NS-Zeit Braune KeimzelleSeite 2/2

Eine Hetzkampagne im Cobuger Nazi-Blatt Weckruf brachte den Machtwechsel: Die NSDAP führte Ende 1928 eine Propagandaschlacht gegen Abraham Friedmann, den jüdischen Generaldirektor des Fleischwarenunternehmens Großmann, einen großen Arbeitgeber und Kunden der Stadtwerke. Diese entließen daraufhin einen Maschinenmeister: NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Schwede. Die Partei sah in der Entlassung einen "jüdischen Angriff"; NSDAP-Stadtrat Georg Linke erreichte einen Volksentscheid mit dem Ziel, die Gemeindeversammlung aufzulösen, der die Entlassung genehmigt hatte. Am 5. Mai 1929 stimmten 67 Prozent der Wähler für Neuwahlen.

Der Wahlkampf war heftig und wurde sogar blutig, als Nationalsozialisten eine Versammlung der Sozialdemokraten überfielen. Schwede präsentierte die NSDAP als Partei des kleinen Mannes, als Kämpferin gegen die korrupte politische Klasse: Töne, die beim Coburger Kleinbürgermilieu zogen.

Am Wahlwochenende war Hitler in der Stadt und erlebte einen Triumph: Die NSDAP errang 43,1 Prozent der Stimmen und 13 Sitze im 25-köpfigen Stadtrat. Der Stadtrat beschloss umgehend die Wiedereinstellung und Verbeamtung Schwedes, erließ Sondersteuern für Warenhäuser und deren Filialen – in Coburg allesamt in jüdischem Besitz. Dafür wurden Steuern und Gebühren gesenkt. Allerdings fehlte das Geld in der Stadtkasse, Coburg war bald fast pleite, die Regierung Oberfrankens stellte die Stadt unter Zwangsverwaltung.

Am 16. Oktober 1931 wurde Franz Schwede zum ehrenamtlichen ersten Bürgermeister gewählt, auch der hauptamtliche zweite und der dritte Bürgermeister gehörten nun zur NSDAP – Coburg war braun. In der Folgezeit probierte die NSDAP in der Stadt manches aus, was sie später im ganzen Reich anwendete. Die Coburger National-Zeitung rief am 14. Februar 1931 zum ersten Boykott jüdischer Firmen in einer deutschen Stadt auf. Die Geschäftsleute klagten allerdings dagegen und waren in der Berufungsinstanz vor dem Oberlandesgericht Bamberg erfolgreich.

Im September 1932 beschloss der Stadtrat, der jüdischen Gemeinde zum Jahresende die Überlassung der Nikolaikirche als Synagoge zu kündigen. Die israelitische Kultusgemeinde wehrte sich zunächst vor Gericht, am 16. März 1933 wurde die Synagoge aber als eine der ersten im Reich geschlossen. Bis 1936 musste die Gemeinde noch 6000 Reichsmark an die Stadt zahlen.

Im gleichen Jahre richtete Coburg auch einen „Freiwilligen Arbeitsdienst“ ein. Arbeitslose männliche Jugendliche wurden in einem Barackenlager kaserniert. Wer die Arbeit verweigerte, dem wurden die Sozialleistungen gestrichen. Die Parteipropaganda verbreitete den Arbeitsdienst als Erfolgsmodell zunächst auf kommunaler Ebene, bevor später der Reichsarbeitsdienst nach diesem Vorbild entstand.

Den Kopf des Heiligen Mauritius als Schwarzer mit dicken Lippen und Ohrringen im städtischen Wappen ersetzte der Stadtrat 1934 durch einen SA-Dolch mit Hakenkreuz im Knauf.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Sie waren deutsch, wie wir, mit ganzer Seele.
    Die Väter dienten noch im ersten Krieg.
    Sie jubelten dem Kaiser und Befehle
    befolgten sie für Vaterland und Sieg.

    Sie hießen Sarah, Esther, Moses, Lot.
    In deutschen Landen waren sie daheim.
    Ob Währungskrise, Arbeitslosigkeit und Not,
    sie trugen es wie alle, groß und klein.

    Als Hindenburg die Tore weit geöffnet,
    und „braune“ Schergen fluteten das Land,
    da ging die erste Angst durch weise Köpfe,
    denn er gab nun den Tod in Satans Hand.

    Die Sonnenzeichen brannten Judenbücher.
    „Nun danket alle Gott“, dreifach „Sieg Heil“!
    So standen sie mit roten Fahnentüchern,
    doch Bücher waren nur der erste Teil.

    Bald brannten Deutschland und die Nachbarstaaten.
    Perfide plante Satan seinen Krieg,
    und zwischen Flagfeuern und Handgranaten,
    da brannten Synagogen für den Sieg.

    Ein Pesthauch wehte schließlich über alles,
    was einst für deutschen Schöngeist stand.
    Warschauer Getto! Durch die Straßen hallt es.
    Der Schrei nach Freiheit starb in Satans Hand.

    Die Todesangst, sie starrt aus leeren Augen.
    „Arbeit macht frei“ – welch unmenschlicher Hohn.
    Ob Kranke, Alte, Kinder, Männer, Frauen,
    sie alle deportiert zur Arbeit, Tod, ihr Lohn.

    Für Lagerkinder, die kein Lachen kannten,
    war Angst und Tod mehr als ihr täglich’ Brot.
    Allein, nur Fremde, keine Anverwandten.
    Das Böse färbt mit Zyklon-B den Himmel rot.

    Millionen Seelen hat der Wahn genommen.
    Der Mensch braucht Böses wohl um gut zu sein.
    Wenn Gutes siegt, wird niemals wiederkommen,
    ein großer Führer hier aus unsren Reih’n.

    © by Gisela Seidel

  2. ...all das, was er in seinem Artikel as kleinstädtisches Bürgertum, kleine Beamte und Angestellte, viele Rentner" bezeichnet.

    Er möge seine Wahlanalyse von damals einmal auf die heutige Klientel der verschiedenen bundesdeutschen Parteien übertragen und sich die Frage stellen, ob es auch da möglich ist, ein bestimmtes Wahlverhalten von der Anfälligkeit bestimmter Stände herzuleiten.

    Und dann ist er eingeladen Rückschlüsse zu ziehen aus dem Parallelvergleich zwischen damals und heute...

    Geht diese Rechnung auf? Und wenn ja, inwiefern?

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    ...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.

    Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.

    Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.

    Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.

    ...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.

    Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.

    Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.

    Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.

  3. ...öffneten Hitler Tor und Tür und das waren hauptsächlich die damaligen Rentner. Sie konnten ihren Patriotismus am Leichtesten im kleinstädtischen Milieu ausleben. Von dort aus ließ sich die Überzeugung „für Führer, Volk und Vaterland“ in heldenhafter Manier vom Kaiser auf Hitler übertragen. Ob es ausgerechnet in Coburg einen besonders fruchtbaren Boden für die „braune Saat“ gegeben hat, kann ich nicht beurteilen.

    Ich denke, dass vor allem die anhaltende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung Hitlers Machtübernahme Vorschub leistete. Wie hoch war der Prozentsatz der Mitläufer, die sich eine bessere Zukunft erhofften? Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass sich gerade Beamte ihren Posten sichern wollten, indem sie sich öffentlich zu „den Braunen“ bekannten.

    Die ältere Generation wird bei Wahlen, genau wie die Rentner damals, ihre Lebenserfahrung und Überzeugung einbringen. Nur hat diese Generation Krieg und Untergang am eigenen Leib erfahren.

    Die junge Generation, die keine Perspektiven sieht und nach einer Aufgabe im Leben sucht, sehe ich als gefährdeter an und anfälliger für solch rechte Tendenzen.

  4. Freier Autor

    Es liegt mir fern, zu denunzieren. Dass die NSDAP in den genannten Gesellschaftsschichten besonders viele Wähler fand (und übrigens gar nicht mal so sehr bei den "Kaisertreuen", denen war Hitler zu primitiv und proletenhaft) habe ich mir ja nicht ausgedacht; das ist die Erkenntnis zahlreicher Historiker, unter anderem des im Text erwähnten Ian Kershaw. Eine Übertragung gesellschaftlicher Analysen von einer Zeit auf eine andere erscheint mir nicht sinnvoll - schon im Allgemeinen nicht, und in diesem Fall schon gar nicht: Gegen wen sollten denn heutige Kleinbürger ihre antisemitischen Neidgefühle richten, nachdem die "Arisierung" der Geschäftswelt damals so erfolgreich war?

  5. ...Paul von Hindenburg ernannte als zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler.

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