Michael Jackson Als gäbe es keine Grenzen
Michael Jackson zog allen Glamour, alle Pestilenz und Blasphemie des Pop auf sich. Ein Wunder, dass sein Herz das so lang ausgehalten hat
Wenn man Pop rückwärts buchstabiert, kommt Pop heraus. Sieht man genauer hin, zeigt sich in dieser Tautologie – der Tod. Die Fixsterne unter den Popstars sind die toten. Nicht umsonst werden James Dean, Marilyn Monroe, John F. Kennedy, Elvis Presley als Ikonen geliebt, verehrt und massenhaft vervielfältigt. Sie waren übergroß schon zu Lebzeiten, aber erst der frühe, gar gewaltsame Tod hat sie überlebensgroß gemacht. Zu Märtyrern und Heiligen, die in einem gleichsam göttlichen Licht erstrahlen.
Ein Glanz, der nicht von dieser Welt kommt: Das ist die klassische Definition der christlich-orthodoxen Ikonenmalerei. Sie geht, wie könnte es anders sein, im Ursprung auf idealisierte Grabporträts zurück. Menschen sehnen sich, in religionsfernen Zeiten zumal, nach diesem überwältigenden Leuchten.
Vor dem Tod, sagt man, sind alle gleich, und Jacko, der erste wirklich globale Superstar, sprang als der große Gleichmacher in die Bresche. Ein zwischen den Rassen, Geschlechtern, Generationen fluoreszierendes und faszinierendes Wesen, ein ewiger Kind-Mensch. Ein Menschenkind, das keine Kindheit hatte. Dem die Gesetze des Business von klein auf eingeprügelt wurden. Der auf der Flucht vor dem Verfall die Geister rief. Der mit den Zombies tanzte (Thriller) und im Moonwalk über die Erde fegte, als gäbe es keine Grenzen und kein Alter. Der sich als gebrochene, zerstörte Kreatur auf seine Neverland-Ranch zurückzog: Peter Pan und Captain Hook in einer Haut.
Kein Punk hat je die schauerliche Morbidität erreicht, die Michael Jackson umgab. Schönheitsoperationen, Geldprobleme, Prozesse wegen Kindesmissbrauch: Sein Unglücks- und Sündenregister bleibt unerreicht. Er galt als ausgebrannt, erledigt, ruiniert, er bot ein Bild des Jammers ohnegleichen. Eine tragische Hülle, kaum noch von Haut und Knochen, oft am Rande der Lächerlichkeit. Wie oft hat der "King of Pop" abgedankt, aber nun erweist sich, dass seine Untertanen dies nie akzeptiert haben. Eine Million Tickets für die Comeback-Konzerte im Sommer in London waren blitzschnell ausverkauft, und die Nachricht vom Tod des Untoten hat in den USA Internetserver lahmgelegt.
Die weltweite Trauer um Michael Jackson gleicht einem Phantomschmerz. Abgesehen vielleicht von Madonna, scheint dem Pop das Megalomanische abhandengekommen zu sein. Jacko selbst jagte und sammelte Ikonen und Unsterblichkeitsbeweise, als er eine Elvis-Tochter heiratete (die Ehe hielt nicht lang) und die Rechte an 250 Beatles-Songs erwarb (die er wegen gigantischer Schulden wieder verkaufen musste). Neverland war lange schon ein point of no return.
Die spitze, bleiche Nase, die spillrige Figur, die großen Sonnenbrillen: Michael Jackson hat viele Masken nicht nur getragen, sie sind ihm angewachsen. Zuletzt sah es so aus, als wolle er zu einem aus der Zeit gefallenen weiblichen Filmstar mutieren, irgendwo im Schattenreich zwischen Liz Taylor, mit der er eng befreundet war und sich in seinem riesigen Gästebett Walt-Disney-Filme anschaute, und Gloria Swanson (Boulevard der Dämmerung).
- Datum 29.06.2009 - 11:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Die allgemeine Trauerhysterie ist verständlich, auch wenn es sich bei den zahlreichen Oldies der internationalen Trauergemeinde wohl eher um das Betrauern einer für sie selbst verlorenen Zeit handelt, mit der in ihrem Fall eben Musik und Erscheinung von MJ verbunden ist.
Was MJs Person und kulturelle Bedeutung angeht:
1. Künstlerischer Wert = Musik/Tanz - Hollywood-Pomp
2. Vorbildfunktion = Künstlerischer Wert - persönliche Lebensführung
Wahrscheinlich ist das der Preis, den einer wie Michael Jackson zahlen muss: Ein früher Tod. Wer so (ge)lebt (hat), verbraucht sich allzu schnell. Kreativität ist ebensowenig unbegrenzt vorhanden, wie physische und psychische Kraft. Aber: Hätte man sich denn MJ vorstellen können, wie er als 80jähriger im Schaukelstuhl wippt und auf sein (erfülltes?) Leben blickt? Es kam so, wie es kommen musste. Und wie es wohl auch sein sollte. Wir, die "Normalen", müssen ihm und seinesgleichen, von denen es zur selben Zeit immer nur sehr wenige gibt, dennoch dankbar sein. Denn ganz unabhängig von der persönlichen Meinung über den Menschen oder seine Musik und Kunst bilden die Michael Jacksons dieser Welt den Horizont an Machbarem und Außerordentlichen, an dem wir anderen uns orientieren können.
... denn alle verfügbaren Videoschnipsel und Sound-Aufnahmen der Proben zum großen Comeback sind sicherlich schon in der DVD Produktion. Wenn dann die Todesvermarktungsmaschinerie angelaufen ist, kann's erst so richtig los gehen, mit der individuellen Trauer und Betroffenheit vor dem heimischen Videokino - gegen geringe Gebühr versteht sich, für das dann möglicher weise noch bessere, erfolgreichste, noch superlativste "MJ Album" aller Zeiten. In God they trust? (TPL)
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