Twitter Die Medien-Revolution, die keine ist
Wenn es um den "Kurzmitteilungsdienst" geht, schwanken Medien zwischen Häme und Jovialität. Hartnäckig hält sich das Missverständnis, Twitter selbst sei ein Medium
Wenige Fragen wurden in den vergangenen Monaten so ironiefrei und letztlich auch so ergebnislos diskutiert wie der Sinn und Unsinn von Twitter. Dabei wären die Wechselwirkungen zwischen Journalismus und dem Ökosystem rund um Twitter, Friendfeed und Facebook ein spannendes Thema. Auch wenn es vielleicht etwas vollmundig war, den Aufstand in Iran eine „Twitter-Revolution“ zu nennen, hat er gezeigt, wie schnell sich Microblogging über Länder- und Kulturgrenzen hinweg ausbreitet und wie viele Menschen es erreicht.
Die Diskussion über diese – nicht mehr so neuen – Plattformen leidet an zwei gängigen Missverständnissen: der Annahme, Twitter könne nach den Maßstäben klassischer Medien beurteilt werden, und der Auffassung, Twitter transportiere vorwiegend Banales und Privates und sei deswegen irrelevant.
Um Twitter richtig einzuordnen, muss man zuerst verstehen, dass nicht jeder, der twittert, auch für alle sendet. Man kann mitlesen, das ist richtig; verhältnismäßig wenige Twitter-Nutzer machen von der Möglichkeit Gebrauch, ihre Updates durch ein Passwort zu schützen. Doch bedeutet die öffentliche Einsehbarkeit noch nicht, dass der Absender den Anspruch erhebt, Mitteilungen von öffentlichem Nachrichtenwert zu machen. Die meisten Nutzer von Twitter würden bei dieser Idee schmunzeln.
Wer twittert, was es heute zum Frühstück gab, will allenfalls Freunde und Bekannte daran teilhaben lassen. Man stolpert über solche Befindlichkeitsmeldungen, muss aber nicht weiter mitlesen oder gar ein Follower der jeweiligen Person werden – eine Art Abonnent mit Gegensprechanlage.
Auch im analogen Leben lässt es sich nicht vermeiden, an privaten Gesprächen teilzuhaben, die eine fremde Person am Handy führt. Selten geht es dabei um tiefschürfende Fragen; fast immer um Liebe, Beruf, Alltag. Das mag einem als unfreiwilliger Mithörer in der Straßenbahn auf die Nerven gehen. Mobiltelefonie als solche stellt es aber nicht infrage.
Missversteht man erst einmal das Grundbedürfnis, aus dem heraus Millionen Menschen twittern, kommt man fast zwangsläufig zu dem Ergebnis, Twitter organisiere und kultiviere Geschnatter, sonst aber nicht viel. Eine kuriose Dramaturgie nimmt ihren Lauf: Im ersten Akt hält ein Journalist sein Stöckchen hin. Er tadelt also Twitter als profan, albern, privat, gar unbedeutend. Im zweiten Akt springen Twitter-Nutzer hordenweise über das Stöckchen und echauffieren sich in neuen Twitter-Einträgen. Dritter Akt: Der Journalist, manchmal noch etwas ungeübt in der direkten Kommunikation mit seinen Lesern, steht bis zu den Knien in bösen Kommentaren, fühlt sich bestätigt, aber gekränkt und tritt den Rückzug an.
So kurzweilig das Ritual von Gejammer und Gegengejammer sein mag – der wesentliche Punkt ist die journalistische Fehleinschätzung, die dem ersten Akt vorangeht und das fruchtlose Durcheinander erst verursacht. Journalisten neigen dazu, neue technologische Entwicklungen daran zu messen, was sie bereits kennen. Ein gesunder Reflex. Nur haben die Medien traditioneller Prägung, in denen sie sich zu Hause fühlen, bislang mit Blogs, Twitter oder Facebook bestenfalls am Rande zu tun.
- Datum 03.09.2009 - 17:03 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 10
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Es wurde wirklich Zeit, dass auch das Verhalten der traditionellen Medien unter die Lupe genommen wird. Für mich ist deren Arroganz in Bezug zu Twitter nur ein Zeichen von Angst. Gerade in Deutschland haben es die traditionellen Medien versäumt das Internet für sich zu nutzen und versuchen stattdessen dagegen zu arbeiten.
Speziell bei Twitter gibt mir das Verhalten Rätsel auf. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, dass irgendwer behauptet hätte, alles was bei Twitter steht hat einen Wahrheitsgehalt von 100% bzw. sei politisch wertvoll. Jedoch wird es von den traditionellen Medien immer so dargestellt. Anscheinend um deren eigene Wichtigkeit zu verdeutlichen.
Vielleicht sollten die traditionellen Medien einfach etwas aufgeschlossener gegenüber dem Internet bzw. Twitter sein und lernen es für sich zu nutzen. Dann brauchen sie auch nicht mehr so viel Angst davor zu haben. Ich hab ja schließlich auch keine Angst vor einer Zeitung, nur weil dort Dinge drin stehen, die ich vielleicht nicht gut finde. ;-)
"Nur haben die Medien traditioneller Prägung, in denen sie sich zu Hause fühlen, bislang mit Blogs, Twitter oder Facebook bestenfalls am Rande zu tun."
Ich schwanke in diesem Artikel zwischen Widerstand und Staunen. Dieser Satz ist medientheoretisch falsch. Der gesamte Artikel ist eine technologische Untersuchung, nicht eine medienwissenschaftliche. Nimmt man das allerdings an, funktioniert der Text gut.
Die Zeit hat sich, so weit ich die letzten Jahre überblicken kann, nicht gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie diese neuen Medien adäquat, das heißt fern von Technik-Fanboys und Marketingautoren, das heißt wissenschaftlich und technologisch, interpretiert hat. Einmal mehr frage ich mich, was die Redakteure davor zurückhält nicht nur die Urheberrechtsfragen, sondern auch diese neuen Spielzeuge, die sich so leicht definieren lassen, sorgsam und nicht nur, wie das der tagesspiegel mit dem Fernsehen kürzlich tat, effektvoll zu inszenieren.
Aber möglicherweise kann ein Massenmedien wie Die Zeit nicht anders als neue Medienformen erstmal zu verunglimpfen, misszuverstehen. Ich denke hierbei auch an die Propheten, die glauben, dass die digitalen Medien die nichtdigitalen Medien verdrängen werden.
Ein Medium ist ein Übertragungskanal für Informationen.
Wer eine Twitter Message ließt, nimmt damit Informationen vom Schreiber entgegen.
Damit ist Twitter ein Medium.
Die Tatsache, dass man versucht, Twitter den "Medienstatus" abzuerkennen, versetzt mich in Staunen.
Medium hat keine qualifizierende Bedeutung. Und wenn, dann wäre so manch ein Boulevardblatt kein Medium mehr.
Sehr seltsamer Text.
Demnächst ist noch gesprochene Sprache und das Telefon kein Medium mehr...
@KFlash: Wenn Sie sagen, dass "Medium (...) keine qualifizierende Bedeutung" hat, dann mag das aus einer theoretischen Position heraus zutreffen. Im Sprachgebrauch und im Verständnis von vielen Journalisten ist das Wort aber doch klar besetzt, mit einer anderen Wertigkeit. Medium fängt da nicht schon beim Telefon an, sondern übersetzt sich eher, ganz salopp gesagt, als "was mit Journalismus". Das Interessante ist ja, dass Twitter selbst dieser "Medienstatus" herzlich egal sein kann. Die Idee war nie, etwas zu schaffen, was Medien traditionellen Zuschnitts folgt (Twitter wäre auch nie so erfolgreich geworden). Vielleicht haben Sie mich missverstanden, wenn Sie meinen Artikel so lesen, dass ich Twitter irgendetwas absprechen will. Twitter wird nur immer wieder fehlinterpretiert, weil ein ganz bestimmter Medienbegriff, der nicht passt, als Messlatte verwendet wird.
@nichtdasbild #2: Siehe auch meinen Kommentar #4. Wenn in diesem Artikel das Wort "Medien" fällt, dann nicht im Kontext einer medientheoretischen Erörterung, sondern mit Blick darauf, wie dieser Begriff im Alltag, bspw. unter Journalisten, belegt ist. Für Journalisten verbindet sich i.d.R. doch mehr damit als nur ein Kanal. Das ist wiederum relevant für die Berichterstattung über Internetthemen, da aus Begriffen wie Medien und einem bestimmten Verständnis davon Maßstäbe abgeleitet werden - nicht immer treffende, wie ich meine.
Im Sumpf der Zeit-Artikel, die vor internet-bashing und Ahnungslosigkeit Wefing'scher Dimension nur so triefen - hier dann mal ein selbstkritischer, erkenntnissuchender Journalist. Und dann wird auch noch auf Leserkommentare geantwortet (bitte diese Option des Feedbacks auf - oftmals gute - Leserbeiträge an Wefing und andere Unbelehrbare aus der Redaktion der Holzausgabe ihrer Zeitung weitergeben)
Die Zeit doch noch nicht abschreiben? Es bleibt spannend.
Nachdem ich heute morgen mit Nackensteifigkeit aufgrund Dauerkopfschüttelns über Ihren Kollegen Denso und sein vogelwildes Geschreibsel über die "Netzgemeinde" aufgewacht bin, hätte ich mit einem nicht gerechnet: diesem Artikel hier.
Unter all den fast schon stutenbissig anmutenden Versuchen deutscher Qualitätsjournalisten, sich mit dem Phänomen Twitter auseinanderzusetzen, eine echte Wohltat.
Und wie mein Vorredner schon anerkennend bemerkte, dass Sie sich auch mit den Kommentaren auseinandersetzen, ist erfreulich.
sondern das Web 2.0 mit Blogs, Wikis, Twitter und vielem mehr. Leider haben viele aus der Generation 40++ - nicht alle! - das nicht verstanden, was da vorgeht. Journalisten gehören fast immer dazu, Journalisten sind durchschnittlich über 40. Ich denke, hier liegt der Hauptgrund, warum Arbeitsweisen des Web2.0 bis heute kaum Einzug in Unternehmen gehalten haben - weil die Entscheider 40++ keine Ahnung haben, wie sie damit umgehen sollen. Eine Ausnahme ist vllt Heribert Prantl, der eine Zusammenarbeit zwischen Bloggern und JOurnalisten vorgeschlagen hat.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren