Schwarz und mit einer fast körperlich spürbaren Dichte umhüllt die Nacht die Kalahari. Keine Lichter durchlöchern die Dunkelheit, keine Lampe weist den Weg zurück zur Farm. Ich bin allein in der nächtlichen Natur, allein mit den Geräuschen der afrikanischen Savanne: Es knistert und knackt, nachtaktive Vögel und Insekten pfeifen, tschilpen und grollen sich an, irgendwo heult eine Hyäne.

"Wer Sterne wirklich sehen will, muss in die Wüste gehen", hatte Eduard Thomas, Leiter des Mediendoms in Kiel, geraten. Und genau deshalb bin ich hier. Hier trüben keine Siedlungen mit ihren künstlichen Lichtquellen und anderen Immissionen den Blick. Die Luft ist trocken und klar – ideal für Sternegucker. Natürlich möchte ich auch das Kreuz des Südens sehen, das legendäre Sternbild der Entdecker, Abenteurer und Seefahrer, die mit seiner Hilfe die Weltmeere überquert haben: Das Kreuz war ihr nächtlicher Kompass, dessen lange Achse wie der Zeiger einer Uhr auf den südlichen Himmelspol deutet und den Weg nach Süden weist.

Abertausende Sterne über mir folgen ihrer festen Route. Der Begriff Himmelszelt bekommt plötzlich eine Bedeutung: Groß und weit spannt es sich über die scheinbar grenzenlose Ebene und lässt alles darunter liegende winzig erscheinen. Mir fällt ein Zitat aus dem Kleinen Prinzen ein: "Ich liebe es, des Nachts den Sternen zuzuhören. Sie sind wie fünfhundert Millionen Glöckchen." Der Klang der Sterne, hier wird er hörbar. Das Kreuz des Südens kann ich mit meinem ungeübten Auge nicht entdecken in all dem Funkeln und Leuchten. 

Der Himmel flirrt. Mein Herz schlägt schneller. Eine unbestimmte Mischung aus Achtung, Demut und Rührseligkeit beschleicht mich. Die feierliche Erhabenheit macht Ängstlichkeit platz, als ich den Blick senke, um den Weg zurück zur Lodge zu finden. Die Hyänen heulen erschreckend nah, falls da Schlangen oder Skorpione sind, kann ich sie nicht sehen. Ganz klein und fürchterlich allein fühle ich mich. Und ein bisschen feige, als ich mein Handy anschalte, um das Display als Taschenlampe zu benutzen.

Behaglicher ist es auf der Dachterrasse, wo sich die Sternegucker nach dem Abendessen treffen. Hier steht auch ein Teleskop, ein mannshohes Gerät, dessen Linse den Durchmesser eines gut trainierten Oberschenkels hat. Modern ist es, und computergesteuert und angeblich auch von Laien zu bedienen: Stern in die Tastatur eingeben und das Fernrohr steuert das gewünschte Objekt an. Doch der Sucher bleibt dunkel, weigert sich, den Blick in den Himmel freizugeben.

Tourguide Lucky ist die Rettung. Nicht für das Teleskop. Doch er kennt den Himmel und findet die Sternbilder ohne Computer. "Das ist das Kreuz des Südens", sagt Lucky und zeigt mit dem Lichtkegel seiner Taschenlampe auf vier helle Punkte. Endlich sehe ich die berühmten Sterne. Vier Sterne, deren Konstellation an einen Kinderdrachen erinnert.