Die Geschichte des Dritten Reiches gilt als der am besten erforschte Zeitraum in der deutschen Vergangenheit. Doch auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Hitler-Regimes, entdecken Historiker neue Fakten.

Eine im Juni veröffentlichte Doktorarbeit lenkt nun die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen nur wenig bekannten Aspekt der nationalsozialistischen Unterdrückung: Sie schildert das Schicksal von Zwangsprostituierten, die in den Bordellen der Konzentrationslager arbeiten mussten.

Zwar wissen Geschichtswissenschaftler seit Jahren, dass es in zehn Konzentrationslagern sogenannte Sonderbaracken gegeben hat, in denen weibliche KZ-Häftlinge sich im Auftrag der SS prostituieren mussten. Ihre Kunden waren ausschließlich Mithäftlinge, die den Bordellbesuch als Auszeichnung, als Sonderprämie bekamen. SS-Männern war der Besuch des Lagerbordells nicht gestattet. Doch über die Frauen, die dort arbeiten mussten, wusste man bisher kaum etwas.

Dem Kulturwissenschaftler Robert Sommer und seiner Dissertation "Das KZ-Bordell. Sexuelle Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Konzentrationslagern" ist es zu verdanken, dass eine Forschungslücke geschlossen wurde. Er recherchierte die Namen von 170 Zwangsprostituierten und rekonstruierte Teile ihres Leidensweges. Dazu wertete er Dokumente aus mehr als 80 Archiven aus und führte Interviews mit Betroffenen.

Nur sehr wenige Zeitzeugen hatten zuvor aus erster Hand über die Zwangsprostituierten in den Lagern berichtet. Es gibt kaum Fotografien aus den Bordellen, nach 1945 hat kein Prozess deswegen stattgefunden – denn es wurde nie Anklage erhoben.

Die betroffenen Frauen schwiegen aus Scham. Sie wurden nach dem Krieg ein zweites Mal zum Opfer: Ihr Leid wurde nie anerkannt, und sie wurden von anderen Opfergruppen sogar angefeindet. Der Vorwurf einiger ehemaliger Mitgefangenen war: Ihr habt euren Körper an die Nazis verkauft, um ein leichteres Leben im KZ zu haben. Das seelische Leiden der Sexsklavinnen wurde lange als gering erachtet. Unterschlagen wurde auch, dass die meisten der rund 200 KZ-Prostituierten sich keineswegs freiwillig zu ihrer "Sondertätigkeit" meldeten.

Frauen, die sich weigerten im KZ-Bordell anzuschaffen, drohten drakonische Strafen. Zudem versprachen SS-Aufseherinnen des Bordells den eingeschüchterten Neuankömmlingen, dass sie nach einem halben Jahr frei kämen, wenn sie sich fügten. Das war eine Lüge –Zwangsprostituierte, die von Freiern mit Geschlechtskrankheiten angesteckt oder schwanger wurden, verlegte die SS in das KZ Ravensbrück – sagte die Historikerin Christl Wickert. Im KZ Ravensbrück starben Zehntausende Gefangene durch Entkräftung, an Hunger und an Krankheiten.

Die meisten Zwangsprostiuierten überlebten jedoch das Vernichtungssystem der Nazis. Freiheit brachte den Frauen in den Lagerbordellen erst das Kriegsende. Sommer betont, dass die meisten Lagerprostituierten ihre KZ-Haft überlebten.

Die SS wählte die Frauen meist im KZ Ravensbrück aus. Viele der Zwangsprostituierten kamen aus der Gruppe der "Asozialen", so nannten die Nazis Menschen, die aus sozialer Not oder weil sie es wollten, am Rande der Gesellschaft lebten. Jüdische Frauen kamen für die SS nicht infrage, weil eine Verbindung eines Deutschen mit einer Nichtarierin als "Rassenschande" galt. Frauen, die wegen einer Beziehung mit einem Juden ins KZ eingewiesen worden waren, wurden hingegen sehr wohl als Zwangsprostituierte rekrutiert – sie galten in den Augen der Nazis als zügellos.

Mit den Prostituierten als Opfer beschäftigten sich Historiker erstmals in den 1990er-Jahren intensiver. "Die Existenz der KZ-Bordelle wurde in der kollektiven Erinnerung und Geschichtsschreibung lange tabuisiert", fasst Sommer zusammen. Die Geschichtswissenschaft beschäftigte sich zunächst vor allem mit den jüdischen und politischen Häftlingen.

Die Geschichte der Lagerbordelle schien nicht zu der Geschichte der SS zu passen. Denn Prostituierte zählten die Nationalsozialisten zu den Feinden eines gesunden Volkskörpers. Sie sollten aus dem öffentlichen Leben verschwinden und wurden von der Polizei verfolgt, wenn sie die strengen Auflagen der Behörden verletzten. Prostituierte konnten leicht und schnell von den Behörden ins KZ eingewiesen werden. Im Konzentrationslager aber wurden sie von der SS wiederum zur Prostitution gezwungen. Die Doppelmoral der SS wird hierbei besonders deutlich.

Die Lagerbordelle waren im System der Verfolgung und Vernichtung zunächst nicht vorgesehen. Doch mit dem Einmarsch der Wehrmacht in immer weitere Länder, gewannen die Konzentrationslager für die deutsche Kriegswirtschaft stetig an Bedeutung. In den KZs schufteten die Gefangenen in Tongruben und Steinbrüchen. Sie fertigten die Häftlinge Gewehre, nähten Zeltplanen oder produzierten Torpedozünder. SS-Führer Heinrich Himmler wollte die Motivation der KZ-Gefangenen stärken. Er führte deswegen einen besonderen Anreiz ein und erklärte im März 1942, "dass den fleißig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugeführt werden sollen".

Im KZ Mauthausen richtete die SS kurz drauf das erste Häftlings-Bordell ein. Mit einem Besuch in der "Sonderbaracke" belohnten die Wächter fast ausschließlich Funktionshäftlinge, die im Lager in der Verwaltung arbeiteten oder bei der Aufsicht der Gefangenen halfen.

Wie alles im SS-System, verlief auch der Bordellbesuch streng geregelt. Häftlinge, die zu den Prostituierten wollten, mussten ein Antragsformular ausfüllen. Der Besuch im Bordell durfte nicht länger als 20 Minuten dauern, Geschlechtsverkehr war nur im Liegen erlaubt. In den Zimmertüren waren Löcher eingelassen, damit Wachmänner das Geschehen von außen verfolgen konnten. Ein Besuch kostete zwei Mark, das Geld behielt die SS zu großen Teilen, fand die Historikerin Jessica Anderson Hughes heraus. Himmler wurde so zu einem Zuhälter, der die betroffenen Frauen gnadenlos ausbeuten ließ.