Kann man Leben und Sterben bis ins Letzte rechtlich regeln, auch in den Grenzbereichen der Medizin? Diese schwierige ethische Frage begleitete die jahrelange Debatte über die Patientenverfügungen bis zum Schluss. Und doch befand am Ende eine überraschend klare Mehrheit im Bundestag, dass man dem Willen des Einzelnen, über sein eigenes Ende selbst zu bestimmen, durch ein Gesetz Verbindlichkeit geben sollte. Und das aus gutem Grund.

Denn viele Menschen schreckt die Vorstellung, irgendwann einmal schwer krank oder nach einem Unfall bewusstlos an Maschinen angeschlossen zu sein, die sie am Leben erhalten – ohne selbst noch entscheiden zu können, ob sie dies wollen, oder ob sie lieber dem Sterben seinen Lauf lassen würden. Neun Millionen Deutsche haben deshalb bereits eine Verfügung unterschrieben, in der sie im Vorhinein bestimmen, ob und in welchen Fällen Ärzte die Behandlung fortsetzen sollen oder nicht.

Nur konnten sie sich bisher nicht darauf verlassen, dass dies – wenn es darauf ankommt – tatsächlich gilt. Denn im Zweifelsfall, wenn etwa keine Angehörigen da sind, die auf die Einhaltung pochen, entschieden dann doch die Ärzte oder Gerichte. Und dies sehr unterschiedlich.

Das Gesetz, das nun nach intensiver, leidenschaftlicher Debatte angenommen wurde, schafft hier weitgehende Rechtsklarheit. Danach gilt grundsätzlich die Patientenverfügung, wenn sie schriftlich verfasst ist. Liegt keine Verfügung vor oder trifft sie erkennbar auf die konkrete Krankheitssituation nicht zu, sollen ein Betreuer und der Arzt den mutmaßlichen Willen des Patienten ermitteln. Die Betroffenen können sich also weit stärker darauf verlassen, dass ihr Wille in Zukunft auch dann wirklich zählt, wenn sie sich selbst nicht mehr äußern können. Das wird noch mehr Menschen ermuntern, Vorkehrung für den Fall der Fälle zu treffen und ebenfalls eine Patientenverfügung zu verfassen.

Dennoch lässt das Gesetz eine Reihe von Fragen offen. Denn falls keine schriftliche Festlegung vorliegt und Arzt und Betreuer sich nicht einigen können, werden wohl auch in Zukunft Vormundschaftsgerichte entscheiden müssen. Und auch dann, wenn die schriftliche Verfügung den konkreten Fall gerade nicht regelt.

Bedenklicher noch ist jedoch, dass die Verfügung auch dann gelten soll, wenn die Krankheit nicht mit Bestimmtheit zum Tode führen wird. Natürlich ist es das gute Recht eines jeden zu entscheiden – auch im Vorhinein –, wie viele Schmerzen er am Ende ertragen will und welche Behandlung, zum Beispiel mit künstlicher Ernährung oder Beatmung, er sich zumuten möchte. Die Würde des Menschen ist hier auch die Würde des Patienten. Aber wer kann als medizinischer Laie schon überblicken, ob er nicht auch nach einer schweren Krankheit oder Verletzung ein Leben in Würde fortsetzen könnte? Die Grenzen zur (passiven) Sterbehilfe sind hier durchaus fließend.

Ratsam wäre deshalb, dass sich jeder, bevor er eine Patientenverfügung verfasst, von einem Arzt seines Vertrauens eingehend beraten lässt. Dies sieht das Gesetz nicht vor. Und die Verfügung sollte in Abständen überprüft und gegebenenfalls erneuert werden. Denn der Wille des Menschen kann sich ändern – genauso wie die medizinischen Möglichkeiten.