Es nieselt ein wenig an diesem Abend, ihre Frisur ist hin. Das ist aber immer noch besser, als die Mütze zu tragen, die sie dabei hat. Ihre langen Haare sollen gesehen werden. Von Männern.

Sie heißt Sandra, ist 31 Jahre alt, Prostituierte, sie schaut die Oranienburger Straße entlang, Schmollmund, volles Dekolleté, doch all das nützt ihr seit Monaten immer weniger. Die Nachfrage nach der Ware Sex schwankt. Wie die nach Autos.

Läuft die Konjunktur gut, geben Männer viel Geld dafür aus. Nach Schätzungen der Gewerkschaft Verdi, die auch Sexarbeiter vertritt, rund 14,5 Milliarden Euro im Jahr. Doppelt so viel, wie alle Elektriker Deutschlands umsetzen.

Läuft die Konjunktur schlecht, tobt unter Huren, wie sich viele Prostituierte selbst bezeichnen, der Preiskampf. Elektriker können von Konjunkturhilfen profitieren, Autobauer von der Abwrackprämie. Auf Sandra stolpert ein Mann zu, in der Hand einen Zehn-Euro-Schein und ein paar Münzen.

"Mehr hab’ ich nicht", sagt er, er will feilschen, will wissen, was er dafür bekommt. Sandra klingt beleidigt. Sie sehe doch gut aus. Wenigstens stilecht: weiße Leggins, weiße Stiefel, ein weißes Kunstlederkorsett auf gebräunter Haut.

Zehn Euro. Hier in der Gegend, in Berlin-Mitte, bekommt man zwei, drei Bier dafür. Oder ein Eisbein.

Angefangen hat Sandra vor einem Jahr, wegen des scheinbar schnellen Geldes. Die Friseurin mochte ihren früheren Beruf nicht. "Zu wenig Geld!" Etwa 800 Euro netto hat sie als Vollzeit-Haarschneiderin im Monat bekommen. Sex hingegen, sagt sie, hatte sie immer gern, dazu einen Hang zum Exhibitionismus.

Zunächst arbeitete Sandra in einem Bordell in Mitte. Dort aber habe es bald Streit gegeben. Kolleginnen, "zickige Mädchen", hätten sie bei der Chefin, "man würde Puffmutter sagen", angeschwärzt. Sie bediene die Kunden nicht ordentlich. "Und, dass ich stundenlang das Bad blockiere", sagt Sandra. Ihr Bordellzimmer wurde vergeben. An eine Ungarin.

Dann eben die Straße. Doch hier – selbst hier –, auf dem stadtbekannten Oranienburger-Straßen-Strich, hat Sandra inzwischen kaum zwei Freier pro Nacht. "Nur noch Touristen." Macht zusammen 100 Euro, wenn sie die Standards anbietet: normaler Geschlechtsverkehr, vorher oral. Und das nach stundenlangem Warten. Seit Jahresanfang bleiben die sonst so verlässlichen, einheimischen Stammfreier weg. Mehr als "20 Prozent weniger Kunden", sagt Sandra.

Aus dem Traum vom schnellen Geld wurde das Warten auf "ein paar Euro".

Das ist merkwürdig, denn die Bereitschaft der Deutschen zum Geldausgeben wurde – nach einem Einbruch im vergangenen Sommer – seit Herbst langsam, aber stetig wieder größer. Zu diesem Befund kommt jedenfalls die Gesellschaft für Konsumforschung, Deutschlands größtes Marktforschungsinstitut.

Stimmen dessen Untersuchungen, dann hat der Umsatzeinbruch Sandra – und mit ihr die gesamte Prostitutionsindustrie – ein halbes Jahr später als andere Branchen erreicht. Und er hat sich festgesetzt.

"Männer gehen seltener zu Prostituierten", sagt auch Richard Reichel, Ökonom an der Universität Erlangen-Nürnberg und Autor der Studie "Prostitution – der verkannte Wirtschaftsfaktor". Reichel geht von zehn Prozent weniger Umsatz als in Vorkrisenzeiten aus, einige Bordellbetreiber sprechen von 30 Prozent. Nur "hochpreisigere Damen", die zum Beispiel für sogenannte Escortservices arbeiten, verdienen weiterhin gut.