ZEIT ONLINE: Frau Scheffler, Sie, Dr. Motte und ein paar andere haben die erste Loveparade 1989 ins Leben gerufen. Techno-Beats mitten am Tag auf dem Ku‘damm waren damals unvorstellbar. Gab es da nicht schon im Vorfeld Probleme?

Miriam Scheffler: Wir dachten auch, wir müssten uns ins Zeug legen, Überredungsarbeit leisten. Aber dann war es viel einfacher und unkomplizierter, als vorher angenommen. Ich arbeitete damals im Sozialamt Charlottenburg und habe die Loveparade intern über die Fachpost als Demonstration angemeldet, vielleicht war das hilfreich: Sie wurde direkt genehmigt, man rief nur kurz vorher noch einmal an und fragte, ob der Schwarze Block auch käme.

ZEIT ONLINE:  Und?

Scheffler: Ich habe gelacht, natürlich komme der Schwarze Block nicht, habe ich gesagt. Mit denen hatten wir ja gar nichts zu tun, wir hatten alle selbst kaum Erfahrung mit Demonstrationen. Als wir uns dann am 1. Juli, es war ein Samstag, nachmittags am Wittenbergplatz trafen, von wo aus die Parade über den Ku’damm bis zum Adenauerplatz und zurück ziehen sollte, haben wir erst mal angefangen zu tanzen. Bis uns ein Polizist ansprach und erklärte, dass sich ein Demonstrationszug auch durch die Stadt bewegen müsse. Es war ein einzigartiges Gefühl, wie wir uns dann tanzend und feiernd in Bewegung setzten, für mich der größte Moment des Tages!

ZEIT ONLINE: Die Polizisten hatten so etwas sicher auch noch nicht erlebt.

Scheffler: Die meisten waren in unserem Alter, sie wurden sonst auf Demonstrationen wie am 1. Mai eingesetzt, wo es immer wieder mal heftig krachte. Während wir uns am Wittenbergplatz versammelten, waren etwa zwanzig Wannen da, so nennt man in Berlin die großen Polizeifahrzeuge mit den Einsatzkräften. Als sie uns nur tanzen sahen, entspannte man sich. Wir waren vollkommen friedlich, es gab den ganzen Tag über keine Probleme mit der Polizei. Bei der Parade selbst habe ich auch nur noch zwei Wannen gesehen, eine an der Spitze des Zuges, eine hinten. Vorne hatten sie die Ladetür sogar geöffnet, ein paar Beamte saßen uns zugewandt am Rand des Polizeiwagens und wippten mit den Füßen mit.

ZEIT ONLINE: Wie groß war denn der Zug?

Scheffler: Ein kleiner Haufen, 100 Personen vielleicht, am Ende dann etwa 150. Wir waren froh, dass alles funktionierte, vieles war nur behelfsmäßig aufgebaut, wir hatten ja nicht viel Geld. Die Musik kam aus drei Lastwagen, aber das muss man sich ganz anders vorstellen, als es heutzutage ist: Live auflegen ging nicht, wir konnten nur Kassetten abspielen, auf jedem Wagen eine. Vorher hatten Dr. Motte, DJ Kid Paul, DJ Tanith und Westbam jeweils eine Kassette aufgenommen, die wir dann kopiert hatten. Auf Zuruf wurde in allen drei Wagen bei derselben Kassette auf Start gedrückt, es funktionierte erstaunlich gut: Die Musik lief tatsächlich einigermaßen synchron. Es war aber lange nicht so laut wie auf den späteren Paraden – wir waren froh, dass überhaupt Musik rauskam.

ZEIT ONLINE: Wie haben die Passanten reagiert?