Online-Protest in Iran "Wir twittern auf jeden Fall weiter"Seite 2/2

C.M.:Eine Revolution ist sehr unwahrscheinlich, weil die Repression zu stark ist. Wir haben hier zwei Armeen – die normale und die Pasdaran, die Revolutionswächter, die die Regierung schützen. Deren Milizen gehen unglaublich brutal vor. Manche von denen, die jetzt Leute auf der Straße umbringen, sollen nicht einmal Iraner sein.

ZEIT ONLINE: Ist Ihr Ziel, dass der Oppositionskandidat Mussawi doch noch zum Wahlsieger erklärt und Präsident wird? Oder geht es um mehr?

C.M.:Es geht uns nicht um Mussawi als Person. Wir wollen einen richtigen, großen Wandel. Wir hoffen, den obersten geistigen Führer Chamenei dazu bewegen zu können, eine demokratische Öffnung zu ermöglichen. Das müsste auch im Interesse der Führung liegen, denn sonst wird die Situation nur schlimmer. Das Regime zwingt uns, unter sehr strengen Regeln zu leben, das haben die Menschen satt. Wir wollen Kontakt mit vielen Menschen auch in anderen Ländern.

ZEIT ONLINE: Das gilt aber wohl vor allem für Ihre Studentengeneration

C.M.:Alle Iraner wollen mehr Offenheit. Für viele ist das aber gar nicht mehr möglich, besonders auf dem Land, wo die Menschen nicht englisch sprechen und keinen Internetzugang haben. Viele dort haben deshalb ein völlig verzerrtes Bild von der Außenwelt. Umgekehrt gilt das allerdings genauso: Das Bild, das die meisten in Europa und den USA bislang von uns Iranern hatten, ist völlig falsch. Sie glaubten, dass wir alle derselben Meinung sind wie Präsident Ahmadineschad. Die meisten jungen Menschen hassen ihn, und sie hassen auch Chamenei. So etwas darf man in der Öffentlichkeit aber natürlich nicht sagen, das wäre sehr gefährlich.

ZEIT ONLINE: Die Regierung verschärft nun die Sicherheitsmaßnahmen, es heißt sogar, dass Demonstranten exekutiert werden könnten. Wird das die Protestbewegung zum Erliegen bringen?

C.M.:Die Regierung hat die Zahl der Polizisten in allen Städten des Landes stark erhöht und weist die Menschen an, zu Hause zu bleiben. Selbst Mussawi hat seine Anhänger am Dienstag aufgerufen, nicht mehr auf die Straße zu gehen. Aber das hat nichts genützt: Es waren trotzdem Hunderttausende auf der Straße. Die Leute sind unglaublich wütend – wegen des Wahlbetrugs, aber vor allem auch wegen der Gewalt der letzten Tage. Sie haben unsere Freunde umgebracht, das kann man nicht einfach akzeptieren. Die Wut darüber ist unglaublich groß, die Leute haben wirklich genug. Die Proteste waren schließlich friedlich. Wir sammeln die Fotos und Videos der Gewalttaten und versuchen, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

ZEIT ONLINE: Was ist das Ziel der Protestbewegung unter den Studenten?

C.M.:Wir hoffen, dass Iran eine echte, demokratische Zukunft haben kann – mit einem fair gewählten Präsidenten und ohne Mullahs, die alles kontrollieren. Wir wollen mit der westlichen Welt befreundet sein. Derzeit sind die USA, Australien und die europäische Länder alle unsere Feinde, nur wegen dieser Regierung. Das muss aufhören. Ich hoffe auf einen freien Iran. Dafür lohnt es sich, weiter zu kämpfen.

C.M. ist ein 20-jähriger iranischer Student. Im nächsten Jahr will er in die USA, um dort sein Studium zu beenden. Er twittert seit Beginn der Protestbewegung über die Ereignisse in Iran.

Das Interview führte Corinna Milborn vom österreichischen Wirtschaftsmagazin Format telefonisch
 

 
Leser-Kommentare
  1. Alleine auf der ersten Politik Seite sind 13 der 19 Artikel über Iran. Die Artikel werden wie auf dem Fließband erstellt, mit fragwürdigen quellen und ohne wirklichen Informationswert. Hat die Zeit aus dem Propaganda Desaster (bei dem die Zeit gerne mitgemacht hat) in dem Georgien Konflikt nix dazu gelernt?

  2. es werden nur mit westlich orientierten Menschen Interviews geführt.Interviews mit dem Gegenlager würden weit mehr bringen und nicht immer das wiederholen,was uns auch immer einheimische "Experten" vorbeten.

  3. die Anonymisierungsdienst, den die meisten verwenden, ist TOR. Ohne TOR oder ähnliche Dienste wäre ein Berichterstattung im Iran lebensgefährlich, auch so ist sie natürlich riskant.

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