Der Antrittsbesuch der Kanzlerin beim neuen US-Präsidenten kommt spät. Andere europäische Schwergewichte waren vor ihr zu Gast im Weißen Haus. Aber wer daraus eine persönliche Verstimmung zwischen Barack Obama und Angela Merkel ableiten wollte, wird durch das Programm widerlegt. Obama nimmt sich Zeit für sie und gesteht ihr, zum Beispiel, die Pressekonferenz im Rosengarten zu, die der Brite Gordon Brown oder der Israeli Benjamin Netanjahu nicht bekamen. Insofern hat sich Merkels Geduld gelohnt. Ihr war bereits ein Treffen im März angeboten worden, doch damals hätte Obama wenig Zeit für sie gehabt. Merkel lehnte ab.

Rund 24 Stunden wird sie nun von Donnerstagnachmittag an in Washington sein. Die Themen freilich sind weder einfach noch stehen sie für deutsch-amerikanische Harmonie: der Umgang mit dem Iran und dem Konflikt um den Wahlausgang, Klimaschutz, die Vorbereitung des G-8-Treffens und generell der Kampf gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Merkel möchte zugleich ein gutes persönliches Verhältnis zu Obama demonstrieren, nachdem einige deutsche Medien über eine Verstimmung zwischen den beiden spekuliert hatten. Sie treffen sich zum vierten Mal, sofern man ihr Gespräch im Juli 2008 mitzählt. Damals hielt Obama als Präsidentschaftskandidat eine viel beachtete Rede an der Siegessäule. Einen Auftritt am Brandenburger Tor hatte Merkel ihm verwehrt. Sie besprechen regelmäßig über Videoschaltung die internationale Politik. Und Merkel hat, wie sie kürzlich verriet, die Autobiografie Obamas gelesen.

Am Donnerstagabend wird die Kanzlerin in der Library of Congress mit dem Eric-M.-Warburg-Preis der "Atlantik- Brücke" ausgezeichnet. Die Laudatio hält der ehemalige republikanische Senator Chuck Hagel. Am Freitagmorgen trifft Merkel dann die Sprecherin des Repräsentantenhauses, die Demokratin Nancy Pelosi, und weitere Abgeordnete. Pelosi räumt dem Klimaschutz eine höhere Priorität ein als die meisten US-Politiker.

Die deutschen Ziele für die Klimakonferenz am Jahresende in Kopenhagen gelten in Amerika jedoch als zu ehrgeizig. Es gibt keine Mehrheit im US-Kongress für eine verbindliche Reduzierung der Emissionen, wie sie Merkel vorschwebt. Selbst der Rückhalt für einen weit weniger scharfen Gesetzentwurf, der derzeit verhandelt wird, ist fraglich. Obama wünscht eine Verringerung der Treibhausgase und die Beteiligung der USA am internationalen Emissionshandel. Es ist aber offen, ob er dafür kämpfen wird. Die Krankenversicherungsreform ist ihm wichtiger.