Deutsche Volksparteien Die Zeit der Helden und Alpha-Tiere ist vorbei

Wie gehen die deutschen Volksparteien vor der Bundestagswahl mit der Charisma-Lücke an ihrer Spitze um? Eindrücke von einer christdemokratischen Obama-Bewältigung

Wer das Drama der Volksparteien begreifen will, sollte mal ein paar Minuten Gordon Brown dabei zusehen, wie er versucht, über YouTube mit britischen Jungwählern Kontakt aufzunehmen, und sich dabei selbst zum Narren macht. Hinterher empfiehlt sich, zum Spannungsabbau, die satirische Nachbearbeitung dieses Akts durch einen britischen Comedian. Oder, was auf etwas tragische Weise leider auch komisch ist, der deutsche Sozialdemokrat Hubertus Heil bei einer inzwischen ob ihres Scheiterns berüchtigten „Yes-we-can“-Übung auf einer SPD-Veranstaltung. Herrje, kann Politik grausam sein.

Und ungerecht, wie das Leben. Denn der gute Wille der demokratischen Politiker im wachsenden Schatten des weltweit zurzeit populärsten Amerikaners ist unübersehbar. Wie er will jeder und jede sein, aber er und sie sind es nicht. Die Volksparteien haben verstanden, dass irgendwann und irgendwo der Faden gerissen, der Kontakt zu den Wählern abgebrochen und die Brücke zurück in eine Zukunft mit absoluten Mehrheiten eingestürzt ist.

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Sie wollen dagegen was tun. Voll guter Vorsätze und auch voller Verzweiflung geloben sie Besserung. Sie suchen nach Wegen aus der Misere. Sie machen Krisenkonferenzen, Thinktank-Treffen und Kommunikationsseminare. Manche versuchen sich an alten Modellen und machen sich so auf ganz eigene Art zum Kaspar, wie Nicolas Sarkozy mit seinem postnapoleonischen Auftritt in Versailles.

Andere probieren Neues. Sie bloggen und twittern oder besuchen Facebook und YouTube. Das ist ein weites, unerforschtes und folglich auch nicht ungefährliches Feld, siehe die Erfahrung des britischen Premiers. Aber Barack Obama hat es auch gemacht und er war damit erfolgreich. Wieso klappt es nicht bei uns?

Wir sind wieder bei der großen europäischen Ratosigkeit, oder der "ratlosen Unruhe“, von der der Politologe Karl-Rudolf Korte spricht. Wo sind unsere Helden des Aufbruchs, der Hoffnung und des Wandels? "Das wäre ja die Basis für ein neues Geschäftsmodell“, spöttelte neulich in Washington ein amerikanischer Gewerkschafter, als wir am Rande einer Diskussion über transatlantische Beziehungen, veranstaltet von der Friedrich-Ebert-Stiftung, über die diversen Obama-Suchbewegungen in Europa sprachen: "Rent-an-Obama“. Eine politische Zukunftsbranche: Spitzenkandidaten zu mieten, die volle Häuser, hohe Einschaltquoten und schmerzfreie Auftritte im Internet garantieren, wetterfeste Männer und Frauen, die im Internet genauso gut rüberkommen wie bei Hausbesuchen, in Townhall-Meetings oder in Sportarenen, im Zwiegespräch so überzeugend wirken wie in Fernsehdebatten und die sogar dann Sympathieträger bleiben, wenn es im Wahlkampf auch mal härtere Bandagen gibt. Wenn gehackt und gehobelt wird.

Im ernsthaften, realen Leben geht es immerhin um die Frage, was man aus Amerikas Obama-Wahlwunder lernen kann (das Regierungswunder muss erst noch kommen). Die SPD denkt darüber vermutlich in ihren diversen Gremien nach, soweit diese strategische Überlegungen überhaupt für ihre Aufgabe halten. Die CDU, die unter den populistischen Zeitläuften deutlich weniger leidet, grübelt allem Anschein nach aber mehr, zumindest öffentlich.

Dabei geht’s zum Teil ganz ordentlich zur Sache. Auf einer zweitägigen internationalen Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin (Thema: Neue Trends der politischen Kommunikation in Amerika und Europa) debattierten CDU-Funktionäre, Meinungsforscher und Wahlkampfexperten über die neuen Taktiken und Strategien, über Zielgruppen und Segment-Botschaften, über Botschaften und Personal, auch über den Mangel an beidem. Aus Den Haag und aus London hatte man sich Experten aus den befreundeten Parteien eingeladen, aus Amerika mit Jim Margolis immerhin einen renommierten Obama-Helfer. Bush hin, McCain her, man wollte vom Sieger hören, wie man in den modernen Zeiten siegt. Und unter den deutschen Referenten trugen vor allem der aus Funk und Fernsehen inzwischen allseits bekannte Karl-Rudolf Korte und der Kampagnen-Veteran Peter Radunski zur Stimmung bei.

Leser-Kommentare
  1. Bevor unsere Politiker es mit Charisma versuchen, sollten sie sich zunächst eine Sache aneignen, die sicherlich gut bei den Wählern ankommt: Sachverstand.

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    Ich gebe ihnen vollkommen recht, dass Sachverstand bei den Politikern extremst wünschenswert wäre.
    Aber wenn ich mich an die Nachfolge von Herrn Glos (erinnern sie sich noch an diesen Bundesminister für Wirtschaft und Technologie?) erinnere, wurde von Parteifreunden gesagt, dass der Sachverstand nicht so wichtig wäre - er müsse erfahren in der Politik sein. Als ob man sinnvolle Entscheidungen ohne Sachverstand fällen könnte.

    Ich gebe ihnen vollkommen recht, dass Sachverstand bei den Politikern extremst wünschenswert wäre.
    Aber wenn ich mich an die Nachfolge von Herrn Glos (erinnern sie sich noch an diesen Bundesminister für Wirtschaft und Technologie?) erinnere, wurde von Parteifreunden gesagt, dass der Sachverstand nicht so wichtig wäre - er müsse erfahren in der Politik sein. Als ob man sinnvolle Entscheidungen ohne Sachverstand fällen könnte.

  2. "Wo sind unsere Helden des Aufbruchs, der Hoffnung und des Wandels?"

    Die heroischen Gesellschaften hatten ihre Kriegshelden.
    Die Bolschewiken kannten den "Helden der Arbeit".
    Der bestimmende Wesenszug postheroischer Gesellschaften ist, keine Helden hervorbringen zu können. Wie der Artikel zeigt, scheint dies ein Auslöser für die Krise ihres Selbstverständnisses zu sein.

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    Auch "heroische" Gesellschaften hatten keine Helden. Sie hatten lediglich Propagandafiguren, die zu solchen stilisiert wurden. Insofern haben sich heute nur die Propagandamittel geändert, nicht aber die Fähigkeit, "Helden" hervorbringen zu können.

    Auch "heroische" Gesellschaften hatten keine Helden. Sie hatten lediglich Propagandafiguren, die zu solchen stilisiert wurden. Insofern haben sich heute nur die Propagandamittel geändert, nicht aber die Fähigkeit, "Helden" hervorbringen zu können.

  3. "Ganz werde auch die friedfertige Frau Merkel nicht um Angriffsstrategien herumkommen, sagt er."

    Schon vergessen, dass Frau Merkel Bush in den Irak folgen wollte?

  4. Sind wir wieder im Jahr 1932 angelangt? Finanzkrisen, Bankenpleiten, Inflationssorgen, politischer Wirrwarr, Spaßgesellschaft, Arbeitslosigkeit, Preissteigerungen, Straßenkämpfe, Exportrückgang, rechte Schlägertypen, linke Protestkundgebungen -- die Liste lässt sich beliebig fortsetzen -- alles Dinge, die das Volk damals auf einen Führer warten ließen. Vielleicht gewinnen wir jetzt ein besseres Verständnis, warum das damals alles geschah, und warum wir jetzt keinen "Helden" brauchen.

    Ein Volk, das nichts aus seiner Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

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    > Ein Volk, das nichts aus seiner Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. <

    Es war das Versagen der Politik und Politiker in der Weimarer Republik, das Hitler möglich gemacht hat. Das "Volk" hat sicher mehr aus der Geschichte gelernt als einige "Politiker".

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

    > Ein Volk, das nichts aus seiner Geschichte lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. <

    Es war das Versagen der Politik und Politiker in der Weimarer Republik, das Hitler möglich gemacht hat. Das "Volk" hat sicher mehr aus der Geschichte gelernt als einige "Politiker".

    Gruß, Bernd
    *** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***

    • a.flex
    • 25.06.2009 um 20:37 Uhr

    Deutsche Politiker sollten aufhören, sich in Sachen Charisma mit dem amerikansichen Präsidenten zu vergleichen. Obama ist ein Redner, Politiker und Mensch, wie er (auch in Amerika) nur sehr sehr selten vorkommt. Seine Reden werden Schulkinder in Amerika noch in zweihundert Jahren in der Schule lesen.

    Man sollte auch mitbedenken, dass nur eine wirklich üble Zeit unter W. Bush Obamas Wahlsieg überhaupt möglich gemacht hat. Uns geht es trotz anhaltend hoher Arbeitslosigkeit bei weitem noch nicht schlecht genug, um eine solche 'Lichtgestalt' hervorzubringen.

    Ein bisschen Web2.0 und Youtube können der deutrschen Politik sicherlich nicht schaden. Aber sie werden auch nicht viel nützen.

  5. ...Inhalt primär. So sollte Politik auch eigentlich betrieben werden.
    Wir brauchen keinen Superhelden zu dessen Vorhaben überall Parolen gerufen werden, wir müssen die Basis für einen sachlichen Konsens haben.

    Von daher find ich Frau Merkel auch ganz angenehm, gerade durch ihre nicht so schillernde Persönlichkeit.

    Das CDU heutzutage nicht mehr gefürchtet wird ist bedenklich, in Zeiten von Stasi-Schäuble und Zensurursula sollte man verstärkt Acht geben.

    Aber wie war das noch? Der größte Trick des Teufels war die Menschen zu überzeugen, dass er nicht existiert?

    mfg
    f.zillo

  6. Ich gebe ihnen vollkommen recht, dass Sachverstand bei den Politikern extremst wünschenswert wäre.
    Aber wenn ich mich an die Nachfolge von Herrn Glos (erinnern sie sich noch an diesen Bundesminister für Wirtschaft und Technologie?) erinnere, wurde von Parteifreunden gesagt, dass der Sachverstand nicht so wichtig wäre - er müsse erfahren in der Politik sein. Als ob man sinnvolle Entscheidungen ohne Sachverstand fällen könnte.

    Antwort auf "Nicht so voreilig"
  7. Wir haben das nur schlecht kommuniziert. Der Wähler hat das einfach noch nicht begriffen.

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