht namentlich erwähnte westliche Korrespondenten ebenso. Wir alle werden Meldungen und Artikeln mit einiger Vorsicht begegnen und viele verschiedene Medien nutzen müssen, um eine vage Ahnung der Vorgänge im Iran zu erhalten.

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    Ulrich Tilgner berichtet noch für das Schweizer Fernsehen aus Teheran.
    Hier ein Interview von heute morgen aus blick.ch.
    Das ZDF ließ ihn ja dummerweise gehen.

    In den aktuellen Artikeln habe ich leider auch nicht die Antwort auf meine fragen gefunden.
    Kennen Sie übrigens die Vorgaben einer Quellenkritik? Darin müssen alle möglichen Umstände einer Quelle auf Einflüsse auf den Wahrheitsgehalt und eventuelle Fehlinformationen und - darstellungen hin untersucht werden. Als erstes immer der Hintergrund des Verfassers bzw. des Herausgebers.
    Die BBC ist sehr informativ in Hinsicht auf Süd- und Ostasien. Man findet i.d.R. Berichte/ Nachrichten über interessante und wirkungsmächtige Ereignisse, die es dann im Vergleich nicht in deutsche Medien geschafft haben. Soviel zum Guten. Andererseits halte ich alles was aus Großbritanien kommt für hochgradig manipulierend. Dieser ganze Staat und sein Wirken sind in ununterbrochener historischer Wirkung problematisch (in hunderten schlimmer Fällen taucht immer wieder das subtile Handeln dieses Staates auf). So auch sein Staatsfernsehen. Also was auf BBC kommt würde ich niemals unproblematisiert glauben. Dass der Iran einen britischen Staatsjournalisten rausgeschmissen hat (in Wirklichkeit gebeten hat das Land zu verlassen - was doch jeder Staat dürfen sollte, wenn sich feindliche Propaganda-Reporter auf seinem Boden betätigen) finde ich nicht schlimm. Tatsächlich habe ich keine Kenntnis über seine Arbeit, vielleicht ist er auch ein rechtschaffender Journalist. Aber solange ich nichts genaues weiß, würde ich dem iranischen Staat nicht den schwarzen Peter zuschieben. Die Abschiebung war übrigens schon gestern nicht meiner Aufmerksamkeit entgangen.

    Wie differenzierter ist doch dagegen das Interview mit dem Herrn Tilgner, wenn man es denn verstehen will.

    Ansonsten danke für die Links, meine Fragen sind allerdings nicht beantwortet.

    • Olly66
    • 22. Juni 2009 14:47 Uhr

    Es tut weh, verdammt weh: Die Schönheit stirbt, damit die hässliche Fratze der Unterdrückung weiterleben kann.

    Die Wahrheit wird von der Lüge gemeuchelt.

    Das kann doch nicht das letzte Wort sein!

  7. Bauldric

    Antwort auf "Näher"
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  • Schlagworte Facebook | Iran | Mehdi Karroubi | Twitter | Video | Niederlande
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