Iran-Symbol Neda Lasst der Sterbenden ihre Würde

Die Bilder vom Tod Neda Soltanis verbreiten sich um die ganze Welt. Doch wer die Brutalität des Teheraner Regimes verstehen will, muss der Studentin nicht beim Sterben zusehen. Kommentar

Demonstranten in Berlin tragen einen Papp-Sarg, der symbolisch an die getöteten Protestler wie Neda erinnern soll

Es gibt viele Bilder toter iranischer Demonstranten. Auf Protestmärschen werden sie in diesen Tagen rund um den Globus hochgehalten. Aber nur ein Foto erkennt jeder unweigerlich wieder. Es zeigt Neda Soltani.

Tausendfach ist die Geschichte der Studentin erzählt worden, eine junge Frau, erschossen auf offener Straße durch einen Milizionär, nicht einmal beteiligt an den Protesten, jetzt verehrt als Märtyrerin. "Engel des Iran" nennt man sie auf Facebook und Twitter. Der Widerstand hat seine Ikone.

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Ungeheure Macht geht von diesem Bild aus. Und wir wissen ja, was solche Bilder bewegen können. Benno Ohnesorg fällt uns ein oder Nguyen Van Lem, erschossen im Vietnamkrieg auf offener Straße und vor laufender Kamera durch den Chef der südvietnamesischen Armee. Diese Bilder haben die Geschichte verändert. Jene vom Sterben Nedas haben ebenfalls die Kraft dazu.

Doch was haben wir wirklich gesehen, die wir dieses Video auf YouTube anklickten, bewusst die Warnung extremely violent übergehend? Wir sehen, wie eine junge Frau in schwarzem Pulli und Jeans zusammenbricht, sehen ihre Augen, wie sie erstarren, schließlich brechen. Ein Mensch haucht sein Leben aus.

Mit jedem Klick auf das Video stirbt sie wieder. Sie stirbt, wenn Welt Online dem Voyeurismus huldigt und aus dem Video eine Bildergalerie schneidet, stirbt, wenn das Blut auf den Plakatbildern der Demonstranten in ihre Augen rinnt, stirbt einen unendlichen öffentlichen Tod.

Bei jedem, der diese Bilder sieht, sitzt der Schrecken tief. Das muss die Welt wissen!, so reagieren die vieltausendfachen Zuseher und verbreiten den Link zum Video überallhin, als Dokument, als Anklage, auch als Stimulans für jene, die noch immer im Widerstand stehen. Auch ZEIT ONLINE verlinkt es und die Nutzer diskutieren es lebhaft.

Doch mit der ständigen Wiederholung entleert sich das Ikonografische des Videos. Zwar wirken Bilder wie diese eindringlich und liefern uns einen Authentizitätsbeweis. Sie beanspruchen "komplexe Phänomene zu verdichten und Geschichte stellvertretend wiederzugeben", wie die Historikerin Cornelia Brink schreibt.

Doch aus der fotografischen, videotechnischen Konfrontation mit dem Grauen entsteht nicht notwendigerweise Reflexion. Denn was fesselt uns an der sterbenden Neda? Das Sterben. Es berührt uns existenziell. Aber es sagt nichts über den Kampf der Oppositionellen, über einen Widerstand zwischen Revolution und Zusammenbruch aus.

So verlieren ausgerechnet die Bilder des Entsetzlichen ihre Kraft, weil sie keinen Raum mehr lassen für das Nichtgesagte, weil sie uns daran hindern, uns an unseren inneren Bildern abzuarbeiten, die uns die Dimension des Grauens erst erkennen lassen und zur Erkenntnis führen: Das darf niemals geschehen.

Wer so denkt, scheut nicht davor zurück, die Welt wahrzunehmen, wie sie ist, in all ihrer Brutalität. Aber was wir sehen, ist eben kein lebloser Körper, kein entstellter Leichnam. Hier geschieht keine politische Tat, sondern hier stirbt ein Mensch, dessen Würde wir zu achten haben.

Es ist gut, dass wir von Neda wissen. Sie ist das Opfer eines brutalen Regimes, einer menschenverachtenden Politik, die es zu bekämpfen gilt. Doch wer dafür eintritt, muss das Video ihres Sterbens nicht ansehen.

Ist es richtig, die Bilder der sterbenden Neda Soltani zu zeigen? Diskutieren Sie mit!

 
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