Programmparteitag Linkspartei kittet mühsam ihre Risse

Lafontaine polarisiert, Gysi integriert. Programmatisch aber übertüncht die Linke auf dem Parteitag die Widersprüche – bis nach der Bundestagswahl. Kommentar

Zwei Tage lang diskutierten die Genossen an diesem Wochenende in Berlin Grundsätzliches genauso wie Nebensächliches, sie stritten über die Systemfrage ebenso wie über die exakte Höhe des Mindestlohns. Mit großer Ernsthaftigkeit arbeiteten die Delegierten auf dem Parteitag über 1000 Änderungsanträge ab.

Am Ende hat in der Linkspartei der Wille gesiegt, sich mitten im Bundestagswahlkampf nicht mit Flügelkämpfen und ideologischen Schlachten zu lähmen. Also wurden Gegensätze in Formelkompromisse gegossen und auch der eine oder andere Widerspruch im Wahlprogramm hingenommen. Die heikle außen- und sicherheitspolitische Debatte wurde sogar ganz ausgesetzt.

Den Rest besorgte Gregor Gysi, der am Samstagabend in einer fulminanten Rede den innerparteilichen Pluralismus verteidigte und die Delegierten angesichts der Wirtschaftskrise auf einen harten Wahlkampf einschwor. Dazu malte er das Horrorszenario weiteren Sozialabbaus an die Wand, mit dem die neoliberalen Parteien gleich nach der Bundestagswahl beginnen würden und den nur eine starke Linke verhindern könne.

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Es ist wie in jeder Partei, der äußere Feind diszipliniert auch bei den Linken die Streithähne.

Um auch in den kommenden vier Jahren auf den Oppositionsbänken des Bundestages Platz nehmen zu können, dafür wird es aller Wahrscheinlichkeit nach reichen. Die Frage, ob die Linke eine Zukunft hat, ob sie sich dauerhaft in einem Fünf-Parteiensystem etablieren kann, diese Frage wird sich erst in den kommenden vier Jahren beantworten.

Bislang gilt, nicht wegen ihres Programms wird die Linke gewählt, sondern trotz. Die Linke wird von den Wählern als reine Protestpartei wahrgenommen, die die etablierten Parteien vor allem in der Sozialpolitik unter Druck setzen kann, Kompetenz wird ihr nicht bescheinigt. Der Parteitag hat nichts getan, um diesem Eindruck entgegenzutreten. Im Gegenteil: Parteichef Oskar Lafontaine hat diesen mit seiner politisch polarisierenden Grundsatzrede noch verschärft.

Verordnete Harmonie

Intern hat sich die Linkspartei erst einmal Harmonie verordnet. Schließlich ist den Parteistrategen mit dem schlechten Ergebnis der Europawahl der Schrecken in die Glieder gefahren. Anders als von den Parteistrategen erwartet, treibt die Wirtschaftskrise der Linken offenbar nicht in Massen Wähler in die Arme, die von der Großen Koalition enttäuscht sind. Zudem wurde die Partei als zerstritten wahrgenommen, weil drei profilierte Realpolitiker die Partei mitten im Wahlkampf verlassen hatten.

Zumindest die kommenden drei Monate soll der innerparteiliche Burgfriede halten. Erst nach der Bundestagswahl soll die Debatte über das erste Grundsatzprogramm der neuen Partei, die im vergangenen Jahr aus dem Zusammenschluss von PDS und WASG entstanden ist, beginnen. Mit dem Problem, wie der Kapitalismus überwunden werden kann, ob dazu zum Beispiel die Schlüsselindustrien verstaatlicht oder vergesellschaftet werden oder ob es vielleicht doch besser ist, Belegschaftsaktien auszugeben, wird sich die Linkspartei also noch ausführlich beschäftigen.

Auch die Frage, ob die Nato abgeschafft oder überwunden werden soll, wird die Genossen noch beschäftigen. Solche ideologischen Debatten gehören wohl zu den Gründungswehen jeder linken Partei. Da steht die Linkspartei den Grünen nicht nach, die sich in den achtziger Jahren ähnliche Auseinandersetzungen leistete.

Das Problem ist dabei nicht, dass die Linke in ihrem Wahlprogramm eine "Krise des Kapitalismus" konstatiert, die Einführung eines Mindestlohnes und einer Millionärssteuer fordert. Selbst die Frage, ob Banken verstaatlicht werden und ob sich Bund und Länder an Schlüsselindustrien wie der Automobilindustrie beteiligen sollen, wird mittlerweile auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen ernsthaft diskutiert.

Die Frage der Zukunftsfähigkeit

In Sachen unerfüllbare und unfinanzierbare Wahlversprechen geht die Linke zwar etwas lockerer mit den Milliarden um, die sie umverteilen will, sie unterscheidet sich allerdings nicht grundsätzlich von der politischen Konkurrenz. Allzu radikale und unfinanzierbare Forderungen schleifen sich ab, das zeigt sich zum Beispiel in der rot-roten Landesregierung in Berlin. Die Überwindung des Kapitalismus hat die SPD selbst als Regierungspartei viele Jahrzehnte gefordert, ohne dass dadurch Marktwirtschaft und Demokratie in der Bundesrepublik erschüttert worden seien. Die Frage ihrer Zukunftsfähigkeit entscheidet sich für die Linke an anderer Stelle.

Leser-Kommentare
  1. Milliardenprogramme für mehr oder weniger insolvente Banken - ohne irgend einen Banker zur Verantwortung zu ziehen.

    Aber nicht genug Geld, um Kindergärtnerinnen vernünftig zu bezahlen.

    CDU, CSU, SPD, FDP scheinen das völlig normal zu finden.

    Schulden machen bis zum Anschlag - früher ein sicheres Kennzeichen für die Linke, ist heute Markenzeichen der "Grossen Parteien".

    Natürlich nur solange das Geld nur bei den Banken und der Industrie landet - und nicht bei den Bürger/innen.

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    Wir leben im Zeitalter der Sozialisierung aller denkbaren Risiken.

    Wo genau liegt denn die anthropologische Differenz zwischen dem Abgeordneten, der sich kaufen läßt; dem Banker, der Verluste verstaatlicht; dem Vater, der Frau und Kind sitzen- und die Kosten der Gemeinschaft über-läßt; der Mutter, die wegschaut, wenn das Kind verwahrlost und die Kosten später die Gemeinschaft trägt; Bundeskanzlern, die entweder Ehrenworte über Recht und Gesetz stellen oder sich nach ihrer Amtszeit als Elder Salesmen im Auftrag schmutziger Regime die Zeit vertreiben ...?

    Nur im Geldbeutel, hm? Umso schlimmer!

    Wir leben im Zeitalter der Sozialisierung aller denkbaren Risiken.

    Wo genau liegt denn die anthropologische Differenz zwischen dem Abgeordneten, der sich kaufen läßt; dem Banker, der Verluste verstaatlicht; dem Vater, der Frau und Kind sitzen- und die Kosten der Gemeinschaft über-läßt; der Mutter, die wegschaut, wenn das Kind verwahrlost und die Kosten später die Gemeinschaft trägt; Bundeskanzlern, die entweder Ehrenworte über Recht und Gesetz stellen oder sich nach ihrer Amtszeit als Elder Salesmen im Auftrag schmutziger Regime die Zeit vertreiben ...?

    Nur im Geldbeutel, hm? Umso schlimmer!

  2. 2. Krise

    Herr Seils sieht bei den LINKEN keine Idee, die aus der Krise hinausführen.
    Anderesseits lobt er die Pragmatiker aus dem Osten, die sich mit Sachzwängen herumschlagen müssen und realistischer als die anderen sind.
    ( P.S. Die medial und politisch anerkannte Definition von Realismus ist z.B. die Rettung der "systemrelevanten HRE" mit Steuergeldern in dreistelliger Milliardenhöhe usw. usw.)
    Vielleicht sollte Her Seils - auch wenn es Mühe macht - das gesamte Parteiprogramm der Linkspartei lesen, um die eine Fraktion ( falls man diesen Ausdruck hier überhaupt nutzen muss) berechtigt tadeln, die andere begründet loben zu können.

  3. Der Kitt wird nicht lange halten können! Denn allzu unterschiedliche Gruppen, Grüppchen und Einzelkämpfer sitzen hier in einer Art Massen-"Zwangsehe" beisammen, wohl wissend, dass ein endgültiger Bruch Wahlerfolge und damit Posten und Geld stark gefährden würde. Da wurde nur unter der Parteitagsregie und dem Eiondruck der bevorstehenden Bundestagswahl ein brüchiger Burgfrieden auf Zeit geschlossen. Ostalgiker, Sektierer, Alt-Linke aus diversen K-Gruppen u.a. werden sich garantiert weiter schwer bekämpfen. Man muss nur schauen, wie es in den Ortsverbänden der "Linken" aussieht ...

    Die Handlungsfähigkeit einer solch heterogenen Gruppe ist natürlich begrenzt.
    Letztlich nützt eine Stimme für die sog. "Linken" der CDU!

    rheinelbe

  4. Auch wenn mir inhaltlich der Artikel gut gefällt, so frage ich mich doch, wie man so viele Rechtschreibfehler vor dem Veröffentlichen übersehen kann. Das scheint bei fast allen Artikeln des Autors ein Problem zu sein.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    als die Rechtschreibung. Und wenn um der Aktualität (nicht um etwaige Sparmaßnahmen!) willen kein Lektorat gemacht wird, ist es auch gut.

    Von mir also eher ein Lob dafür, einen nicht zig-fach redigierten Artikel zu veröffentlichen.

    Alles Gute
    Kai Hamann

    als die Rechtschreibung. Und wenn um der Aktualität (nicht um etwaige Sparmaßnahmen!) willen kein Lektorat gemacht wird, ist es auch gut.

    Von mir also eher ein Lob dafür, einen nicht zig-fach redigierten Artikel zu veröffentlichen.

    Alles Gute
    Kai Hamann

  5. Wer ist Christoph Seils aus Essen und wann begreifen
    er und andere sog. Journalisten endlich, dass wir in der
    Bundesrepublik Deutschland in einer *Demokratie* leben
    und die stromlinienförmige Einheitsmeinung vorbei ist und
    Diskussionen sehr positiv sind und nicht negativ! Die Zeiten
    von Josef, Adolf, Walter und Erich waren - Gott sei Dank -
    gestern!

    Gruß Gerd

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    Auf den Nachdenkseiten wird aus berufenem Munde Kritik geübt, der ich mich auch als ZEIT-Leser anschließe.

    Zitat:
    ZEIT-ONLINE als permanenter Entsozialisierungsausschuss. Welch ein moralischer Verfall dieser einst bedeutenden Zeitung! Wer unablässig die antilinke Moralkeule schwingt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die ZEIT inzwischen auf dem rechten kapitalistischen Auge blind geworden ist.
    Quelle: Vgl. Nr. 23 unter
    http://www.nachdenkseiten...

    Auf den Nachdenkseiten wird aus berufenem Munde Kritik geübt, der ich mich auch als ZEIT-Leser anschließe.

    Zitat:
    ZEIT-ONLINE als permanenter Entsozialisierungsausschuss. Welch ein moralischer Verfall dieser einst bedeutenden Zeitung! Wer unablässig die antilinke Moralkeule schwingt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob die ZEIT inzwischen auf dem rechten kapitalistischen Auge blind geworden ist.
    Quelle: Vgl. Nr. 23 unter
    http://www.nachdenkseiten...

  6. daneben, oder besser Meinungsmache bzw. Schrott.
    "Intern hat sich die Linkspartei erst einmal Harmonie verordnet. Schließlich ist den Parteistrategen mit dem schlechten Ergebnis der Europawahl der Schrecken in die Glieder gefahren" Was soll das denn? Wer hatte bei der Wahl verloren?

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    das deutsche Fernsehen ist nicht anderst. Machen den Bürgern Angst mit den Millar. Steuererhöhungen, sagen aber nicht wo die Linken die Steuern erhöhen wollen. Alles aus jeden Zusammenhang gerissen. Das bestätigt nur meinen Entschluß. Damit muß schluß sein. Für was bezahlt man GEZ? Können wir es auch gleich Spenden und von den Steuern absetzen !

    das deutsche Fernsehen ist nicht anderst. Machen den Bürgern Angst mit den Millar. Steuererhöhungen, sagen aber nicht wo die Linken die Steuern erhöhen wollen. Alles aus jeden Zusammenhang gerissen. Das bestätigt nur meinen Entschluß. Damit muß schluß sein. Für was bezahlt man GEZ? Können wir es auch gleich Spenden und von den Steuern absetzen !

  7. das deutsche Fernsehen ist nicht anderst. Machen den Bürgern Angst mit den Millar. Steuererhöhungen, sagen aber nicht wo die Linken die Steuern erhöhen wollen. Alles aus jeden Zusammenhang gerissen. Das bestätigt nur meinen Entschluß. Damit muß schluß sein. Für was bezahlt man GEZ? Können wir es auch gleich Spenden und von den Steuern absetzen !

    Antwort auf "So ganz.."
  8. Bislang gilt, nicht wegen ihres Programms wird die Linke gewählt, sondern trotz. Die Linke wird von den Wählern als reine Protestpartei wahrgenommen, die die etablierten Parteien vor allem in der Sozialpolitik unter Druck setzen kann, Kompetenz wird ihr nicht bescheinigt. Der Parteitag hat nichts getan, um diesem Eindruck entgegenzutreten. Im Gegenteil: Parteichef Oskar Lafontaine hat diesen mit seiner politisch polarisierenden Grundsatzrede noch verschärft.

    Herr Seils, wer behauptet das? Doch eigentlich nur Sie und ihre lieben Kollegen.

    Es tut mir leid. Weder FDP, Grüne, CDU/CSU und SPD erscheinen mir wählbar.
    Die Piraten sind (noch) zu klein. Nur die Linke hat ausreichend Potential, etwas zu verändern (wenn auch nur in kleinen Schritten).

    Der Rest der im Bundestag vertretenen und sich dort selbst versorgenden und erhaltenden Parteien, die an der "Willensbildung mitwirken" sollen - aber nicht diese zu bestimmen haben - disqualifiziert sich seit vielen Jahren tagtäglich immer mehr und immer tiefer bis hin zur vollkommenen Unglaubwürdigkeit. Jedenfalls was die Belange der Bürger angeht (auch bezüglich der EU).

    Die Belange von Konzernen, Banken und Finanzwirtschaft hingegen werden großzügigst unterstützt.

    Auch frage ich mich, wann in der ZEIT nun ein Artikel über und zu Herrn Asmussen kommt, nachdem von NachdenkSeiten, Handelsblatt, SPON, Welt dieses heikle Thema schon in den letzten Wochen (bei den NachDenkSeiten seit Jahren) abgehakt ist (der rührselige HRE-Artikel letztens war da nicht so toll).

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