Die Medien-Revolution, die keine ist
Es geht aber nicht mehr um Medien, es geht um „Plattformen“. Um sie zu nutzen, muss niemand in teure Druckerpressen investieren oder Fernsehsender aufbauen. Plattformen sind breiter und in den meisten Fällen auch offener aufgestellt, ihre Verwendungsmöglichkeiten sind vielfältiger, als es klassische Kanäle wie Print, TV und Hörfunk je sein werden. Die Raison d'être einer Plattform ist dazu eine völlig andere. Entsprechend skurril fällt das Ergebnis aus, wenn man YouTube mit der Tagesschauund Twitter mit einer Zeitung vergleicht.
Auch die Kritik, Twitter transportiere „ungeprüfte“ Nachrichten, basiert letztlich auf diesem Missverständnis. Journalisten werden seit jeher mit ungeprüften Informationen überschüttet. Wer käme auf die Idee, deshalb die technischen Vertriebswege selbst, etwa Telefon, E-Mail oder sogar die journalistische Technik des Hintergrundgesprächs infrage zu stellen?
Ähnlich verhält es sich inzwischen mit Twitter, das in der Iran-Berichterstattung unverzichtbar geworden ist. Es bleibt auch in Zukunft unverzichtbar, Informationen zu verifizieren oder ihren ungeprüften Charakter wenigstens kenntlich zu machen. Hält man sich an diese bewährte Methode und widersteht der Versuchung, jede angebliche „News“ weiterzutrompeten, ist Twitter eine mächtige Quelle. Mächtig eben auch, weil es als offene Plattform von diktatorischen Regimes nur schwer mit einem Knopfdruck mundtot gemacht werden kann.
Interessant sind die Parallelen zu Weblogs, denen es ähnlich erging, als sie vor einigen Jahren populär wurden. Nüchtern besehen nichts als einfach bedienbare, gut vernetzte Publikationswerkzeuge, die jeder nach Belieben bespielen kann, wurden sie prompt zu Gegenmedien hochhysterisiert. Wenn Journalisten hin und wieder noch „die Blogger“ sagen, ist es denn auch ein verräterische Formulierung. Die da drüben.
Die oft von Überheblichkeit geprägte Berichterstattung über Twitter ist Teil eines größeren Dilemmas traditioneller Medien. Als Berichtsgebiet ist das Internet nicht nur ähnlich komplex wie die Finanzkrise oder das Thema Afghanistan – in der Lebenswirklichkeit vieler Menschen, die ihr Geld in Berufen verdienen, die es vor 15 Jahren noch nicht gab, hat das Internet auch eine ähnlich hohe Relevanz. In ihrem Netz, das sie als vielschichtig und in konstantem Wandel erleben, geht es primär um Chancen, um Entdeckungen. Nicht um Terroristen, Pädophile oder Bücherdiebe. Und durchaus auch nicht immer – um Twitter.
Dass klassische Medien in dieser Debatte keinen Fuß auf den Boden bekommen, liegt großenteils an der analytischen Schlichtheit des bisher Vorgetragenen. Wenn es darum ging, die Twitter-Diskussion mit „Tschilp, tschilp, bla, bla“ und Klowand-Vergleichen zu polarisieren: Mission accomplished. Doch journalistisch besehen war die Twitter-Berichterstattung in deutschen Leitmedien ein Dokument der Ahnungslosigkeit. Diese Prognose darf man wagen: Auch der nächsten Internet-Technologie, die man durchs Dorf treibt, wird es nicht besser ergehen.
- Datum 25.6.2009 - 13:17 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Es wurde wirklich Zeit, dass auch das Verhalten der traditionellen Medien unter die Lupe genommen wird. Für mich ist deren Arroganz in Bezug zu Twitter nur ein Zeichen von Angst. Gerade in Deutschland haben es die traditionellen Medien versäumt das Internet für sich zu nutzen und versuchen stattdessen dagegen zu arbeiten.
Speziell bei Twitter gibt mir das Verhalten Rätsel auf. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, dass irgendwer behauptet hätte, alles was bei Twitter steht hat einen Wahrheitsgehalt von 100% bzw. sei politisch wertvoll. Jedoch wird es von den traditionellen Medien immer so dargestellt. Anscheinend um deren eigene Wichtigkeit zu verdeutlichen.
Vielleicht sollten die traditionellen Medien einfach etwas aufgeschlossener gegenüber dem Internet bzw. Twitter sein und lernen es für sich zu nutzen. Dann brauchen sie auch nicht mehr so viel Angst davor zu haben. Ich hab ja schließlich auch keine Angst vor einer Zeitung, nur weil dort Dinge drin stehen, die ich vielleicht nicht gut finde. ;-)
"Nur haben die Medien traditioneller Prägung, in denen sie sich zu Hause fühlen, bislang mit Blogs, Twitter oder Facebook bestenfalls am Rande zu tun."
Ich schwanke in diesem Artikel zwischen Widerstand und Staunen. Dieser Satz ist medientheoretisch falsch. Der gesamte Artikel ist eine technologische Untersuchung, nicht eine medienwissenschaftliche. Nimmt man das allerdings an, funktioniert der Text gut.
Die Zeit hat sich, so weit ich die letzten Jahre überblicken kann, nicht gerade dadurch ausgezeichnet, dass sie diese neuen Medien adäquat, das heißt fern von Technik-Fanboys und Marketingautoren, das heißt wissenschaftlich und technologisch, interpretiert hat. Einmal mehr frage ich mich, was die Redakteure davor zurückhält nicht nur die Urheberrechtsfragen, sondern auch diese neuen Spielzeuge, die sich so leicht definieren lassen, sorgsam und nicht nur, wie das der tagesspiegel mit dem Fernsehen kürzlich tat, effektvoll zu inszenieren.
Aber möglicherweise kann ein Massenmedien wie Die Zeit nicht anders als neue Medienformen erstmal zu verunglimpfen, misszuverstehen. Ich denke hierbei auch an die Propheten, die glauben, dass die digitalen Medien die nichtdigitalen Medien verdrängen werden.
Ein Medium ist ein Übertragungskanal für Informationen.
Wer eine Twitter Message ließt, nimmt damit Informationen vom Schreiber entgegen.
Damit ist Twitter ein Medium.
Die Tatsache, dass man versucht, Twitter den "Medienstatus" abzuerkennen, versetzt mich in Staunen.
Medium hat keine qualifizierende Bedeutung. Und wenn, dann wäre so manch ein Boulevardblatt kein Medium mehr.
Sehr seltsamer Text.
Demnächst ist noch gesprochene Sprache und das Telefon kein Medium mehr...
@KFlash: Wenn Sie sagen, dass "Medium (...) keine qualifizierende Bedeutung" hat, dann mag das aus einer theoretischen Position heraus zutreffen. Im Sprachgebrauch und im Verständnis von vielen Journalisten ist das Wort aber doch klar besetzt, mit einer anderen Wertigkeit. Medium fängt da nicht schon beim Telefon an, sondern übersetzt sich eher, ganz salopp gesagt, als "was mit Journalismus". Das Interessante ist ja, dass Twitter selbst dieser "Medienstatus" herzlich egal sein kann. Die Idee war nie, etwas zu schaffen, was Medien traditionellen Zuschnitts folgt (Twitter wäre auch nie so erfolgreich geworden). Vielleicht haben Sie mich missverstanden, wenn Sie meinen Artikel so lesen, dass ich Twitter irgendetwas absprechen will. Twitter wird nur immer wieder fehlinterpretiert, weil ein ganz bestimmter Medienbegriff, der nicht passt, als Messlatte verwendet wird.
@nichtdasbild #2: Siehe auch meinen Kommentar #4. Wenn in diesem Artikel das Wort "Medien" fällt, dann nicht im Kontext einer medientheoretischen Erörterung, sondern mit Blick darauf, wie dieser Begriff im Alltag, bspw. unter Journalisten, belegt ist. Für Journalisten verbindet sich i.d.R. doch mehr damit als nur ein Kanal. Das ist wiederum relevant für die Berichterstattung über Internetthemen, da aus Begriffen wie Medien und einem bestimmten Verständnis davon Maßstäbe abgeleitet werden - nicht immer treffende, wie ich meine.
Im Sumpf der Zeit-Artikel, die vor internet-bashing und Ahnungslosigkeit Wefing'scher Dimension nur so triefen - hier dann mal ein selbstkritischer, erkenntnissuchender Journalist. Und dann wird auch noch auf Leserkommentare geantwortet (bitte diese Option des Feedbacks auf - oftmals gute - Leserbeiträge an Wefing und andere Unbelehrbare aus der Redaktion der Holzausgabe ihrer Zeitung weitergeben)
Die Zeit doch noch nicht abschreiben? Es bleibt spannend.
Nachdem ich heute morgen mit Nackensteifigkeit aufgrund Dauerkopfschüttelns über Ihren Kollegen Denso und sein vogelwildes Geschreibsel über die "Netzgemeinde" aufgewacht bin, hätte ich mit einem nicht gerechnet: diesem Artikel hier.
Unter all den fast schon stutenbissig anmutenden Versuchen deutscher Qualitätsjournalisten, sich mit dem Phänomen Twitter auseinanderzusetzen, eine echte Wohltat.
Und wie mein Vorredner schon anerkennend bemerkte, dass Sie sich auch mit den Kommentaren auseinandersetzen, ist erfreulich.
sondern das Web 2.0 mit Blogs, Wikis, Twitter und vielem mehr. Leider haben viele aus der Generation 40++ - nicht alle! - das nicht verstanden, was da vorgeht. Journalisten gehören fast immer dazu, Journalisten sind durchschnittlich über 40. Ich denke, hier liegt der Hauptgrund, warum Arbeitsweisen des Web2.0 bis heute kaum Einzug in Unternehmen gehalten haben - weil die Entscheider 40++ keine Ahnung haben, wie sie damit umgehen sollen. Eine Ausnahme ist vllt Heribert Prantl, der eine Zusammenarbeit zwischen Bloggern und JOurnalisten vorgeschlagen hat.
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