In Deutschland bringen die Ämter immer mehr Kinder und Jugendliche zeitweise in Heimen unter, weil die Eltern mit der Erziehung überfordert sind. Die Zahl der so in Obhut genommenen Minderjährigen stieg 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 14,4 Prozent auf 32.300 an, wie das Statistische Bundesamt am Donnerstag mitteilte. Verglichen mit dem Jahr 2005 beträgt die Zunahme sogar 26 Prozent.

Auch die Sorgerrechtsentzüge steigen weiter an. Oft wird dies von Politikern und Medien als positive Entwicklung interpretiert. Die Begründung: Die Kultur des Hinschauens funktioniere, die Bevölkerung reagiere sensibler und die Jugendämter seien sich ihrer Verantwortung stärker bewusst und intervenierten schneller und konsequenter. Als Sozialarbeiter, der tagtäglich mit dem Thema beschäftigt ist, kann ich diese Interpretation nicht teilen.

Jugendhilfe nach Kassenlage

Seit Jahren weisen Sozialarbeiter auf die stetige Zunahme familiärer Notlagen und Krisen hin und fordern, darauf mit dem Ausbau präventiver Hilfen zu reagieren. Das Gegenteil geschieht, jedenfalls in armen Kommunen. Gerade dort, wo es aufgrund der Bevölkerungsstruktur am nötigsten wäre, können sich die Kommunen keine gut ausgestattete Jugendhilfe leisten. Eine Folge des Föderalismus.

Berlin zum Beispiel ist hoch verschuldet. Hier schwelt seit Monaten eine Auseinandersetzung zwischen dem Senat und den Bezirken um den Etat für die Hilfen zur Erziehung. Der Finanzsenator wirft den Jugendämtern und damit uns Sozialarbeitern vor, zu viel Geld auszugeben. Insgesamt 363 Millionen Euro haben die Hilfen zur Erziehung in Berlin 2008 gekostet, 44 Millionen mehr als eingeplant waren. Für 2010 plant der Senat einen Etat von 340 Millionen Euro vor, also erneut 25 Millionen weniger als benötigt.

Der Bezirk Mitte musste kürzlich den Notstand ausrufen und eine Haushaltssperre verfügen. Allein an den Hilfen zur Erziehung sollen sieben von 30 Millionen Euro eingespart werden, das ist fast ein Viertel der zur Verfügung stehenden Mittel. Dazu noch einmal etwa drei Millionen bei der Jugendarbeit und im Jugendfreizeitbereich.

Wie soll das gehen in einem Bezirk, dessen Stadtteile Wedding und Tiergarten bekanntermaßen sozial hoch belastetet sind? Zwei von drei Kindern gelten hier als arm, und viele Eltern sind wegen ihrer eigenen defizitären Kindheit nicht in der Lage, ihre Kinder adäquat zu versorgen, zu erziehen und zu fördern.