Unruhen in Iran Irans schweigende Großajatollahs

Die geistliche Elite Irans lehnt den alten und neuen Präsidenten Ahmadineschad ab. Doch bislang ergreift sie keine Partei

Irans Oppositionsführer Mussawi im April dieses Jahres  in Qom bei Großajatollah Yusef Sanei, einem Reform-Kleriker

Irans Oppositionsführer Mussawi im April dieses Jahres in Qom bei Großajatollah Yusef Sanei, einem Reform-Kleriker

Die 14 Großajatollahs des Iran geben sich wortkarg. Sie sind fast alle über 75, leben in Qom und bilden die höchste theologische Autorität im Land. Und glaubt man ihrer Umgebung, hat keiner von ihnen am 12. Juni Mahmud Ahmadineschad gewählt. Die Mitarbeiter des Präsidenten beklagen sich inzwischen offen in den Zeitungen, die Großen aus Qom hätten ihrem Chef immer noch nicht zu seinem glorreichen Wahlsieg gratuliert. Gegenkandidat Mir Hussein Mussawi adressierte an die schiitische Elite einen Brief mit der Bitte, gegen den Wahlbetrug öffentlich Stellung zu beziehen, sonst werde Iran in einer Tyrannei enden.

Doch sie ergreifen keine Partei, auch wenn sie mehr als sonst durchblicken lassen, was sie denken. Großajatollah Nasser Shirazi erklärte, der Konflikt müsse so gelöst werden, dass keine Zweifel in den Köpfen der Menschen zurückblieben. Kollege Safi Golpaygani forderte den Wächterrat auf, wie ein neutraler Schiedsrichter zu agieren und nicht für eine Seite Partei zu ergreifen. Und Großajatollah Abdolkarim Mousawi Ardabili redete den Sicherheitskräften ins Gewissen, nicht mit Gewalt gegen Demonstranten vorzugehen. Angriffe auf Universitäten oder das Eindringen in Privathäuser sei „ungesetzlich” und „unislamisch”.

Anzeige

Damit aber ist der iranische Klerus genauso gespalten wie die Bevölkerung. Das Klischee vom Mullah-Staat hat nie gestimmt. Nach Berechnungen von Wilfried Buchta, dem wohl besten Kenner des iranischen Regierungssystems im deutschsprachigen Raum, unterstützen von den etwa 5000 Ajatollahs in Iran keine 100 offiziell das Regime oder haben politische Ämter inne – wie etwa der Hardliner Ajatollah Ahmad Chatami, der beim gestrigen Freitagsgebet in Teheran eine „bessere Kontrolle“ der ausländischen Journalisten forderte, die „in den Straßen herumlaufen und mit Informationen über ihre Satellitentelefone die Leute aufhetzen“.

Ähnlich ist das Bild auch im mittleren und einfachen Klerus. 28.000 Männer tragen den Titel Hujjatulislam und haben eine fundierte theologische Ausbildung. Doch nur 2000 von ihnen sind Regime-Geistliche, am bekanntesten sind der früheren Präsident Mohammed Chatami, Präsidentschaftskandidat Mehdi Karroubi sowie der Vorsitzende des Expertenrates, Hashemi Rafsandschani.

Die Zahl der einfachen Geistlichen schätzt Buchta auf 180.000, kaum mehr als 4000 von ihnen sind politisch tätig. „Während sich ein Teil der Geistlichen zu einer Art Nomenklatura wandelte, steht der Großteil der Schia-Kleriker, der weiter an der Tradition der politischen Enthaltsamkeit festhält, dem Regime in schweigender Ablehnung gegenüber“, schreibt der Iran-Experte.

Leser-Kommentare
  1. der schreibt mit dem Stift im Auge

    • Rehad
    • 28.06.2009 um 5:55 Uhr

    Sehr geehrter Herr Gehlen,

    es geziemt sich nicht als seriöser Journalist, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen. Wieso wird nicht der andere Aspekt erwähnt, dass die von ihnen genannten Ayatullah-Herrschaften allesamt zur Gesetzestreue aufgerufen haben und somit eine Neuwahl abgelehnt haben?

    Mit freundlichen Grüßen

    Rehad Shayan Arkian

  2. Es gibt auch viele Iraner, die viel Geld besitzen, frei in der Welt herumreisen und sich hinter vorgehaltener Hand kritisch über die politischen Morde äussern. Aber ihnen geht es gut und sie sind offiziell auf keinen Fall gegen das Regime. Wen interessiert es dann, dass einige tausen unter schlimmsten Bedingungen inhaftiert wurden? Dass die Sippenstrafe wie bei den Nazis praktiziert wird, das heisst die ganze Familie wird bestradt, Renten werden einbehalten, Menschen werden brutal aus den Häusern vertrieben? Es betrifft ja nur einige tausend Protestler und deren Angehörige. Bloss nicht auffallen ist jetzt die Devise, dia Angst ist gross, selbst betroffen zu sein. Da werden Protestlern Drogendelikte untergeschoben, damit man sie auch offiziell umbringen kann. Sonst werden sie einfach per Mordauftrag gegen Bezahlung entführt und umgebracht. Die Familie erfährt nichts über den Verbleib und wird noch an den Tötungskosten beteiligt. Das ist so unglaublich und alles wird versucht um diese Fakten im Lande zu lassen und zu löschen. Vielleicht steht es irgendwann einmal in den Geschichtsbüchern.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service