NS-Zeit Braune Keimzelle
Als erste deutsche Stadt wurde Coburg vor 80 Jahren von den Nazis übernommen. Sie exerzierten dort vieles, was sie später im ganzen Reich vollzogen
Ausgerechnet Coburg. Ausgerechnet die Stadt im beschaulichen Oberfranken mit dem Haupt eines Mohren im Stadtwappen war die „erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“: Am 23. Juni 1929 errang die NSDAP dort die absolute Mehrheit im Stadtrat. Nicht nur das Wappen arisierten die Nazis bald. Warum waren sie ausgerechnet in Coburg so früh so erfolgreich?
Die Stadt war geprägt von einem Milieu, das auch andernorts besonders anfällig für Hitlers Parolen war: kleinstädtisches Bürgertum, kleine Beamte und Angestellte, viele Rentner. Nur ein Viertel der Bevölkerung waren Arbeiter. Man wählte bürgerlich-konservativ bis deutschnational, allenfalls liberal, kaum sozialdemokratisch. Die Rechte war stark, wenn auch zersplittert in kleine Gruppen.
Hinzu kam, dass die alte Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha seit 1920 zu Bayern gehörte – als Ergebnis einer Volksabstimmung; Die Coburger wollten nicht zum verdächtig sozialdemokratischen neu gegründeten Land Thüringen gehören. In Bayern aber hatte die Niederschlagung der Münchner Räterepublik 1919 die politischen Verhältnisse vergiftet. Viele der Revolutionäre waren Juden gewesen; Bayern wurde in der Folge zur Hochburg der extremen Rechten und Antisemiten.
Und das überwiegend protestantische Coburg war besonders judenfeindlich. Der Hitler-Biograph Ian Kershaw schrieb: „Insbesondere Nürnberg und Coburg wurden schon während der Weimarer Republik zu Zentren des aggressiven Antisemitismus.“ In Steffen Popps Arbeit „Coburgs Weg in den Nationalsozialismus“ heißt es, in der Stadt habe es bereits 1919 und 1920 erste heftige Diskussionen zur „Judenfrage“ gegeben. Dabei stellten Juden nur gut ein Prozent der Bewohner.
Die Nationalsozialisten eroberten Coburg am „Deutschen Tag“ im Oktober 1922. Zu dieser Tagung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes Nordbayern war die Münchner NSDAP eingeladen, Adolf Hitler und „einige Herren seiner Begleitung“. Die „Herren“ waren rund 650 bewaffnete SA-Leute, die mit Musikkapelle und Fahnen durch die Stadt zogen und sich Straßenschlachten mit Gegendemonstranten lieferten.
Die braune Horde riss die Veranstaltung an sich. Hitler hielt Hetzreden, seine SA paradierte, einem geplanten Marsch der Deutschnationalen kam die NSDAP mit einem eigenen Umzug zuvor. Hitler bezeichnet den „Zug nach Coburg“ in seinem Buch Mein Kampf später als „Markstein der Bewegung“.
Er hinterließ bleibenden Eindruck. Eine knappe Woche nach dem Deutschen Tag gründete sich eine NSDAP-Ortsgruppe. Bis Juni 1923 hatte die Partei in der Stadt rund 200 Mitglieder, im September schon mehr als 600. Auch eine SA-Ortsgruppe gab es bald.
Als die NSDAP nach dem gescheiterten Putsch Hitlers am 9. November 1923 verboten wurde, schlüpften die Mitglieder bei anderen Parteien unter, einige wurden auf ihren Listen in den Stadtrat gewählt. 1925 wurde das Verbot aufgehoben, und plötzlich saß da eine dreiköpfige NSDAP-Fraktion.
- Datum 25.06.2009 - 13:57 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Sie waren deutsch, wie wir, mit ganzer Seele.
Die Väter dienten noch im ersten Krieg.
Sie jubelten dem Kaiser und Befehle
befolgten sie für Vaterland und Sieg.
Sie hießen Sarah, Esther, Moses, Lot.
In deutschen Landen waren sie daheim.
Ob Währungskrise, Arbeitslosigkeit und Not,
sie trugen es wie alle, groß und klein.
Als Hindenburg die Tore weit geöffnet,
und „braune“ Schergen fluteten das Land,
da ging die erste Angst durch weise Köpfe,
denn er gab nun den Tod in Satans Hand.
Die Sonnenzeichen brannten Judenbücher.
„Nun danket alle Gott“, dreifach „Sieg Heil“!
So standen sie mit roten Fahnentüchern,
doch Bücher waren nur der erste Teil.
Bald brannten Deutschland und die Nachbarstaaten.
Perfide plante Satan seinen Krieg,
und zwischen Flagfeuern und Handgranaten,
da brannten Synagogen für den Sieg.
Ein Pesthauch wehte schließlich über alles,
was einst für deutschen Schöngeist stand.
Warschauer Getto! Durch die Straßen hallt es.
Der Schrei nach Freiheit starb in Satans Hand.
Die Todesangst, sie starrt aus leeren Augen.
„Arbeit macht frei“ – welch unmenschlicher Hohn.
Ob Kranke, Alte, Kinder, Männer, Frauen,
sie alle deportiert zur Arbeit, Tod, ihr Lohn.
Für Lagerkinder, die kein Lachen kannten,
war Angst und Tod mehr als ihr täglich’ Brot.
Allein, nur Fremde, keine Anverwandten.
Das Böse färbt mit Zyklon-B den Himmel rot.
Millionen Seelen hat der Wahn genommen.
Der Mensch braucht Böses wohl um gut zu sein.
Wenn Gutes siegt, wird niemals wiederkommen,
ein großer Führer hier aus unsren Reih’n.
© by Gisela Seidel
...all das, was er in seinem Artikel as kleinstädtisches Bürgertum, kleine Beamte und Angestellte, viele Rentner" bezeichnet.
Er möge seine Wahlanalyse von damals einmal auf die heutige Klientel der verschiedenen bundesdeutschen Parteien übertragen und sich die Frage stellen, ob es auch da möglich ist, ein bestimmtes Wahlverhalten von der Anfälligkeit bestimmter Stände herzuleiten.
Und dann ist er eingeladen Rückschlüsse zu ziehen aus dem Parallelvergleich zwischen damals und heute...
Geht diese Rechnung auf? Und wenn ja, inwiefern?
...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.
Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.
Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.
Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.
...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.
Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.
Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.
Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.
...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.
Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.
Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.
Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.
Es liegt mir fern, zu denunzieren. Dass die NSDAP in den genannten Gesellschaftsschichten besonders viele Wähler fand (und übrigens gar nicht mal so sehr bei den "Kaisertreuen", denen war Hitler zu primitiv und proletenhaft) habe ich mir ja nicht ausgedacht; das ist die Erkenntnis zahlreicher Historiker, unter anderem des im Text erwähnten Ian Kershaw. Eine Übertragung gesellschaftlicher Analysen von einer Zeit auf eine andere erscheint mir nicht sinnvoll - schon im Allgemeinen nicht, und in diesem Fall schon gar nicht: Gegen wen sollten denn heutige Kleinbürger ihre antisemitischen Neidgefühle richten, nachdem die "Arisierung" der Geschäftswelt damals so erfolgreich war?
...Paul von Hindenburg ernannte als zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler.
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