Literatur-Wettbewerb Schon hundert Mal gehört

Brav, bieder, bemüht: An die ersten Texte auf dem diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb wird man sich kaum erinnern. Vielleicht aber an eine kleine Papiervernichtung

Philipp Weiss verspeiste seinen Text. War wohl Esspapier

Philipp Weiss verspeiste seinen Text. War wohl Esspapier

Wann immer die Rede auf den Bachmann-Preis kommt, dauert es nicht lang, und das Gespräch schwenkt ins Jahr 1983, zu Rainald Goetz und dem wohl berühmtesten Auftritt in der Geschichte des Klagenfurter Wettlesens. Das hat Goetz weniger seinem hervorragenden Text Subito zu danken als seinem blutüberströmtem Dichtergesicht am Ende seiner Lesung. Mit einer Rasierklinge hatte er sich die Stirn aufgeschnitten, und dieser Moment blieb einigen im Gedächtnis, die Jüngeren finden es bei YouTube. Damals gewann übrigens Friederike Roth. Wer hätte es gewusst?

Üblicherweise aber passiert beim Bachmann-Preis, freilich bis auf das Gelesene, wenig. Man kann es charmant finden oder spröde, wenn Jahr für Jahr tapfer die gleichen Bilder im Fernsehen flimmern: Schriftsteller sitzt auf Stuhl. Schriftsteller liest Text. Text dauert 30 Minuten. Publikum sitzt auf Holzbänken. Scheinwerfer erwärmen Publikum. Publikum schwitzt beflissen. Schriftsteller ist fertig. Jury beginnt Diskussion. Schriftsteller hört zu. Jury ist fertig. Schriftsteller ab. Der nächste bitte. Zur Beliebigkeit dieser Bilder kommt leiderleider auch gelegentlich auch die der Texte hinzu.

"Das habe ich alles schon hundert Mal gehört" – von unterschiedlichen Juroren, zu unterschiedlichen Texten, war das wohl der Leitsatz des ersten Tages des diesjährigen Wettbewerbs. Fünf Texte wurden der siebenköpfigen Jury präsentiert: Die brave, zuweilen auch unterhaltsame Fingerübung des jungen Philipp Weiss über das Weh und Ach literarischen Schaffens. Die überraschungsarme, solide Geschichte Der Mann mit der Uhr von Lorent Langenegger. Der famos vorgetragene, doch leicht biedere Novellenauszug Heimgehen von Karsten Krampitz. Die Berlinerin Christiane Neudecker las Wo viel Licht ist, einen staksigen Text über den Ich-Verlust im heutigen Technologiezeitalter. Und Bruno Preisendörfer eine Burleske über Gott und einen Psychoanalytiker in der Sinnkrise.

Wirklich überzeugend war keiner. Immerhin durfte die Moderatorin Clarissa Stadler sagen, es sei "polarisierend", weil das eine Währung ist, die man im Fernsehen gerne hat. Es bleiben ja noch zwei Tage.

Von diesem ersten wird womöglich nur die Szene übrig bleiben, in der Philipp Weiss nach getaner Arbeit seinen Text aufisst, seitenweise, Papier um Papier. Man könnte es Textperformance nennen. Im Publikum versicherte die Mutter eines Kleinkindes, das sei aber nicht weiter gefährlich. Irgendwann kommt’s halt wieder raus.

 
Leser-Kommentare
  1. Es heißt immer, man solle nicht alles misslingen des Wettbewerbs der Jury anlasten. Aber für die Auswahl der Texte ist doch wirklich die Jury verantwortlich. Dass die Texte brav, bieder und bemüht sind kann man nicht den Autorinnen und Autor anlasten, die ja ausgewählt wurden. Sie müssen also das Gefühl haben, dass ihre Texte von Bedeutung sind. Wenn man die drei Bs weghaben will, braucht man eben auch Juroren, die nicht brav, bieder und bemüht sind.

  2. Solch eine Jury habe ich noch nicht erlebt. Und die Österreicher schlagen alle: Die kantige Karin Fleischanderl zerreißt mit dem Charme einer hungrigen Bulldoge jeden Text und der Wiener Misanthrop Paul Jandl quäkt seine miese Kritik (und immer hat er sich gelangweilt, der sensible Herr) emotionslos in die Runde. Vorbereitet waren die meisten Jurymitglieder auch nicht besonders gut (Ausnahme: Spinnen, Keller, Sulzer). Die Moderatorin Clarissa Stadler war augenscheinlich überfordert mit ihrer Aufgabe. Da war Ernst Grandits ein anderes Kaliber. Bei dieser Jury sollte man es 2010 lassen, das Wettlesen.

  3. wie es besser gehen könnte: http://begleitschreiben.t...

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