Auf dem Schulhof war Michael Jackson – das – Thema. Die Kleinen erzählten sich wohlig gruselnd vom kunstblutigen, 18 Minuten langen Thriller-Video. Die Großen probten den Moonwalk und griffen sich in den Schritt. Anfang der achtziger Jahre war das, "Jacko" hatte sich mit seinem Album Thriller zum "King of Pop" gekrönt. Einige kosmetische Operationen, Kindesmissbrauchsvorwürfe und Exzentrismen später ist das Herz des Königs am Donnerstag stehen geblieben.

Zu Jacksons Liedern musste man tanzen, ob man wollte oder nicht: Beat It, Billie Jean, später Bad, The Way You Make Me Feel, Man In The Mirror und Dirty Diana, sie gingen in die Füße – großartiger Stoff, auch wenn viele Uhs und Ahs die sehr amerikanischen Texte für Schulenglisch-Sprecher vollends unverständlich machten. Aber da halfen ja, es war die große Zeit von MTV, die aufwändigen Videos.

Die Jackson Five, Michael und seine Geschwister, waren die Stars beim schwarzen Soul-Label Motown; als Jacko mit 13 Jahren Solopfade betrat, spielte er schnurgeraden R'n'B. Aber es gelang dem Jungen aus Gary, Indiana, wie keinem anderen, Disco-Glitzer und sogar Rap zu integrieren, die schwarze Musik massentauglich zu modernisieren. Nicht nur für Weiße, auch für Latinos, für Aussies und Asiaten: Heute unterbrachen Fernsehsender in Südkorea und Australien ihr Programm, um den Tod des Königs zu vermelden.

Michael Jackson hat eine Epoche geprägt, die trotz oder wegen der Inflation von Revival-Sendungen kaum jemand ernst nimmt: die Achtziger. Er lieferte mit geschätzten 750 Millionen verkauften Tonträgern den Soundtrack, und er war das modische Vorbild für viele ihrer äußerlichen Erscheinungsformen. Die weißen Socken des Musikers waren auch im letzten Provinzwinkel angesagt. Und würde ein Thomas Gottschalk, der uns gegenwärtige Dinosaurier der Achtziger, diese Anzüge tragen, wenn Jacko nicht Fantasieuniformen und Glitzerhandschuhe salontauglich gemacht hätte?

Es wird in der labyrinthischen Psyche Jackos begründet liegen, dass seine Musik, sein Stil gerade in diesem Jahrzehnt so gut den Geschmack der Welt trafen: Er war ein Hybridwesen – und damit eine hervorragende Identifikationsfigur für die orientierungslosen Heranwachsenden einer Welt, in der Grenzen sich auflösten. Die Machtblöcke tauten. Der Blick weitete sich über die USA und Europa hinaus auf das, was später Globalisierung heißen sollte. Und dazu proklamierte jemand We are the world, der weder richtig männlich noch richtig weiblich war, weder eindeutig schwarz noch eindeutig weiß, kein Teeniestar mehr, aber noch keiner dieser suspekten, abgerockten Veteranen.

Der Mann, der nie eine Kindheit gehabt hatte, war der verunsicherte Sänger eines verunsicherten Zeitalters. Doch die Achtziger gingen zu Ende, und Jackson blieb verunsichert. Sein großes Jahrzehnt hatte 1979 mit Off the Wall begonnen, dem ersten seiner von Quincy Jones produzierten Soloalben, und es endete 1991: Da hatte er sich nach Thriller (1982) und Bad (1987) von Jones getrennt und brachte das von Teddy Riley produzierte Album Dangerous heraus. Das Video zur Hit-Single Black or White war damals das teuerste aller Zeiten.