Shell in Nigeria "Ken Saro-Wiwa ging es nicht ums Geld"

Die nigerianische Menschenrechts-Aktivistin Hafsat Abiola mahnt den Öl-Konzern Shell, die Umweltschäden im erdölreichen Nigerdelta nicht mehr länger zu ignorieren

Der Ölkonzern Shell hat sich Anfang Juni bereit erklärt, den Hinterbliebenen des 1995 hingerichteten nigerianischen Schriftstellers Ken Saro-Wiwa und seiner Mitstreiter rund 15 Millionen Dollar zu zahlen. Der Träger des Alternativen Nobelpreises Ken Saro-Wiwa hatte sich jahrelang gegen den Raubbau im Nigerdelta zur Wehr gesetzt.

Über die Bedeutung dieser außergerichtlichen Einigung sprach ZEIT ONLINE mit der nigerianischen Menschenrechts-Aktivistin Hafsat Abiola. Ihr Vater, Moshood Abiola war 1993 Sieger der ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen Nigerias. Der damals regierende Diktator General Abacha annullierte die Wahl und ließ Moshood Abiola inhaftieren. Er starb 1998, am Vorabend seiner Freilassung, unter ungeklärten Umständen. Hafsat Abiolas Mutter, Kudirat Abiola, hatte damals eine Bürgerinitiative für die Freilassung ihres Mannes gegründet und wurde 1996 in Lagos auf offener Straße erschossen.

ZEIT ONLINE: Der Erdölkonzern Shell hat sich vor wenigen Wochen bereit erklärt, den Familien von Ken Saro-Wiwa und weiteren hingerichteten Stammesmitgliedern der Ogoni insgesamt 15,5 Millionen Dollar zu zahlen. Welche Bedeutung hat diese Zahlung?

Hafsat Abiola: Ken Saro Wiwa hat damals, 1995, am Vorabend seiner Verurteilung zum Tode einen Brief geschrieben. Er schrieb, dass offiziell zwar er der Angeklagte in diesem Gerichtsverfahren gewesen sei, in Wahrheit aber Shell vor Gericht stehe. Ken Saro-Wiwa und die anderen Ogoni-Führer haben für die Bewohner des Niger-Deltas ihr Leben geopfert. Es ging ihnen darum, dass die Bewohner dieser Region endlich selbst bestimmt können, was mit ihren Bodenschätzen geschieht. Die jetzige außergerichtliche Einigung mit Shell ist ein Gezeitenwechsel. Das Schicksal der Ogoni ist ja nicht einzigartig, ähnliche Schicksale können sie überall auf dem afrikanischen Kontinent beobachten. Die Völker Afrikas wollen ihre Wirtschaftsbeziehungen zu den multinationalen Konzernen neu gestalten und Shell hat inzwischen begriffen, dass es seine Geschäftspraktiken in Afrika ändern muss.

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ZEIT ONLINE: Shell behauptet, die außergerichtliche Einigung sei Teil eines Aussöhnungsprozesses, leugnet gleichzeitig aber jede Verwicklung in die Ereignisse, die damals zur Hinrichtung von Ken Saro-Wiwa geführt hatten.

Hafsat Abiola: Ken Saro-Wiwa ging es nicht darum, Geld von Shell zu bekommen. Es ging ihm darum, dass das Volk der Ogoni selbst bestimmen kann, was mit ihrem Land geschieht und wie sich die Erdölkonzerne im Nigerdelta verhalten. Dieses Recht wurde ihnen bis heute verwehrt. Eine wirkliche Aussöhnung kann Shell deshalb nur erreichen, wenn sich das Unternehmen einmal aus nächster Nähe anschauen würde, wie sich die Erdölförderung auf die Bewohner des Nigerdeltas, und anderer Regionen auswirkt. Die Ogoni haben kaum Schulen und eine schlechte medizinische Versorgung, gleichzeitig haben die multinationalen Konzerne und die nigerianische Regierung in der Ogoni-Region Milliarden erwirtschaftet.

ZEIT ONLINE: In einer seiner letzten Stellungnahmen vor Gericht schrieb Ken Saro-Wiwa, Shell führe im Nigerdelta einen ökologischen Krieg für den das Unternehmen ohne Zweifel eines Tages zur Rechenschaft gezogen werde. Ist die jetzige Zahlung an die Hinterbliebenen wirklich Indiz für einen Richtungswechsel bei Shell?

Das Nigerdelta im Süden Nigerias (Klicken Sie hier, um die Karte in vergrößerter Darstellung zu sehen)

Hafsat Abiola: Ich glaube, dieser Mentalitätswandel begann schon 1995 mit der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas. Anschließend haben viele Menschen in Europa und den USA Shell mehrere Jahre lang boykottiert. Ich glaube aber schon, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Der ökologische Krieg, von dem Ken Saro-Wiwa damals sprach, tobt ja noch immer, einfach weil die Ölkonzerne von so großer strategischer Bedeutung für die Volkswirtschaften aller Industriestaaten sind und deshalb eine enorme Macht haben. Die Menschen in vielen Erdölregionen wollen aber keine Ausbeutung ihrer Ölvorkommen. Die Ölförderung zerstört ihre Landwirtschaften, ihr Grundwasser, ihre Fischereien.

ZEIT ONLINE: Wenige Jahre nach Ken Saro Wiwas Tod hat Nigeria die Militärdiktatur überwunden. Wäre Ken Saro-Wiwa noch am Leben, wie würde er wohl die heutige politische Kultur Nigerias beurteilen?

Hafsat Abiola: Ken Saro-Wiwa war am Kampf um Demokratie in Nigeria nicht sonderlich interessiert. Das ist etwas, was mich zunächst sehr enttäuscht hat. Nachdem wir aber 1999 die Militärregierung überwunden hatten und uns daran machten, Nigerias Demokratie wiederherzustellen, fing ich an zu verstehen, was er meinte, denn im neuen demokratischen System Nigerias waren nur die größten ethnischen Gruppen repräsentiert. Die Unruhen im Nigerdelta rühren ja auch daher, dass die Minderheiten dort kein Gehör finden. Deshalb kommt es auch weiterhin zu Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung und der Armee und es werden immer wieder Erdöl-Angestellte entführt. Wir haben in Nigeria verschiedene politische Systeme ausprobiert, eine Präsidial-Demokratie, eine parlamentarische Demokratie, aber solange wir keine Demokratie haben, die die vielen ethnischen Nationen innerhalb Nigerias repräsentiert, bringen wir das Land nicht vorwärts. Wir brauchen ein integratives politisches System, das der EU ähnelt, die ja auch die Rechte ihrer kleinsten Mitgliedsstaaten anerkennt.

ZEIT ONLINE: Sie haben zu Ehren ihrer ermordeten Mutter eine Organisation gegründet, die speziell junge Frauen in Nigeria zu Führungskräften ausbilden will. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Nigeria beträgt nur 19 Jahre, die durchschnittliche Lebenserwartung nur etwa 46 Jahre. Wie gelingt es ihnen, junge Menschen für das Thema Demokratie zu begeistern?

Hafsat Abiola: Mir bleibt nur die Hoffnung, dass die Jüngeren verstehen, dass es für jede Anstrengung im Leben immer irgendwann eine Belohnung geben wird. Aber es ist schon so, dass nur wenige Menschen in Nigeria für einen gesellschaftlichen Wandel kämpfen mögen. Die meisten verfolgen lieber nur kurzfristige, leichter erreichbare Ziele. Unser Land werden wir aber nur verbessern können, wenn sich noch mehr intelligente und gutherzige Menschen leidenschaftlich für ihre Gesellschaft engagieren.

Die Fragen stellte Alysa Selene

 
Leser-Kommentare
    • Gafra
    • 28.06.2009 um 11:09 Uhr

    man die Probleme der ganzen Welt nicht hier lösen zu können, wenn diese Armuts- und Umweltflüchtlinge zu uns kommen. Dabei sind viele (nicht alle!) Probleme durch unsere Konzerne, Industrie (Fischfang) und unseren Rohstoffhunger verursacht.

    15, 5 Millionen, das bezahlen die doch aus der Portokasse!

  1. Abgesehen von den immensen Schäden, die dieser Konzern in einem fremden Land hinterlassen hat, ist es schon blamabel, wie hier noch mit "Eigentum" spekuliert wird, das nach geltendem internationalen Recht mehr als fragwürdig ist. Wenn die Menschen in einem Land ihre Bodenschätze zurückfordern müssen, ist bereits Unrecht im Spiel, sonst wäre das bereits überflüssig.
    Die Gewohnheit an eine Überlegenheit kann sich in den kommenden Zeiten als gefährliche Illusion entpuppen.
    Shell könnte nicht nur für seinen Ruf eine Bresche schlagen, die später dann dem bald notwendigen Image eines verlässlichen Kooperationspartners nur nützen kann. Die imperiale Gestaltung in der Nutzung der Rohstoffe dieser Welt geht ihrem Ende entgegen.
    Wie lange es dauert, dass Länder der "3.Welt" von ernst zunehmenden Demokratien vertreten werden, lässt sich nicht voraussehen. Hier können wir uns auf Überraschungen gefasst machen.

  2. Gerade in Westafrika tut sich der ELF/Total - Konzern durch ungebändigte Gier und komplett fehlendes Verantwortungsbewusstsein hervor.

    _________________________________________________
    Lassen wir Taten folgen:
    Werden Sie Mitglied, wählen Sie die Piratenpartei.
    Für Freiheit und Demokratie.
    Denn etwas besseres als den Tod finden wir überall.

  3. Ein sehr eindrucksvoller Aufsatz von 1995

    zum Tode des Alternativen Nobelpreisträgers Ken Sara Wiwa
    in Verbindung mit der Weltethosidee,
    bei der es um Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Lebensgrundlagen geht:

    http://www.gmpanschulen.d...

  4. Diese Pipeline-Galaxien, egal ob russisch, amerikanisch, chinesisch im Irak, Afghanistan, Georgien usw. werden uns noch in ein schwarzes Loch herunterspülen...

    Medvedev hat bei seinem Besuch am 24.Juni 2009 mit dem nigerianischen Presidenten Umaru Yar’Adua eine Art "letter of intend" unterzeichnet in dem es darum geht, dass Gazprom Nigeria "hilft" die riesigen Öl und Gasvorkommen in einer gewaltigen Pipeline, quer durch die Sahara, nach Europa zu schaffen. Und Bum: die MEND, Movement for the Emancipation of the Niger Delta, jagt die Pipeline der Shell in die Luft. Wer verdreckt da eigentlich die Umwelt?

    Fakt ist doch das diese terroristischen Angriffe die nigerianische Regierung um fast eine Million Barrel pro Tag gebracht haben (International Energy Agency: 2006 2,6 Millionen pro Tag und heute 1,8 Millionen). Es braucht also mit viel Fantasie sich vorzustellen was hinter diesem ganzen Friedenkämpferterrorimus steckt und wer sie mit Waffen versorgt.

    Gazprom kommt in dem Interview nicht ein einziges Mal vor. Warum auch wenn die Herren alles ungestört über ihre Satellitentelefone von ihren, auf Cayman Island registrierten, Yachten an der französischen Riviera erledigen. Da fallen auch immer ein paar Taler für Töchter von "late" Statesmen ab, als Alibikosmetik sozusagen.

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