Proteste in Iran "Ich bin Neda"Seite 2/2
Hinzu kommt: Das klassische Glaubwürdigkeitsproblem, das die massenhaft anonym ins Netz gestellten Wirklichkeitspixel in Sachen Quellenlage haben, machen sie durch ihre unmittelbare ästhetische Plausibilität mehr als wett. Wo in Nachrichtenbeiträgen vom kommentierenden Text bis zur Bildmontage mit journalistischen Codes gearbeitet wird, überzeugen die Mini-News gerade durch das schmucklose, schnell hochgeladene und eben nicht komponierend gearbeitete Bild – mit ungeschnittenen Augenzeugenszenen, deren Kadrierung ebenso Nebensache ist wie die Bildschärfe oder die Qualität des Tons. Diese Instant-Dokus in Realzeit, so zufällig krude wie das einstige Direct Cinema absichtsvoll krude war, überrennen geradezu jeden kritischen Vorbehalt gegen ihre stets auch technisch mögliche Manipulierbarkeit. Das mag im derzeitigen historischen Augenblick gefährlich finden, wer will; zuallererst ist es befreiend.
Die Bilder vom Sterben der Studentin Neda: Sie geben dem iranischen Widerstand inzwischen auch weltweit eine gemeinsame Stimme. Und ein Symbol: "Engel des Iran" wird sie in Facebook betrauert, Demonstranten in New York und Los Angeles tragen Poster mit ihrem blutüberströmten Gesicht. Dass die Teheraner Behörden am Sonntag eine Trauerfeier für die bereits beerdigte Studentin verboten haben, spricht für die Wirkungswucht des digital weltweit verbreiteten Ereignisses. Die Mullahs mögen mit ihren Motorradschwadronen und Morden weiter Schrecken verbreiten, der "Tod der Diktatur!", der allnächtlich und archaisch analog als zehntausendfacher Ruf aus Teheraner Häusern erschallt, rückt näher und näher.
Mitarbeit: Martin Gehlen, Kairo.
- Datum 24.06.2009 - 08:19 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 38
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Einen Satz wie den folgenden: "Hinzu kommt: Das klassische Glaubwürdigkeitsproblem, das die massenhaft anonym ins Netz gestellten Wirklichkeitspixel in Sachen Quellenlage haben, machen sie durch ihre unmittelbare ästhetische Plausibilität mehr als wett. " über die Bilder des Sterbens einer jungen Frau zu schreiben, erscheint mir - gelinde gesagt - pervers.
So sehen Artikel aus, wenn es politisch nicht passt. Da gerät man schnell in Ja-Nein- Mitleid-Krise und widmet seine Humanität lieber keinen Hunden.
Das Leid der anderen
Wenn es passt dann mal so und wenn nicht dann sind das bloß die Anderen.
Ich trauere um Neda genau so wie um die mit Phosphor-Bomben ermordete Kinder in Gaza. Ich mache keinen Unterschied und philosophiere nicht, wenn es um das Leid von Menschen geht. Ich missbrauche ihr Leid nicht für politische Zwecke, wo anderswo das Leid von Zivilisten als kollaterale Schaden bezeichnet werden, oder die politische Haltung gegen Menschenrechte und Freiheit faulen Einwenden gerechtfertigt wird.
Ich schäme mich sehr für solche Menschen, die alles aber wirklich alles missbrauchen, für eigne Interessen.
PS. vorgestern glaube ich hat die US-Arme zugegeben, 26 Zivilisten in Afghanistan irrtümlicherweise ermordet zu haben. Werden wir Bilder von diesen Menschen und den anderen ermordeten vor ihnen in den humanen Medien je sehen können?
Stellen wir uns kurz das Netz als "nicht rechtsfreier Raum" nach amtlichen deutschen Vorstellungen vor: Das fragliche Video wäre als "jugendgefährdend" verboten, Youtube würde entsprechend in die geheimpolizeiliche Zensurliste aufgenommen -- im Grunde genau das, was man in Iran versucht.
Ein Grund mehr, entschlossen CDU/CSU und SPD zu bekämpfen, damit nach der Bundestagswahl die unselige "große Koalition" keine Mehrheit mehr hat!
dieser artikel war längst überfällig und spricht mir aus der seele.
es ist eine beunruhigende diskrepanz zwischen den berichterstattungen der alten schule und portalen wie youtube entstanden.
ich weiss einen gewissen journalistenethos durchaus zu schätzen, der in etwa besagt:
"videos aus youtube o.ä. sind nicht von überprüfbaren quellen, und somit zuerst einmal nur behauptungen."
jedoch macht sich langsam aber sicher die alte riege der fernseh- und printmedien total lächerlich in ihrer zurückhaltung und ihrem gekränkten stolz, die kontrolle über die information verloren zu haben. ständig werden fast neurotisch floskeln in die artikel gestreut, wie " es kann die Authentizität des Films nicht überprüft werden."
Ich kann das nicht mehr hören. wenn man einen hauch von schauspielerei und inszenierung versteht, dann weiß man, dass die eingefangenen situationen in ihrer masse niemals gestellt werden können und wollen, in ihrer gesamtheit durchaus ein authentisches bild ergeben, dass dem alten journalismus haushoch überlegen ist.
ob man es gut findet oder nicht, die stunde der neuen internetkommunikation hat schon längst geschlagen.
als iraner bin ich traurigerweise inzwischen auf twitter und youtube angewiesen, da das fernsehen und die printmedien überhaupt nicht mehr mitkommen.
ich hoffe, dass der etablierte journalismus nicht vollends den zug abfahren lässt und endlich lernt, mit den neuen kommunikationsformen wie youtube und konsorten besser umzugehen, ich hoffe, dass er seinen widerwillen ablegt und die pflicht erkennt, die neue masse an material weitaus lückenloser auszuwerten, zu kommentieren UND AUCH ZU VERWENDEN, um wie im irankonflikt einen ersatz für schweigende nachrichtenagenturen zu haben.
sonst schauen die leute bald nur noch ungefiltert in youtube und co nach neuigkeiten.
für diese krise gibt es von mir höchstens eine note 5 für die alte riege, es muss viel nachgeholt werden, damit es schneller und besser wird – damit beim nächsten konflikt dieses trauerspiel nicht so weiter geht.
@2: Anzumerken ist: Spiegel Online ignorierte das Thema fast 24h lang. Erst am Sonntag abend begann man dann darüber zu berichten und es förmlich auszuschlachten.
Da traute man sich wohl erst nicht, oder hat es schlicht verschlafen, was mich bei der Berichterstattung am Samtag (2-3 Aktualisierungen den ganzen Tag über - fail!) nicht wundern würde. Als dann CNN das Video (erst mit örtlicher unschärfe, dann unzensiert) brachte, dachte man sich dann wohl "na gut, das können wir auch".
Übrigens: das Video (komplett) verpixelt/mit Unschärfe und womöglich noch ohne Ton (Motto: versteht ja sowieso keiner) zu zeigen, ist in meinen Augen wesentlich sensationsheischender als die unzensierte Version. Ersteres schielt auf Klickzahlen/Auflage/Einschaltquoten, der geneigte Zuschauer wird aber in der Regel nicht mehr als ein wolliges Schaudern empfinden und sich dann dem nächsten Artikel widmen. Erst die unzensierte Version erzeugt die Betroffenheit die meiner Meinung nach angemessen ist. Ich habe es im Bekanntenkreis erlebt. "kenn ich schon, hab ich im Fernsehen gesehen" (unscharf). Danach war diejenige wirklich fassungslos und hatte Tränen in den Augen. Ja richtig, das ist kein Hollywood. Da sterben wirklich Menschen und hinter "Teheran: 12 Tote - und nun zu den Lottozahlen" stecken solche Gesichter und das realisieren viele dann erst.
Was ich ansonsten interessant finde, das die Verschwörungstheoretiker hier wieder westliche Meinungsmache suchen und gleichzeitig die Medien die Teilnehmerzahlen immer weit unter den Netzberichten ansiedeln, ohne aber selbst verlässliche Quellen zu haben. Netzangaben zufolge waren es deutlich mehr als 3000 Leute (unverifiziert), der Haken war dabei nur, dass diese 3000 wohl bei der Sammelstelle waren, aber niemand mehr zum Kundgebungsplatz konnten, da die Bereitsschaftspolizei und die Milizen alles abgeriegelt hatte (bestätigt).
Zum Thema: "Mit ungeheurer Wucht fegen in diesen Tagen die nutzergesteuerten Medien Youtube, Twitter und Facebook die guten, alten Nachrichtenkanäle beiseite, die prinzipiell in strittigen Fällen am liebsten doppelt abgesichertes Wissen in Umlauf bringen." braucht es wohl keinen weiteren Kommentares. Die ZEIT ist hier eine der letzten verbliebenen Bastionen, die etwas mehr Recherche betreibt statt ungeprüft Inhalte zu übernehmen. Das ist ja das Problem der "klassischen Medien", die sich so gern als "professionelle Journalisten" sehen. In vielen Fällen sind sie nur noch Recycler von Agenturmeldungen, die klassischen Aufgaben des Journalismus werden idR nur noch in den Kommentaren wahrgenommen. Das ist mir (und vielen anderen) einfach zu wenig.
Haben wir doch alle gemerkt? Doch Masshalten ist eben höchste Tugend, also Kunst.
Ich denke, der kurze Clip hat das Potential, zum nachhaltigen Sinnbild für den mutigen Widerstand des iranischen Volkes und die Brutalität des Regimes zu werden. Das ist das eigentlich entscheidende daran. Man erinnere sich nur an die vielen Bildsymbole des letzten Jahrhunderts, die das Bewusstsein ganzer Generationen verändert haben. Und zu fast keinem dieser Bilder existiert nicht auch die entsprechende "Verschwörungshypothese": Alles gestellt, aus dem Kontext gerissen, falsche Angaben zu den Umständen.
Wichtig ist nicht die lückenlose Beweisbarkeit der Authentizität des Bildmaterials, sondern der Umstand, dass solche Informationen überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen können. Das hätten die "seriösen" Medien ihrer Berichterstattung voranstellen müssen und nicht der entschuldigend-verzagte Hinweis, man wüsste nicht genau ... Denn verwendet haben sie das Material ja doch. Selbst in der Tagesschau gestern abend wurde der Clip gezeigt.
Insofern hat Jan Schulz-Ojalas Artikel den Punkt, um den es bei dieser Berichterstattung "von unten" geht, sehr genau beschrieben.
... der Artikel ist leider nicht auf der Höhe vernünftiger Medienkritik.
Wer am Samstag die Vorgänge verfolgt hat, weiß, dass der Zeugenbericht des namenlosen Arztes die ersten Videopostings begleitet hat.
Hadi Ghaemi hat anscheinend auch nur diese Berichte wiederholt.
Es gibt mehrere Versionen, einmal ist sie mit Professor und Kommilitonen unterwegs, einmal mit ihrem Vater (scheint mir einleuchtender - es gibt ein Video vom selben Tag, in dem sie sehr dicht neben dem Mann im Ringelshirt steht, der sie später auffängt). In einer Version ist sie 27, in einer anderen erst 16. Der Familienname schwankt zwischen Soltani und Agha-Soltan.
Hauptsache aber: das verbreitete Passfoto ist offenbar falsch. Es stammt aus Facebook, und auf Nachfrage hat sich die Inhaberin des Profils gemeldet: Ja, sie trage den gleichen Namen wie das Opfer, aber sie sei am Leben.
Quelle: http://www.memoirevive.tv...
Das zeigt sehr gut sowohl Stärken als auch Schwächen des Netzjournalismus. Schnelligkeit, auch in Falschmeldungen, Unsicherheit, und wiederum die Fähigkeit zur Korrektur.
Wenn man freilich meint, die Welt wisse es genauer, weil es der Boulevard gedruckt hat - nun denn, nächste Folge nach der Werbung.
Genau das finde ich ja auch - und das schlimme ist. Dieser Artikel hier ist noch vergleichsweise positiv den neuen Medienwegen gegenüber.
Perfekt wäre doch eine Ergänzung: die Geschichte hinter verschiedenen Geschehnissen auszugraben, zu recherchieren und journalistische Arbeit zu leisten.
Stattdessen liest man immer nur die Fakten die man mit 1min Google auch selbst findet und eh überall (im gleichen Tonfall) zu lesen ist. Das braucht kein Mensch mehr, vielleicht kommt das irgendwann bei den Medienhäusern auch mal an.
Natürlich stecken die klassischen Medien in einem Dilemma (siehe Kommentar #11), nur ist das zum Teil auch selbstverschuldet: Sie wurden und werden nicht müde die Qualität der "neuen Medien" (Bloggs, Twitter & Co.) herunterzureden und -schreiben und sich als den professionellen Qualitätsjournalismus zu preisen, der knallhart recherchiert und nicht so ein dahingeschluderter Billigdreck ist. Ironischerweise ist das vor allem bei den Onlineablegern etablierter Medienprodukten genauso. Da werden ungeprüft Meldungen von Nachrichtenagenturen durchgereicht (ich erinner an den G8-Gipfel), gibt es Tippfehler usw., werden seitenlange Bildstrecken (zum Aufpolieren der W...vorlage IVW-Statistik) mit frei erfundenen Unterschriften "betextet" und in scheinbare Zusammenhänge gebracht (siehe SpOn-Bildstrecke zum Iran am Wochenende) usw.
Ok, ist kostenlos, da darf man vielleicht nicht viel erwarten. Nur a) färbt das "Billig-Image" auch auf den Printableger ab (geht mir zumindest beim Spiegel so) und b) sollte man dann nicht wie wild mit dem Finger auf andere zeigen. Glashause, Steine und so.
Was den Iran angeht meide ich die deutschen Medien mittlerweile großteils. Auch wenn der Twitter-Liveblog der Zeit nicht sooo oft aktualisiert wird wie z.b. der beim Guardian (mit Blogs will ich es gar nicht vergleichen, das wäre unfair) - super Sache, wollte ich noch mal loswerden!
Was ich klasse fände, wäre kostenpflichtiger, aber bezahlbarer (zumindest die reinen Produktionskosten sind ja auch weitaus geringer), Online-Qualitätsjournalismus.
Genau das finde ich ja auch - und das schlimme ist. Dieser Artikel hier ist noch vergleichsweise positiv den neuen Medienwegen gegenüber.
Perfekt wäre doch eine Ergänzung: die Geschichte hinter verschiedenen Geschehnissen auszugraben, zu recherchieren und journalistische Arbeit zu leisten.
Stattdessen liest man immer nur die Fakten die man mit 1min Google auch selbst findet und eh überall (im gleichen Tonfall) zu lesen ist. Das braucht kein Mensch mehr, vielleicht kommt das irgendwann bei den Medienhäusern auch mal an.
Natürlich stecken die klassischen Medien in einem Dilemma (siehe Kommentar #11), nur ist das zum Teil auch selbstverschuldet: Sie wurden und werden nicht müde die Qualität der "neuen Medien" (Bloggs, Twitter & Co.) herunterzureden und -schreiben und sich als den professionellen Qualitätsjournalismus zu preisen, der knallhart recherchiert und nicht so ein dahingeschluderter Billigdreck ist. Ironischerweise ist das vor allem bei den Onlineablegern etablierter Medienprodukten genauso. Da werden ungeprüft Meldungen von Nachrichtenagenturen durchgereicht (ich erinner an den G8-Gipfel), gibt es Tippfehler usw., werden seitenlange Bildstrecken (zum Aufpolieren der W...vorlage IVW-Statistik) mit frei erfundenen Unterschriften "betextet" und in scheinbare Zusammenhänge gebracht (siehe SpOn-Bildstrecke zum Iran am Wochenende) usw.
Ok, ist kostenlos, da darf man vielleicht nicht viel erwarten. Nur a) färbt das "Billig-Image" auch auf den Printableger ab (geht mir zumindest beim Spiegel so) und b) sollte man dann nicht wie wild mit dem Finger auf andere zeigen. Glashause, Steine und so.
Was den Iran angeht meide ich die deutschen Medien mittlerweile großteils. Auch wenn der Twitter-Liveblog der Zeit nicht sooo oft aktualisiert wird wie z.b. der beim Guardian (mit Blogs will ich es gar nicht vergleichen, das wäre unfair) - super Sache, wollte ich noch mal loswerden!
Was ich klasse fände, wäre kostenpflichtiger, aber bezahlbarer (zumindest die reinen Produktionskosten sind ja auch weitaus geringer), Online-Qualitätsjournalismus.
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