Die junge Frau in Jeans sinkt rückwärts auf den Asphalt, die dunkle Blutlache unter ihrem Körper wird größer und größer. Männer schreien, knien neben der Frau, einer drückt auf ihren Brustkorb. Für einen Moment zeigt das zuckelnde Video ihr Gesicht. In den Augen stehen Schock und Panik, dann rollen ihre Augäpfel zur Seite. Blut quillt aus Mund und Nase. "Hab keine Angst, Neda! Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir!", hört man ihren weißhaarigen Vater schreien. Ein anderer ruft, "Such jemanden, der sie im Auto mitnimmt!" - dann reißt der Film ab.

"In weniger als zwei Minuten war sie tot", schrieb der Arzt, der sie mit Herzmassagen wiederzubeleben versuchte, noch am selben Abend in einer Mail an eine Familie in den Niederlanden. "Der Film wurde von meinem Freund aufgenommen, der neben mir stand", setzte er hinzu: "Bitte, lasst es die Welt wissen!"

Von den Niederlanden aus verbreiteten sich die schockierenden Bilder über Facebook, YouTube und Twitter über den ganzen Globus. Bald war die 37 Sekunden lange Sequenz von dem Tod der jungen Frau in den Armen ihres Vaters auch auf den Facebook-Seiten der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mussawi und Mehdi Karroubi zu sehen. Kurz danach tauchte ein weiteres 15 Sekunden langes verwackeltes Handy-Video auf. Es zeigt am Ende das Gesicht der Toten, überzogen mit einem Netz aus Blut.

Seit Samstag hat die Brutalität des iranischen Regimes ein Gesicht und das Leiden des Volkes einen Namen: Neda Soltani, 27 Jahre alt, Studentin der Philosophie, getötet am Samstag kurz nach 19 Uhr, vermutlich durch die Kugel eines Scharfschützen der Basij-Milizen auf dem Karekar-Boulevard, an der Ecke zwischen Khosravi-Straße und Salehi-Straße.

Überprüfen lässt sich die Echtheit des Videos allerdings wegen der starken Beschränkungen für die Berichterstattung nicht. Hadi Ghaemi von der Internationalen Kampagne für Menschenrechte im Iran sagte jedoch, seine Organisation habe im Laufe des Sonntags mindestens einen weiteren Zeugen in Teheran befragen können, der den Vorfall am Samstag mit eigenen Augen gesehen habe. Nach dessen Angaben waren zum Zeitpunkt des Schusses keine Paramilitärs auf der Straße zu sehen. Wahrscheinlich habe ein Heckenschütze aus den Reihen der Basij-Milizen aus einem nahe gelegenen Gebäude heraus auf die junge Frau gefeuert und sie im Nacken getroffen. "Das Video ist authentisch, daran habe ich keinen Zweifel", sagt Ghaemi, auch weil von dem Tod der jungen Frau zwei Videos aus unterschiedlicher Perspektive existierten.

Neda heißt "Stimme" auf Persisch. "Ich bin Neda", rufen jetzt die Demonstranten, nicht nur in Iran. Ihr Schicksal ist zum Sinnbild geworden für die Rebellion des Volkes gegen ein diktatorisches Regime und könnte Geschichte schreiben – wie vor 30 Jahren die Bilder von erschossenen Demonstranten beim Aufstand gegen den Schah. Damals starben bei ersten Zusammenstößen im Januar 1978 zwei Menschen. Die nach schiitischer Sitte üblichen Totengedenkfeiern 40 Tage später entzündeten neue Unruhen. Es gab neue Tote und weitere Totenfeiern, die sich zu immer größeren Manifestationen gegen den Schah ausweiteten. Am Ende standen die Islamische Revolution und die Flucht des verhassten Reza Pahlevi ins Ausland.