ZEIT ONLINE: Frau Bestle, Ihre Online-Petition für eine Reform der Gema-Berechnungsgrundlagen hat schon 77.000 Unterzeichner. Es hätten 50.000 gereicht, damit Ihr Antrag im Bundestag diskutiert wird. Warum haben Sie die Petition aufgesetzt?

Monika Bestle: Ich leite die Sonthofer Kulturwerkstatt, ein kleines Kulturzentrum. Da machen wir Theater, Kabarett, Konzerte, Vorträge und Kinderveranstaltungen. Ich fordere, dass die Gema-Kosten für Kleinveranstalter und für Künstler, die auf kleinen Bühnen auftreten, erträglich werden. Es müssen neue Strukturen geschaffen werden, mit denen Künstler und Kleinveranstalter leben können.

ZEIT ONLINE: Von welchen Kosten sprechen Sie?

Bestle: In meinem Haus haben maximal 100 Leute Platz. In dieser Größenordnung bezahlt ein Veranstalter pro Vorstellung rund 100 Euro an die Gema. Das ist viel Geld, wenn der Saal nicht ausverkauft ist, denn egal, wie viele Menschen kommen: Der Betrag bleibt gleich. Die Gema-Abgaben für jede Veranstaltung berechnen sich nach zwei Punkten: nach der Größe des Veranstaltungsraums und nach der Höhe des Eintrittspreises. Sobald auch nur ein Gema-pflichtiges Musikstück am Abend gespielt wird, fallen fixe Beträge an.

ZEIT ONLINE: Die Gema plant sogar eine Tariferhöhung um 600 Prozent. Sind Sie davon betroffen?

Bestle: Nein. Die Anhebung trifft die Großveranstalter, die 3000 Besucher und mehr haben. Deren Vertreter schreien nun auf und hängen sich an meine Online-Petition. Dagegen wäre nichts zu sagen. Nur: Eine angebliche Erhöhung um 600 Prozent, die die Großveranstalter beklagen, entspricht nicht der Wahrheit. Diesen Protest kann ich nicht unterstützen. Mir geht es um die flächendeckende Kultur in Deutschland und darum, jungen Künstlern ein Sprungbrett zu bieten. Die kleinen Veranstalter gewährleisten, dass in ganz Deutschland – nicht nur in den Metropolen – Kultur stattfindet. Derzeit aber werden sie systematisch ruiniert.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Bestle: Die Gema legt den Veranstaltern harte Bandagen an. Kleinste Nachlässigkeiten ahndet sie oft hart. Dann droht die Verwertungsgesellschaft mit dem Anwalt, der treibt Geld ein, Recherchegebühren werden fällig. Die Kleinen können sich so etwas nicht leisten.

ZEIT ONLINE: Es gibt jetzt rund 77.000 Unterzeichner. Wie erklären Sie sich das? Liegt das an einer sehr gut vernetzten Musikszene? Oder hat der Skandal um Netzsperren gegen Kinderpornografie zu einer allgemein erhöhten Wahrnehmung von Online-Petitionen geführt, sodass jetzt auch viele Trittbrettfahrer mitmachen?

Bestle: Ich glaube nicht, dass viele Trittbrettfahrer dabei sind. Schon im letzten Sommer habe ich eine handschriftliche Petition aufgesetzt und sie an meine Künstler geschickt. Die haben sie dann weitergeleitet in ihren Verteilern, und das hat eine Lawine ausgelöst. Die Musikszene macht mobil. Auch die Besucher unserer Konzerte können Listen unterschreiben. Sie begreifen, dass die kleinen Bühnen sonst verschwinden und die Künstler auf der Straße stehen. Es geht um Arbeitsplätze. Das ist kein Zukunftsszenario, sondern Gegenwart.

ZEIT ONLINE: Hat sich die Gema schon mit Ihnen persönlich auseinandergesetzt?

Bestle: Nein. Es kam nichts. Anfangs hat mich diese Stille etwas beunruhigt. Es kommt mir vor wie David gegen Goliath. Aber je mehr Öffentlichkeit meine Gegenwehr erzielt, desto mehr Chancen sehe ich. Ich habe aus verschiedenen Richtungen gehört, dass die Petition die Gema in Bedrängnis bringt. Seitdem ist mir klar, dass wir weitermachen müssen.

ZEIT ONLINE: Ihre Argumentation erscheint angreifbar. Die Gema ist eine Künstlervertretung und will mehr Tantiemen für ihre Mitglieder. Dagegen wollen Sie nun vorgehen. Handeln Sie tatsächlich im Sinne der Künstler?